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Das geisteswissenschaftliche Schülerlabor in Bochum
Mehr als 200 Schülerlabore werben an deutschen Universitäten für Nachwuchs - Explosionen und Effekte inbegriffen. In Bochum wollen nun die Geisteswissenschaftler gute Schüler für ihre Fächer begeistern: Im bundesweit ersten geisteswissenschaftlichen Schülerlabor.
Nach einem klassischen Labor sieht es nicht gerade aus im nahezu fensterlosen Seminarraum der Ruhruniversität Bochum. Aber "Labor" kommt von "Labora", dem lateinischen Wort für "Arbeit". Und gearbeitet wird hier sehr intensiv. Rund 40 Schüler beschäftigen sich einen ganzen Tag lang mit dem Thema "Flugblatt". Geschichte, Absicht, Wirkung und natürlich die Definition des Flugblatts, alles erarbeiten sich die Schüler nach und nach – sehr detailliert und fächerübergreifend. "Hier müssen wir sehr viel überlegen, im Unterricht an der Schule müssen wir viel mehr Fakten lernen", meint die Abiturientin Martina. "Unsere Lehrer arbeiten ganz anders und haben eine ganz andere Organisation", ergänzt die 18-jährige Vera. "Es ist total spannend zu sehen, wie Germanisten arbeiten."
Alle Teilnehmer kommen vom Gymnasium, die meisten aus den Jahrgangsstufen 12 und 13. An der Uni erhalten sie einen Tag lang Einblicke in die Arbeits- und Vorgehensweise der Geisteswissenschaftler. Statt einen gesuchten Begriff kurzerhand im Internet zu googeln, werden die Schüler in die Bibliothek geschickt: Das Fachlexikon ist erheblich präziser als ein Online-Wörterbuch. „Es ist gut zu sehen, wie man an ein Thema herangeht“, sagt der 19-jährige Carsten. „Das ist in der Schule ganz anders, da geben die Lehrer viel mehr vor. Hier sind wir viel freier und finden eigene Lernziele und es heißt nicht: Ihr müsst das und das herausfinden.“
Lektüre, Diskussionen im Plenum, dann wieder Arbeit in Kleingruppen zu bestimmten Aspekten des Flugblatts - die 17-jährige Lena nimmt auf Empfehlung ihrer Stufenleiterin an dem arbeitsintensiven Tag teil. Mit dem Vorurteil, dass es sich bei Geisteswissenschaften nur um "Laberfächer" handele, räumt das Schülerlabor ihrer Meinung nach gründlich auf: "Man muss hier genauso nachdenken wie in anderen Fächern auch und man muss auf den Punkt kommen. Immer nur drumherum reden, das bringt einem nichts." Diese Erkenntnis ist dem Initiator des Labors schon viel wert. Gilbert Heß, Germanistik-Dozent an der Bochumer Universität, will den Beweis antreten, dass die Geisteswissenschaften ernsthafte Forschung betreiben, die sich nicht hinter den Naturwissenschaften oder der technischen Forschung verstecken muss. "Wir haben hier zwar keine rauchenden Töpfe und Experimentierkittel zu bieten, aber ganz tolle Exponate, Skulpturen und Bücher, mit denen es sich auseinander zu setzen lohnt."
Die Geisteswissenschaften kämpfen aber nicht nur um einen besseren Ruf, sondern auch um sehr gute Studenten. Denn nirgendwo ist die Zahl der Studienabbrecher in den ersten Semestern höher als bei den Sprachwissenschaftlern, Pädagogen, Philosophen oder Historikern. "Wir haben nicht das Problem eines Studentenmangels, aber viele Schüler haben unklare Vorstellungen vom geistes- oder gesellschaftswissenschaftlichen Studium", so Gilbert Heß. Darüber hinaus sieht er die Anstrengungen seiner Kollegen in den so genannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die sich wegen Nachwuchsmangels sehr intensiv um angehende Studenten bemühen. "Auch unser Anliegen ist es, möglichst viele besonders begabte und interessierte Schüler für die Geisteswissenschaften zu gewinnen."
Inzwischen vergleichen die Schüler historische Flugblätter mit heutigen Zeitungsüberschriften. Lexika, historische Original-Flugblätter und Kopien gehen herum, der Beamer surrt leise, Gruppenergebnisse werden aufgeschrieben und anschließend allen vorgestellt. Frische Luft ist im Raum längst Mangelware. Lehrer Oliver Fallak spricht dennoch von einer "Oase": "Hier kann man mal aus den strikten Lehrplan-Vorgaben für die Oberstufe ausbrechen." Im Unterricht ist er darüber hinaus zeitlich sehr beschränkt: 45 oder maximal 90 Minuten kann er mit seinen Schülern arbeiten. "Hier mal mit einem Thema einen ganzen Tag in Klausur zu gehen, das ist attraktiv", so der Pädagoge. Wen das als Schüler langweile, dem sei auch das Studium der Geisteswissenschaften sicherlich nicht zu empfehlen.
Eine kurze Mittagspause in der Mensa – auch das gehört dazu, wenn im Wortsinn Uni-Luft geschnuppert werden soll. Die Stärkung ist auch notwendig, immerhin dauert die Veranstaltung des Schülerlabors bis zum späten Nachmittag. Während es diesmal um Flugblätter geht, setzen sich andere Tagesveranstaltungen mit "Logik im Reich der Fiktion", mit der "Wahrheit hinter Fotografien" oder mit den ethischen, religiösen und juristischen Aspekten der Organspende auseinander. Die meisten Schüler sind gegen Ende ihres Labor-Tages richtig geschafft – aber sie haben die Diskussionen auf hohem Niveau und die effektive Stillarbeit offensichtlich auch genossen. Denn das "Labor" weiter empfehlen oder selbst wiederkommen, das wollen viele. So meint die 17-jährige Lena: "Es war richtig gut, mal hier gewesen zu sein."
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Das Schülerlabor der Ruhruniversität Bochum
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