Von Annika Franck
Leistung soll sich lohnen - daher hat die schwarz-gelbe Landesregierung das NRW-Stipendium ins Leben gerufen. 300 Euro im Monat für besonders fleißige und leistungsstarke Studenten, zur Hälfte finanziert vom Land und von privaten Geldgebern. "Das Stipendium ist für mich ein echter Motivationsschub", sagt der 21-jährige Michael Stiel, der im vierten Semester an der Uni Bonn Jura studiert. Stiel ist einer von 66 Bonner Stipendiaten, die seit Beginn des Wintersemesters 2009/2010 zunächst für ein Jahr gefördert werden. Die Regelung des Ministeriums sieht vor, dass Stipendiaten maximal acht Semester gefördert werden.
150 Studenten hatte die Uni-Leitung angeschrieben und auf das Stipendium hingewiesen. "Dann habe ich mich beworben und musste vor allem gute Studienleistungen nachweisen", erzählt Michael Stiel. Doch auch soziales und hochschulpolitisches Engagement spielen in Bonn eine Rolle, wenn man zu den Auserwählten gehören will. "Ich bin als Rettungssanitäter beim Roten Kreuz in meinem Heimatort Ahrweiler aktiv", berichtet Stil. Auch Elisabeth Vogelsang kann mehr vorweisen als sehr gute Leistungen in ihrem Fach Lebensmittelchemie. "Ich spiele in einem Orchester und bin Mitglied in einer Tanzgruppe, für die ich auch Choreografien mit entwickle" - das habe sicherlich bei der Auswahl eine Rolle gespielt, meint die 20-Jährige. Noch wohnt sie bei den Eltern in Königswinter, mit Hilfe des Stipendiums hofft sie jedoch, sich bald eine Wohnung in Bonn leisten zu können.
Die Stipendien werden jedoch nicht nur auf Empfehlung der Uni vergeben. Pascal Cremer hat zum Zeitpunkt seiner Bewerbung noch nicht studiert. "Ich habe von dem Stipendienprogramm im Radio gehört", berichtet der Erstsemester, daraufhin habe er sich beworben. "Es ist schon sehr angenehm, dass ich mich komplett aufs Mathe- und Physik-Studium konzentrieren kann", sagt der 20-Jährige. Zusätzlich qualifiziert haben ihn neben guten Schulnoten vermutlich seine Teilnahmen an Wettbewerben wie der internationalen Physik-Olympiade.
An der Bonner Uni werden die Stipendien, die zur Verfügung stehen, entsprechend der Studierendenanzahl an die Fakultäten vergeben. So sollen Studierende möglichst vieler Fachbereiche und auch in Nischenfächern von dem Geld profitieren. "Daraus ergibt sich, dass wir auch zahlreiche Studierende aus den Geistes- und Kulturwissenschaften fördern können, das ist bei vielen anderen Stipendien so nicht unbedingt möglich", sagt Rektor Jürgen Fohrmann. Doch grundsätzlich können auch beim NRW-Stipendium Geldgeber festlegen, aus welcher Disziplin die Geförderten stammen sollen. Erfahrungsgemäß sind die meisten Spender aus der Wirtschaft an bestimmten Fachrichtungen besonders interessiert. Und so zeigt auch die landesweite Statistik ein durchaus typisches Bild: Gut 53 Prozent des ersten Stipendiatenjahrgangs gehören den Ingenieurs- und Naturwissenschaften an.
Insgesamt hält Rektor Fohrmann das NRW-Stipendium für ein "schwieriges Programm": "Normalerweise fördern Firmen Studierende, mit denen sie in Verbindung treten und die sie sich als künftige Mitarbeiter vorstellen können. Beim NRW-Stipendium gibt es keine namentliche Nennung von Geber und Nehmer, daher haben sich viele Geldgeber schwer getan", berichtet Fohrmann. Daher bezweifelt er auch, dass sich die ehrgeizigen Pläne der Politik, zehn Prozent der Studierenden mit einem solchen Stipendium auszustatten, verwirklichen lassen. In Bonn stiftete Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP), auf dessen Initiative das NRW-Stipendium zurückgeht, das erste der 66 Stipendien. Pinkwart hatte selbst an der Bonner Universität Volkswirtschaftslehre studiert. Michael Stiel hätte seine Geldgeber gerne persönlich kennengelernt - doch diese enge Anbindung an die Spender ist nicht vorgesehen. Immerhin gab es bei der offiziellen Übergabe der Stipendienurkunden eine erste Gelegenheit für Spender und Stipendiaten, sich kennenzulernen.
Und wie reagieren die anderen Studierenden auf die Stipendien? "Einige Kommilitonen sind schon ein bisschen traurig, dass sie das Geld nicht bekommen", hat Pascal Cremer erfahren. Unsozial findet er die Stipendienvergabe aber nicht. "Bisher sind es so wenige, das fällt nicht wirklich ins Gewicht." Grundsätzlich ist es möglich, das Stipendium zusätzlich zum Bafög zu beziehen. Und spüren Stipendiaten Leistungsdruck? "Nein, ich sehe das vielmehr als Ansporn", sagt Pascal Cremer. Und auch für Elisabeth Vogelsang ist das Stipendium vor allem eine Erleichterung: "Nebenbei jobben wäre bei dem Pensum in meinem Studium eigentlich auch gar nicht möglich."
Neues NRW-Stipendiensystem als Vorbild für den Bund? (18.09.09)
Informationen der Uni Bonn