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Doppelinterview: Schule für alle - ja oder nein?

Reguläre Schule auch für Behinderte?

Immer mehr Eltern wollen, dass ihr behindertes Kind eine reguläre Schule besucht. Die Vereinten Nationen geben ihnen Recht. Am Tag der Gleichstellung für Menschen mit Behinderung (05.05.10) sprach WDR.de mit einer Wissenschaftlerin und einem Praktiker über die Diskussion um Regel- und Förderschulen.

Die Sonderpädagogin Raphaela Fink ist Koordinatorin der Informationsplattform "InKö - Integration/Inklusion - Köln" und eine starke Verfechterin der Schule für alle. Schulleiter Gerd Dittmann glaubt nicht daran, dass Förderschulen vollständig abgeschafft werden. Er leitet die Joseph-Beuys-Schule in Neuss, eine Ganztagsförderschule für soziale und emotionale Entwicklung.


WDR.de: Heute ist der Tag der Gleichstellung für Menschen mit Behinderungen. Wie bewerten Sie die Gleichstellung im deutschen Schulsystem?


Gerd Dittmann: Zum einen muss man sagen, dass die historische Entwicklung auf ein gegliedertes Schulsystem abgezielt hat. Und auch die Förderschulsysteme sind ja nicht vom Himmel gefallen. Es hat sich ja schon sehr lange hingezogen, bis Schulformen für Kinder mit geistiger Entwicklungsproblematik anerkannt wurden. Auch Schulen für emotionale und soziale Entwicklung sind nicht vom Himmel gefallen. Heute gibt es die Möglichkeit, bei speziellen Bedürfnissen von Kindern innerhalb des deutschen Schulsystems auf bestimmte Schultypen zurückzugreifen.

Raphaela Fink: Man kann im deutschen Schulsystem noch nicht von Gleichstellung sprechen. Es ist ein System, dass sehr nach Leistungen aufteilt. Wenn ein Kind einen Förderbedarf zugeschrieben bekommt, landet es immer noch oft in der Förderschule. Und da kann von Gleichberechtigung und gleichem Zugang zum Schulsystem nicht die Rede sein. Allerdings haben Eltern nun ein einklagbares Recht darauf, dass ihr Kind an die Regelschule gehen darf. Aber momentan kann die Regelschule eben auch noch sagen, dass sie den konkreten Förderbedarf nicht abdecken kann und ein Kind damit ablehnen.


WDR.de: Die UN fordert, das behinderte Kinder vollständig ins normale Schulsystem und den Unterricht integriert werden soll. Die Praxis in NRW sieht noch anders aus. Warum?


Dittmann: Unter dem Stichwort Inklusion haben wir heute auf europäischer Ebene eine Entwicklung, die möglichst vielen Kindern die Möglichkeit eröffnen soll, im Regelschulsystem unterrichtet zu werden. Auch dem Land Nordrhein-Westfalen steht ins Gebetbuch geschrieben, bis 2016 Inklusion flächendeckend zu ermöglichen. Das ist eine sinnvolle Entwicklung. Auf der anderen Seite muss man aber sehen, dass Kinder mit hohem Förderbedarf oder hoher Problembelastung vielleicht auch auf Barrierefreiheit angewiesen sind oder eine besonders intensive personelle Betreuung brauchen. Das flächendeckend zu ermöglichen, ist schwierig.

Fink: Ich denke, das liegt daran, dass das deutsche Schulsystem sehr klar von unten nach oben durchstrukturiert ist. Da sind umfassendere Veränderungen nötig. Aber die setzen zunächst einen gesellschaftlichen Wandel voraus, den es so noch nicht gibt. Das Problem ist, dass Andersartigkeit eher negativ ausgelegt wird und man nicht sieht, dass die Heterogenität der Schüler auch große Vorteile für die ganze Klasse bedeuten kann.


WDR.de: Sollen auf Förderschulen künftig auch Kinder ohne Behinderungen unterrichtet werden?


Porträt Raphaela Fink; Rechte:

Raphaela Fink

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Fink: Das könnte durchaus der Fall sein. Die Förderschulen öffnen sich bereits für Regelschüler. Und es gibt ja jetzt die so genannten Kompetenzzentren. Da geht es ja darum, dass Förderschullehrer an die allgemeinbildenden Schulen gehen, damit Schüler mit besonderem Förderbedarf dort adäquat unterrichtet werden können. Prinzipiell ist es aber egal, ob sich die Förder- oder Regelschule für alle öffnet. Das Idealmodell ist eine Schule für Alle.

Dittmann: Förderschulen für Kinder ohne Behinderungen zu öffnen, wäre kontraproduktiv. Sobald man auf diese ‚Intensivstation“ des Schulsystems nicht mehr zurückgreifen muss, ist ja auch nicht sinnvoll, Kinder ohne Behinderungen nun auf solche teuren Schulplätze zu setzen. Ich denke, dass es sinnvoll ist, sie zu Kompetenzzentren für Sonderpädagogische Förderung zu machen, die sich vorrangig um die Sprachentwicklung, Lernen und soziale sowie emotionale Entwicklung kümmern.


