Von Michael Ringelsiep
Science Slams funktionieren so ähnlich wie Poetry Slams, bei denen Dichter um die Gunst des Publikums buhlen. Doch anstelle von Literatur werden beim Science Slam Forschungsergebnisse auf der Bühne präsentiert. Zehn Minuten hat dafür jeder Teilnehmer Zeit. Am Ende kürt das Publikum seinen Champion..
Auf einer Schautafel über Schleimpilze taucht rechts unten ein Foto von Dieter Bohlen auf. Im Saal erschallt Gelächter. Die Pointe sitzt. Sabine Lenggner fährt mit ihrem Vortrag fort. Sie spricht schnell, mit einem charmanten Akzent. Sabine Leggner stammt aus Österreich und arbeitet als Molekularbiologin am niederländischen Institut für Meeresbiologie. Doch an diesem Freitag (05.02.10) steht sie nicht im Labor, sondern im Scheinwerferlicht auf der Bühne im "Haus 73" im Hamburger Schanzenviertel und hat sich viel vorgenommen. In nur zehn Minuten will sie dem Laienpublikum erklären, warum sie mit "benthischen Bioindikatoren" das Paläoklima rekonstruieren kann. Damit das Publikum versteht, dass es dabei um Klimaforschung geht, lässt sie auf einer Schautafel kurzerhand Hamburg überfluten und erklärt, dass ihre Bioindikatoren Bakterien sind, die Juan und Sven heißen und aufgebaut sind wie eine Mozartkugel: innen weich und außen umhüllt von einer zarten Membran.
Während Sabine Leggner demonstrativ eine Packung mit Mozartkugeln hochhält, tänzelt Jens Wiesner aus Münster nervös und mit gesenktem Blick neben der Bühne. Der 28-Jährige ist Geisteswissenschaftler und nach Sabine dran. Er hat für den Science Slam seine Magisterarbeit ausgegraben: Das Thema: "Folter in der TV-Serie '24' und ihr Einfluss auf die aktuelle Folterdebatte in den Vereinigten Staaten." "Am Science Slam kann jeder teilnehmen, der zwei Bedingungen erfüllt: Worüber man redet, muss ein wissenschaftliches Thema sein, das man selbst erforscht hat", sagt die Veranstalterin Julia Offe. Sie ist selbst Wissenschaftlerin, hat einen Doktortitel in Molekularbiologie und arbeitet halbtags an der Universität in Hamburg. Von den Science Slams allein kann sie noch nicht leben.
Vier Euro kostet der Eintritt. Knapp 300 Besucher - vorwiegend junge Szenegänger aus dem Hamburger Schanzenviertel - sind heute gekommen. Im Saal wird es warm, er ist brechend voll. Julia Offe hat für den heutigen Slam sechs Wissenschaftler eingeladen. Younouss Wadjinny referiert noch zu dem Thema "Sex und Mathematik". Marco Versace spricht über Neurofeedback und wie man mit Gehirnströmen Videospiele steuern kann, Oskar Piegsa über den "Kreationismus und die Geschichte der amerikanischen Rechten" und André Lampe über Laserspektrographie und Antikörper. Das Los entscheidet über die Startfolge. Egal wie komplex das Thema ist und wie lange man auch daran forscht - alle haben nur zehn Minuten Zeit für ihren Vortrag. Dann entscheidet das Publikum. Sieben Blöcke mit Stiften werden vor Beginn im Raum an Freiwillige verteilt. Sie verteilen Noten, nach Beratung mit den Umsitzenden. Der erste Starter hat es am schwersten, denn er setzt den Maßstab für alle folgenden Bewertungen. Gewertet wird wie beim Eiskunstlauf. Die Eins ist tief, die Zehn die Höchstnote.
