Gut ein Jahr ist es her, dass Tausende Studierende auf die Straße gingen, um gegen die so genannte Bologna-Reform zu demonstrieren. Im Zuge der Reform wurden Magister und Diplom weitgehend abgeschafft, die Studienabschlüsse sollten mit Bachelor und Master international vergleichbarer werden. Zwei Jahre lang haben Experten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Hochschulen bei der Umsetzung und Nachbesserung der Reformen beraten - und ziehen nun Bilanz. Die Ergebnisse hat der DAAD am Montag (20.06.2011) in Bonn veröffentlicht. Einer der Experten ist der Student Jens Jungblut. Jungblut hat Politikwissenschaft studiert und promoviert an der Uni Mainz. Im Interview erzählt er von Erfolgen, aber auch vom Verständnis für die Proteste und von weiterem Nachbesserungsbedarf.
WDR.de: Sie haben einen Magister-Abschluss gemacht und nun als Experte Hochschulen nach der Bologna-Reform beraten. Was ist Ihnen aufgefallen?
Jens Jungblut: Der deutlichste strukturelle Unterschied ist die Zweigliedrigkeit mit Bachelor und Master. Aber durch die Reform wurde auch der Fokus gewechselt: Von einer Zentrierung auf die Lehrenden zu einer Zentrierung auf die Lernenden. Früher war die Standard-Maßeinheit die Zahl der Semesterwochenstunden, die lediglich angab, wie viel Input seitens der Professoren etc. kam. Heute wird alles in Credits bemessen, die etwas über die Arbeitsbelastung der Studierenden aussagt. Das ist ein neuer Blickwinkel auf das Studium. Inzwischen wird auch stark darauf geachtet, ob die Programme in der vorgegebenen Regelstudienzeit machbar sind. Und was nach dem Abschluss geschieht. Das wurde in den alten Studiengängen gar nicht diskutiert.
WDR.de: Es gibt ja weiterhin viel Kritik an der Umsetzung der Bologna-Reformen, vor allem vonseiten der Studierenden, die 2009 und 2010 deswegen bundesweit protestiert haben. Wie schätzen Sie diese Kritik ein?
Jungblut: Darin steckt ja die Frage: Waren die Proteste gerechtfertigt? Ja, das waren sie. Die Proteste haben auf Missstände an vielen Hochschulen aufmerksam gemacht, vor allem bei Bachelor-Studiengängen der ersten Generation. Fehler sind bei einem derart großen Reformprojekt aber auch nicht ganz verwunderlich. Die Nachbesserungen, die nach den Protesten von den Rektoren angestoßen worden sind, gehen nun in die richtige Richtung.
WDR.de: Es hieß: Zu verschult, zu viel Prüfungsdruck - ist die Situation inzwischen besser?
Jungblut: Das waren ja die beiden Hauptkritikpunkte, und ich denke, dass da inzwischen nachgebessert wurde. Doch es gibt auch immer noch Probleme, beispielsweise auf der konzeptionellen Ebene. Denn eigentlich soll es im Studium heutzutage um eine sogenannte Kompetenzorientierung gehen: Der Studierende muss nicht ein bestimmtes Buch gelesen, sondern in einem Kurs bestimmte Fähigkeiten erworben haben. Da besteht in der praktischen Umsetzung noch ganz viel Arbeitsbedarf.
WDR.de: Sie haben sich in der Expertengruppe um die Anerkennung von Studienleistungen, die im Ausland erbracht worden sind, gekümmert. Wo muss da noch nachgebessert werden?
Jungblut: Wenn jemand zeitweise im Ausland studiert hat, wird bei der Anerkennung oft noch quantitativ verglichen, also geschaut, wie viel Creditpoints erreicht wurden. Es wird - etwas übertrieben gesagt - gefragt, welche Seiten aus welchem Buch man gelesen hat. Stattdessen sollte man meines Erachtens nach den Lernzielen schauen, die an der Hochschule festgelegt sind. Und dann kann man das mit den Kompetenzen vergleichen, die der Studierende in Modulen im Ausland erworben hat. Die schwierige Anerkennung von Leistungen aus dem Ausland ist immer noch das größte Mobilitätshindernis für Studierende.
WDR.de: Sind denn die Studierenden insgesamt mobiler als vor Bologna?
Jungblut: Zumindest sind sie nicht weniger mobil. Genaue Zahlen gibt es dazu noch nicht. Aber es gibt eine neue Mobilität, die es vorher nicht gab: Man macht den Bachelor in Deutschland, und anschließend den Master in Norwegen. Es gibt auch mehr Abkommen zwischen Hochschulen, die verstärkt doppelte Abschlüsse ermöglichen: Nach zwei Jahren in Deutschland und zwei Jahren in Frankreich bekommt man Abschlüsse von beiden Hochschulen.
WDR.de: Was hat Sie in Ihrer Zeit als Experte am meisten überrascht?
Jungblut: Dass die oft als gegensätzlich wahrgenommene Positionierung von Studierenden und Hochschullehrern gar nicht unbedingt so besteht. Eigentlich gibt es viele inhaltliche Schnittmengen, sowohl bei den Problemen als auch bei den Zielen.
WDR.de: Wenn Sie es sich aussuchen könnten: Würden Sie lieber vor oder nach Bologna studieren?
Jungblut: Ich glaube, ich hätte lieber das neue System gewählt.
Das Interview führte Annika Franck.
Semesterbeginn an den Universitäten (12.04.2010)
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20.06.2011
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