Von Christian Herrmanny
Nordrhein-Westfalen schneidet gut ab: Gleich fünf der 15 für den Deutschen Schulpreis nominierten Schulen liegen in NRW - in Gladbeck, Marl, Krefeld, Herdecke und Bielefeld. Sie wurden aus 162 Bewerbern ausgewählt und beispielsweise in den Bereichen Leistung, Unterrichtsqualität, Schulleben und "Umgang mit Vielfalt" intensiv überprüft. Innovativ sollen die Preisträger sein und beispielhaft für andere Schulen. Wie etwa das Oberstufen-Kolleg in Bielefeld. Schon in ihrer Bauweise unterscheidet sich die 1974 eröffnete Schule für Abiturienten von anderen: Klassische Klassenräume gibt es hier nicht, stattdessen trennen Stellwände die Lerngruppen voneinander. Hier ruft kein Klingelzeichen zum Unterricht - die jungen Erwachsenen müssen schon selbst auf die Uhrzeit achten. Und auch ein Lehrerzimmer fehlt: Zum Arbeiten haben die Pädagogen Schreibtische an einer Fensterfront. Wer dort sitzt, ist fast immer ansprechbar.
"Ich mag das familiäre Klima hier", sagt Désirée Schwarze. Die Kollegiatin, wie die Schüler hier heißen, besucht die 12. Jahrgangsstufe. "Man lernt hier sehr eigenverantwortlich und muss selbst Prioritäten setzen. Das ist manchmal sehr anstrengend, aber man kämpft sich durch." Auch wenn hier inzwischen das landesweite Zentralabitur gemacht wird, will das Oberstufen-Kolleg vor allem auf das Studium vorbereiten. Daher stehen auch Jura, Psychologie, Soziologie oder Gesundheitswissenschaften auf dem sehr individuell zusammengestellten Stundenplan. Daphne fährt täglich fast drei Stunden, um das Kolleg auf dem Campus der Uni Bielefeld zu besuchen. "Das nehme ich in Kauf", sagt die 20-Jährige. "Hier habe ich viel mehr Mitbestimmungsrechte über meine Schullaufbahn als in der Regelschule. Außerdem nehmen wir Einfluss auf die Unterrichtsthemen und die -gestaltung."
670 Kollegiaten werden zurzeit in Bielefeld unterrichtet, mehr als 500 bewerben sich jährlich auf 220 neue Plätze. Fast die Hälfte derjenigen, die hier lernen, hat von der bisherigen Schule gar nicht den Qualifikationsvermerk fürs Abitur. "Aber entgegen unseren eigenen Erwartungen waren die Kollegiaten im Durchschnitt beim Zentralabitur besser als die Gymnasiasten", sagt Schulleiter Hans Kroeger nicht ohne Stolz. Dabei geht es am Kolleg nur selten um Zensuren. Viel wichtiger ist den Pädagogen das fächerübergreifende, ganzheitliche Lernen und vor allem Verstehen. Leistungsnachweise werden mit den Fachlehrern diskutiert, eine sichere Selbsteinschätzung ihrer Schüler ist den Lehrern wichtig. Auch wenn sie sich im "offenen Lehrerzimmer" viel Zeit für Gespräche nehmen müssen. "Man muss alles aushandeln", sagt Kroeger. Der Disput gehöre genauso zum hervorragenden Lernklima, wie das Fehlen autoritärer Vormachtstellung. Dazu passt, dass sich Lehrer und Schüler duzen.
Ebenfalls für den Deutschen Schulpreis nominiert ist die Erich-Kästner-Realschule in Gladbeck. "Die Nominierung für den Preis allein war schon eine tolle Würdigung unserer Arbeit", so Schulleiter Gerd Weggel. "Ein Preis wäre das i-Tüpfelchen." Insgesamt werden ein mit 100.000 Euro dotierter Hauptpreis und vier weitere Preise mit je 25.000 Euro Preisgeld vergeben. Dazu kommen zwei Sonderpreise, die mit je 15.000 ausgestattet sind. In einem schwierigen Lernumfeld sei er ausgesprochen stolz auf die Leistungen seiner Schule, sagt Weggel: Kein Unterrichtsausfall, individuelle Förderung, Berufswahl-Vertiefung und zahlreiche Qualitätssiegel führt der Rektor ins Feld. "Bei uns bleibt so gut wie kein Schüler sitzen und 60 Prozent erhalten die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe."
Vor allem aber ist das Klima gut an der Gladbecker Realschule. Die Eltern sind stark eingebunden, wenn Schüler besondere Leistungen erbringen, erfährt das meist die gesamte Schulgemeinde. "Die Kommunikation läuft bei uns exzellent und es gibt ein hohes Maß an Empathie", sagt Weggel. "Wir wissen wirklich viel über unsere Schüler, auch jenseits der Fächergrenzen. Das spürt man und das prägt die Schule auch." Zwei Tage lang war eine mehrköpfige Jury des Deutschen Schulpreises an der "Erich-Kästner" und hat sich Ende Januar von der Stimmung an der Schule überzeugt. Zumindest für eine Nominierung und die Einladung nach Berlin, wo die Bundeskanzlerin den Preis übergibt, hat es gereicht.
Auch am Bielefelder Oberstufen-Kolleg wären alle sehr stolz auf den wichtigen Schulpreis. "Das wäre eine tolle Anerkennung unserer Arbeit und täte auch dem Kollegium gut", meint Kolleg-Leiter Hans Kroeger.
Beitrag der Lokalzeit aus Dortmund (25.01.10)
Seite des projektbüros Deutscher Schulpreis
Homepage der Schule in Herdecke
Seite der für den Schulpreis nominierten Schule
Hompage der Realschule
Hompage des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Marl
Seite der Krefelder Schule