WDR.de: In NRW gibt es bislang 20 Kompetenzzentren. Inwiefern führen diese Pilotschulen tatsächlich zum gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen?


Mädchen im Rollstuhl, ein anderes Mädchen beugt sich zu ihrer herab; Rechte:ddp

Gemeinsam lernen

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Dittmann: Die Kompetenzzentren haben bereits erste Erfolge gezeigt. Sie arbeiten ja mit Hochgeschwindigkeit daran, dass sie als Förderzentren Grundschulen zur Seite stehen und Kindern, die es nötig haben, auch im Regelschulsystem helfen können. Die können zum Beispiel ohne langes Antragsverfahren ein Team für drei Monate an eine Schule entsenden und vor Ort helfen. Oder Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung können sich an den Kompetenzzentren wieder fit machen lassen und dann an ihre alten Schulen zurückkehren. Alles ohne bürokratischen Aufwand. Das ist für uns als Förderschule so noch nicht möglich.

Fink: Ich sehe das durchaus kritisch. Noch ist das Projekt ja in der Pilotphase, aber sicher ist bereits, dass das Projekt nicht zu einer hohen Zufriedenheit auf Seiten der reisenden Lehrer führt, die also von Schule zu Schule gehen. Das ist jetzt erstmal ein Modell. Ich denke, klappen kann das Ganze nur, wenn auch die Sonderpädagogen ganz normal zum Lehrerteam jeder Schule gehören..


WDR.de: Sind die gängigen Regelschulen überhaupt dafür ausgestattet, Kinder mit Behinderungen zu unterrichten?


Dittmann: Nein, da sind auch noch einige Hausaufgaben zu machen. Ich glaube aber, dass die Möglichkeiten geschaffen werden können.

Fink: Es kommt auf die Schule an. Manche haben keine Aufzüge, andere keine Materialien für sehbehinderte Kinder. Das wäre etwas, was man dringend ändern müsste. Dahingehend sperren sich natürlich viele Regelschulen. Aber genau das darf kein Grund sein, ein Kind auszugrenzen..


WDR.de: Brauchen Kinder mit Behinderungen besondere „Schonräume“?


Blick durch Lupe auf das Wort Schule; Rechte:dpa

Schulen unter der Lupe

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Dittmann: Ich denke schon. Übersichtlichkeit ist wichtig. Die Anzahl der Kinder pro Klassenverband darf nicht zu groß sein. Wir haben zum Beispiel auch höhenverstellbare Einzelarbeitsplätze für die Kinder. Aber dass was unseren Kindern gut tut, tut es Kindern von Regelschulen natürlich auch.

Fink: Fehlende Schonräume sind immer das, was vorgebracht wird, warum es nicht die eine Schule für Alle geben kann. In einer gut funktionierenden Schule, die sich an der Individualität jedes Schülers orientiert, sind Schonräume aber durchaus da. Ich orientiere mich ja an dem, was das Kind kann. Dadurch braucht es auch keinen Raum, wo es von den anderen Kindern getrennt ist. An einer Schule, die so funktioniert, hätte jeder Schüler seinen eigenen, individuellen Rückzugsraum – auch die Schüler ohne Behinderungen. Und die brauchen mit Sicherheit auch Rückzugsräume.


WDR.de: In einer „Schule für alle“ stehen auch alle Schüler in Konkurrenz zueinander.


Dittmann: Bei gleichem Ziel für alle begeben sich die Schüler sicher in einen Konkurrenzkampf. Aber ich denke auch, dass es bereits jetzt im Regelschulsystem Schulen gibt, die Konkurrenz gar nicht fördern, sondern das Miteinander lernen und soziale Verantwortung, sprich dass Stärkere den Schwächeren helfen. Eine Schule für Alle beinhaltet ja auch eine politische Forderung. Kinder in einem anders gegliederten Schulsystem adäquat zu fördern, ist sicherlich eine Möglichkeit. Es wird trotzdem immer Kinder geben, die einen so hohen Förderbedarf haben, dass auch Förderschulen noch vorzuhalten sind.

Fink: Das deutsche Schulsystem sieht die Konkurrenz zwischen den Schülern noch sehr stark vor. Das liegt auch daran, dass es hier darum geht, dass alle Schüler in der gleichen Zeit die gleiche Leistung bringen. In einer Schule für Alle ginge das natürlich überhaupt nicht. Hier müsste der Unterricht differenziert auf jeden einzelnen Schüler ausgelegt werden. Davon würden letztlich alle Schüler profitieren.

Das Gespräch führte Stephanie Zeiler.






05.05.2010


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Siedlung mit Windrädern; Rechte: WDR; Rechte:

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Förderschule oder Regelschule?

Lokalzeit aus Bonn, WDR Fernsehen, 05.05.09 [mehr]