Sie befinden sich hier: WDR.deWDR Wissen Schule/Beruf Exzellenzinitiative

Studie: Erste Bilanz der Exzellenzinitiative

Der "Tropfen auf den heißen Stein"

Für viel Wirbel hatte die Exzellenzinitiative gesorgt, für die 2006 die ersten Gelder an deutsche Universitäten flossen. Eine Studie fasst nun zusammen, was die 1,8 Milliarden Euro den Hochschulen gebracht haben - und wo Verbesserungsbedarf besteht.

Am Montag (08. März 2010) wird eine Studie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt; der Titel: "Die Exzellenzinitiative – Zwischenbilanz und Perspektiven". Herausgeber ist der Bremer Politikwissenschaftler Professor Stephan Leibfried. Im Gespräch mit WDR.de beleuchtet er die wichtigsten Ergebnisse und bietet Einblicke in die nächste Runde der Exzellenzinitiative, über deren Voranträge im Herbst 2010 entschieden wird.


WDR.de: Herr Professor Leibfried, was sind die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung Ihrer Arbeitsgruppe?


Stephan Leibfried: In vier Worten gesagt: Es geht noch besser! Einerseits ist die Exzellenzinitiative aus unserer Sicht sinnvoll, aber man könnte sie andererseits noch weit sinnvoller gestalten.

WDR.de:  Welches waren die positiven Effekte?


Leibfried: Zunächst einmal hat die Initiative alle Universitäten dazu angehalten, sich selber genau anzuschauen und zu überlegen, wo sie eigentlich hin wollen: In welchen Bereichen sind wir gut? Und wo wollen wir Besseres versuchen? Die Graduiertenschulen haben eine Struktur in die Doktorandenausbildung gebracht. Außerdem hat es die Exzellenzinitiative ermöglicht, in wenigen Bereichen das Forschungsprofil deutlich zu schärfen, und zwar mit den Exzellenzclustern. Die Initiative hat die beteiligten Hochschulen dazu gezwungen, über die Zukunft der gesamten Universität nachzudenken. In der Studie nennen wir das "Mobilisierungseffekt".


WDR.de: Und was geht noch besser?


Student betrachtet eine Flüssigkeit; Rechte:dpa

Gute Forschung braucht gutes Geld

Bild vergrößern

Leibfried: Die Mittel, die die Exzellenzinitiative zur Verfügung stellt – für die ersten beiden Runden 1,8 Milliarden Euro, beim nächsten Mal 2,7 Milliarden – entsprechen in etwa dem, was die US-amerikanische Universität Stanford als Jahresbudget zur Verfügung hat. Nur: Hier in Deutschland wird das Geld auf viele Universitäten verteilt. Man kann also vor allem bei der Summe nachbessern. Hierzulande würden wir uns gerne mit Hochschulen der US-amerikanischen Ivy League oder mit der ETH Zürich vergleichen – aber diese Universitäten haben ungefähr ein Jahrhundert gebraucht, um dahin zu kommen, wo sie heute sind. Das holt man nicht mit einem Projekt in zwei mal fünf Jahren auf. Kurzum: Es gibt da eine Daueraufgabe für den Bund.


WDR.de: Welche Nebenwirkungen haben Sie festgestellt?


Leibfried: Eine Nebenwirkung haben wir besonders betont: Bei der Exzellenzinitiative geht es darum, die Starken zu stärken. Das geht aber an den einzelnen Unis auf die Dauer nur, wenn man die Schwachen schwächt – und Ressourcen umverteilt. Das kann aber dazu führen, dass kleine, aber durchaus wichtige Disziplinen überall keine Rolle mehr spielen. Solche Effekte darf man nicht erst in 30 Jahren zufällig herausbekommen, sondern die sollte man im jeweiligen Förderungszyklus im Auge behalten. Derzeit werden immer nur die einzelnen geförderten Projekte und ganze Förderlinien bewertet, man müsste aber die Wirkung auf das ganze Universitätssystem betrachten.

Das Problem ist unserer Ansicht nach nicht die Exzellenzinitiative selbst, sondern sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie stattfindet. Wenn Sie Universitäten haben, deren Grundausstattung seit 20 oder 30 Jahren immer unzureichender wird, sie aber die Hochschulen immer weiter dazu verleiten, für die Forschung vermehrt Drittmittel einzuwerben – dann haben Sie in der Lehre relativ unhaltbare Zustände, und nur in einigen Forschungsinseln bessere. Und das gilt für weite Teile aller Universitäten. Eigentlich brauchen wir eine Exzellenzinitiative kombiniert mit einem radikalen Hochschulpakt, der die Grundfinanzierung anhebt und die Lehrexzellenz fördert. Die Exzellenzinitiative wirkt höchstens indirekt positiv auf die Lehre - sie verbessert sich teilweise durch die Spezialisten. Aber das geschieht eben nur hier und da und ist ein Tropfen auf den heißen Stein.


WDR.de: Ist es überhaupt sinnvoll, eine universitäre Elite zu fördern?


Hand mit Skarpell; Rechte:dpa

Gleiche Chancen für alle?

Bild vergrößern

Leibfried: Jeder weiß, dass es bessere und schlechtere Fachbereiche, Lehrkräfte und Universitäten gibt. Und danach richten sich die Studenten. Elite gab es in Deutschland schon immer. Die Unterschiede werden durch die Exzellenzinitiative lediglich stärker akzentuiert.


WDR.de: Zeichnet sich dadurch in Deutschland ein Zwei-Klassen-Hochschulsystem ab?


Leibfried: Darauf gibt es zwei Antworten: So lange das Fördersystem offen bleibt und Wettbewerb mit einem Verfolgerfeld möglich ist, gibt es zwar eine Differenzierung, aber auch für alle eine Chance, sich zu verbessern. Wenn man allerdings sagt, drei Eliteunis sind das nun auf Dauer, dann gibt es keinen Wettbewerb mehr – das wäre nicht so zuträglich.


WDR.de: Wie beurteilen Sie die Lage der Hochschulen in NRW in Folge der Exzellenzinitiative?


RWTH Aachen; Rechte:ddp/Volker Hartmann

Einzige Eliteuni in NRW: Die RWTH Aachen

Bild vergrößern

WDR.de: Es war eigentlich klar, dass es die RWTH Aachen schaffen müsste, Eliteuni zu werden – und das ist ja auch eingetreten. Aachen spielt in einer ähnlichen Liga wie die TU Karlsruhe und die TU München. Es hätte wohl noch Platz für jedenfalls eine Uni aus NRW gegeben, aber keine ist so durchschlagend wie die Bewerber aus den anderen Bundesländern aufgetreten. Bochum war nahe dran. Zudem entscheiden auch Zufälle: Man braucht einen engagierten Rektor, ein gutes Management-Team, passende Sonderforschungsbereiche, einen Aufbruch. Überraschend an unseren Analysen war, dass es oft auf das Engagement von nur ein oder zwei Personen an der Hochschulspitze ankam, das dann über Erfolg oder Nichterfolg entscheidet.

Das Interview führte Annika Franck


Mehr zum Thema





Stand: 08.03.2010, 12:00 Uhr


Programmkalender

Monat zurück Februar 2012 Monat vor
Mo Di Mi Do Fr Sa So
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29