"Der Charme der Veranstaltung besteht auch darin, dass es keine Univeranstaltung ist. Dass sich die Leute nur so treffen und über ihre Arbeit reden", sagt Julia Offe. Auf der Bühne klingelt die Eieruhr, auf der sich ein kleiner weißer Eisbär mitdreht. Die Zeit von Sabine Lengger ist abgelaufen. Sie hat gut vorgelegt, bekommt von den sieben Juroren 54 von 70 möglichen Punkten. Als nächstes kommt Jens Wiesner und auch er hat die Zeit im Nacken: "Als ich zum ersten Mal geübt habe, habe ich zwanzig Minuten gebraucht. Ich habe es dann auf fünfzehn Minuten heruntergekriegt. Ich versuche jetzt spontan auf zehn Minuten zu kommen. Mal gucken, ob ich es schaffe."
Auch Jens Wiesner beginnt seinen Vortrag zunächst klassisch - mit Powerpoint und Beamer. Er zeigt eine Folterszene aus dem Film und kommentiert sie mit einem leicht ironischen Unterton: "Um sein Land zu beschützen und um die Welt zu retten, brauchen unsere TV-Helden nur einen einfachen Lampenschirm und zwei Kabel." Das Publikum reagiert. Der Bann ist gebrochen. Jens Wiesner wird trotzdem nervös. Gnadenlos tickt die Uhr im Hintergrund. Er löst sich von seiner Vorlage, spricht frei. Die Zeit reicht trotzdem nicht. Das Publikum gewährt ihm eine kleine Überziehung. Dann das Urteil. Insgesamt 50 Punkte. Bis jetzt: Platz zwei!
"Viele Leute haben so viele Fähigkeiten. Es gibt wirklich ganz viele Wissenschaftler, die grandios reden können. Denen muss man einfach eine Bühne geben, auch wenn sie nicht die Koryphäen ihres Faches sind.", sagt Julia Offe. In einer Woche wird sie nach Berlin fahren und zusammen mit ihrer Moderatorin Fredericke Moldenhaueri im Kreuzberger "Lido" einen der ersten Berliner Science Slams veranstalten. Der erste Science Slam fand 2008 in Braunschweig im Haus der Wissenschaft statt. Die Idee dazu hatte Markus Weißkopf, der Leiter der Einrichtung. Inzwischen findet dort die "Jagd auf das goldene Gehirn" bereits zum fünften Mal statt. Weitere Science Slams gibt es in Braunschweig, Hamburg, Ilmenau, Kiel, Tübingen, Bayreuth und Heidelberg.
In Hamburg müssen heute noch drei Slamer antreten. Die Bühne betritt mit forschem Schritt und selbstsicherem Blick der Pysiker André Lampe von der Universität Bielefeld. Sein Thema ist die Laserspektrographie. Er schreibt darüber gerade seine Diplomarbeit und kündigt an, dass er über dieses Thema auch gerne promovieren würde. André Lampe straht eine Bühnenpräsenz aus, spricht akzentuiert und mit fester klarer Stimme. Man merkt sofort: Hier ist ein Profi am Werk. André Lampes Hobby ist der Poetry Slam. Schon mehrmals ist er beim Dichterwettstreit aufgetreten. Der Science Slam in Hamburg ist für ihn aber auch eine Premiere. Um seine Forschungsarbeit zu erkären, hat er sich die Geschichte vom Hodenknackerfisch ausgedacht: "Der Hodenknackerfisch geht immer nur an eine Stelle, nämlich an die Eier und die sind hinten. Dort bilden sich dann Antikörper."
Schallendes Gelächter. Die Story überzeugt. Zudem ist André Lampe der erste Slamer, der in seiner Zeit bleibt und nicht von der Eisbäreieruhr unterbrochen wird. André Lampe bekommt nur Höchstnoten, sogar mehrmals die Zehn. Diesen Vorsprung holt heute keiner mehr ein, auch nicht Jouno Wadjinny mit seinem Thema "Sex und Mathematik". Platz zwei geht an die Meeresbiologin aus den Bergen, Sabine Lengger, und immerhin auf Platz drei landet Jens Wiesner aus Münster.
Homepage
Infos vom Haus der Wissenschaft in Braunschweig
Infos von Julia Offe
Sendung im WDR Fernsehen
Stand vom 08.02.2010, 11:44 Uhr
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