Kompetent mit Medien umgehen zu können, sagt der Erziehungswissenschaftler Bardo Herzig, sei eine der Grundvoraussetzungen, um an der Gesellschaft teilhaben zu können. "Wer diese Kompetenz nicht hat, hat ein echtes Problem." Daher fordert der Professor an der Uni Paderborn Medienerziehung vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule. Im Gespräch mit WDR.de erklärt er, warum Medienerziehung so wichtig ist und wie sie funktionieren kann.
WDR.de: Ein großes Thema auf der Messe ist die Medienkompetenz. Was beinhaltet das eigentlich?
Professor Bardo Herzig: Dieser Begriff wurde in den vergangenen Jahren sehr häufig verwendet – und teilweise auch verwässert. Unter Medienkompetenz versteht man meist eine funktionale Fähigkeit, mit Medien umzugehen. Kompetent ist derjenige, der diese ganzen Dinge bedienen kann. Aus medienpädagogischer Sicht ist das aber nicht ausreichend. Kinder und Jugendliche müssen sachgerecht handeln können, das beinhaltet eine gewisse Grundkenntnis über Medien. Sie sollten aber auch in der Lage sein, selbstbestimmt mit Medien umzugehen – also kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Kreativität, also das eigene Gestalten, ist ein weiterer wichtiger Baustein der Medienkompetenz.
WDR.de: Was bedeutet das konkret?
Herzig: Gerade bei digitalen Medien gibt es stärker als früher die Möglichkeit, selbst zu gestalten. Über diese Gestaltungsmittel sollten Kinder und Jugendliche Bescheid wissen. Das kann zum Beispiel in der Schule eine Präsentation oder ein Podcast sein, es kann aber eben auch beinhalten, einen Text eines bestimmten Genres zu verfassen – eine Nachricht oder einen Bericht. Und noch etwas gehört zur Medienkompetenz: Die Bedingungen von Entstehung und Verbreitung von Medien zu kennen und das Mediensystem ein Stück weit zu durchschauen: technisch, ökonomisch und rechtlich. Medienkompetenz ist also deutlich mehr als einen DVD-Recorder programmieren oder ein Handy mit Klingelton ausstatten zu können.
WDR.de: Wie können denn nun Kinder und Jugendliche all diese Kompetenzen erlangen?
Herzig: Bei den technischen Kenntnissen sind Jugendliche ja oft sehr firm und ihren Eltern und auch Lehrern teilweise weit voraus. Die Kompetenzen erwerben sie oft selbst und in ihrer Peer Group, also mit anderen Gleichaltrigen. Die anderen Aspekte entwickeln sich nicht selbst, das muss meiner Ansicht nach vom Kindergarten bis zum Schulende gemacht werden. Dafür gibt es kein Fach, das sollte fächerübergreifend geschehen, denn Medien sind inzwischen integraler Bestandteil aller Fächer. Vielen Schulen gelingt es schon, in verschiedenen Fächern ganz systematisch und über mehrere Jahre Medienerziehung zu integrieren. Das muss natürlich fachlich immer gut abgestimmt sein innerhalb der Schule.
WDR.de: Wie kann denn so etwas aussehen? Sie sprachen vorhin von Medienerziehung schon im Kindergarten…
Herzig: Ein Beispiel aus dem Kindergarten: Kinder haben eine Vorstellung davon, was Polizisten für Aufgaben haben. Wenn man die Kinder fragt, was ihnen zu diesen Aufgaben einfällt, kommen zunächst viele Begrifflichkeiten, die die Kinder aus dem Alltag kennen. Aber es fallen in der Regel auch Begriffe wie Verfolgungsjagd, Schießerei – Dinge, die Kinder in der Regel nicht selbst erlebt haben. Das Bild der Polizei ist demnach auch davon geprägt, was Kinder in den Medien erfahren. Und diese Vorstellungen entsprechen nicht immer der Realität – und das gerade zu rücken ist eine medienpädagogische Aufgabe. Bei einem Besuch in der Polizeistation könnten die Kinder feststellen, dass Polizisten beispielsweise sehr viel schreiben.
In der Schule könnte ein Beispiel das Thema Kommunikation sein: Ein Prominenter trennt sich per SMS von seiner Partnerin. Wie macht man so etwas? Welche Folgen hat es, eine Beziehung per SMS, im Gespräch oder per Fax zu beenden? Was ist wann angemessen? Und wie verändern Medien die Art, miteinander umzugehen?
WDR.de: Welche Chancen entstehen daraus?
Herzig: Die große Chance digitaler Medien sehe ich darin, dass es möglich wird, bestimmte Lernräume miteinander zu verbinden. Etwa das schulische mit dem außerschulischen Lernen. In der Freizeit schreiben viele Jugendliche auf dem Computer, bei Schüler VZ zum Beispiel, in einem nicht-institutionalisierten Raum. Und dies mit der schulischen Welt zu verbinden halte ich für wichtig. In den Communities erwerben sie ja auch Kompetenzen, die in der Schule durchaus sinnvoll und nutzbar sind. Das wird nur im Moment noch nicht so richtig gesehen. Diese künstliche Trennung könnte man aufheben mit personalen Lernumgebungen. Das könnte so aussehen, dass Schüler etwa mit Netbooks in der Schule, unabhängig vom Klassen- oder Computerraum arbeiten können, zeit- und ortsunabhängig. Darüber hinaus gibt es natürlich viele Anwendungen, die sehr gewinnbringend sind. Etwa Simulationen, in denen man Experimente gestalten kann, die real zu teuer oder zu gefährlich sind.
WDR.de: Wie sieht es mit den Risiken aus? Zu viel Medienkonsum, Gewalt in den Medien - wie gut sind Kinder und Jugendliche gerüstet, um damit umzugehen?
Herzig: Von sich aus sind Kinder und Jugendliche nicht gerüstet. Der beste Schutz ist eben Medienkompetenz – und die entwickelt sich nicht von selbst, das müssen Kinder und Jugendliche lernen. Als kompetenter Nutzer kann ich Gefahren besser erkennen und mit ihnen umgehen.
Das Interview führte Annika Franck.
Infos für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
Infos zu den Veranstaltungen in Köln
Informationen zu Bardo Herzig