Ingo Müntz
Abschreiben ist an der Tagesordnung. Fremde Meinungen, Zitate oder ganze Textpassagen erscheinen in den Hausarbeiten der Studenten. Heutzutage geben Studenten ihre Hausarbeiten gedruckt und auf einer CD ab. Die Dozenten starten dann bei Bedarf eine Prozedur: Sie prüfen mit einem Scanner die Hausarbeit auf nicht markierte fremde Textpassagen. Das Verfahren ist mittlerweile im Land verbreitet. Es wird zum Beispiel auch in Münster, Bielefeld oder Dortmund eingesetzt. "Das Programm checkt, ob eine bestimmte Wortwahl oder Konstellation im Internet oder den angeschlossenen Datenbanken zu finden ist. Dafür werden alleine drei Millionen Artikel gefiltert," erklärt Holger Hansen. Er ist Chef der E-Learning-Abteilung an der Ruhruniversität in Bochum. Er stellt das Programm den Dozenten zur Verfügung. Die nutzen es bei Verdacht auf Plagiate.
"Jede Arbeit wird sicherlich nicht überprüft, das ist auch gar nicht zu leisten", sagt Hansen. Zudem sei das von der Fakultät abhängig. Gabriela Ruhmann, Leiterin des Schreibzentrums, ergänzt: "Es gibt Fächer, in denen mehr abgeschrieben wird." Doch was genau ist ein Plagiat? "Ein Plagiat ist eine böswillige oder absichtsvolle Übernahme fremder Gedanken und Ideen, also mit der Absicht, sie als die eigenen Ideen erscheinen zu lassen." Doch wie ihr Kollege Hansen glaubt auch sie: Das Rechnerprogramm sei eher ein Medikament. Das eigentliche Übel könne es nicht an der Wurzel packen. Ruhmann nimmt die Studenten in Schutz: "Ich glaube, dass 90 Prozent der Plagiate unbewusst und nicht böswillig geschehen. Und die zehn Prozent, die da wohl absichtsvoll geschehen, passieren bei Studierenden, die extrem unter Druck stehen. Die haben einen so vollen Stundenplan – ohne dass ich das rechtfertigen möchte – dass sie unter dem massiven Zeitdruck plagiieren."
Problem eins ist also, dass Studenten teilweise das wissenschaftliche Arbeiten gar nicht mehr richtig lernen. Sie wissen nicht, dass sie klauen. Sie kleben nah am Text, übernehmen eine Meinung, machen das aber nicht kenntlich. Geschichtsstudentin Julia Bauman sagt, dass "die Studierenden zwar ins Wissenschaftliche Arbeiten eingeführt werden. Doch wann ein Plagiat ein Plagiat ist, wird häufig nicht klar!" Der 25-Jährigen sind Fälle bekannt, in denen aufgrund eben dieser unklaren Lage plagiiert wurde. "Wann habe ich Diebstahl begangen oder wann muss ich zitieren, wann paraphrasiere ich oder wann ist das ein Zitat – und wann ist das meine eigene Darstellung?" Während es beispielsweise in der Geschichtswissenschaft ohne das richtige Zitieren gar keine Hausarbeit möglich ist, vermuten manche Experten Kraut und Rüben zum Beispiel in den Wirtschaftsfächern.
Problem zwei, das mit dem oben genannten Hand in Hand geht, ist die schlichte Zeitnot. Gabriela Ruhmann: "Durch die dicht aufgebauten Bachelor-Studiengänge hat eine ganz neue Orientierung stattgefunden. Man konzentriert sich auf Wissen und die schlichte Wiedergabe von Wissen." Doch Dummheit schützt vor Strafe nicht. Ob bewusst oder unbewusst geklaut: Im besten Fall fliegen ertappte Studierende aus dem Seminar. Wenn es ganz dumm läuft sogar von der Uni. Im Gepäck dann möglicherweise eine Geldstrafe in fünfstelliger Höhe. Und trotzdem schreiben immer mehr Studierende bei fremden Autoren ab.
Die Regelstudienzeiten der Bachelor-Studiengänge sind teilweise zwei Semester kürzer als die weithin abgeschafften Magister oder Diplom-Studiengänge. "Und trotzdem haben etliche Fakultäten ihren Lehrstoff an die kürzeren Studienzeiten nicht angepasst", sagt Ruhmann. Da seien die Dozenten in der Pflicht, besser gesagt: die Hochschulen.
Die Plagiats-Software weiter anzubieten sei unbedingt notwendig, sagt Holger Hansen. Aber sie sei nur ein Werkzeug. So lange die Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse noch nicht gut genug gelungen ist, bleibt das Problem bestehen. Julia Baumann und Gabriela Ruhmann fordern, dass an jeder Fakultät intensiv wissenschaftliches Arbeiten gelehrt werden müsse. Unabhängig davon appellieren sie an den Ethos der Studenten – damit es gar nicht erst zum Plagiat kommt.
15.03.2010, 09.00Uhr