Von Sonja Gerhardt
Die Schüler der Gevelsberger Hauptschule stehen nach ihrem Schulabschluss nicht ohne Perspektiven da. Durch einen Pakt mit ihrem Bürgermeister haben sie eine Lehrstelle sicher, wenn ihre Noten stimmen und sie sich engagieren.
Wer die Gemeinschaftshauptschule in Gevelsberg im Ennepe-Ruhr-Kreis betritt, merkt schnell: Hier ist etwas anders. Schüler grüßen mit einem freundlichen “Guten Morgen”, halten die Tür auf und fragen, ob sie weiterhelfen können. Die Hauptschule Gevelsberg hat allen anderen im Land etwas voraus: Anfang 2009 haben die Schüler einen Pakt mit ihrer Schule und dem Bürgermeister der Stadt, Claus Jacobi (SPD), geschlossen. Er hat jedem von ihnen einen Ausbildungsplatz garantiert.
Bis vor einem Jahr hatte Marie-Therese Rutz noch wenig Lust auf Schule, weil sie dachte: “Auf der Hauptschule ist es egal, ob du dich anstrengst oder nicht. Hinterher bist Du eh Hartz IV”. Inzwischen sieht die 16-Jährige das anders: “Durch unseren Ausbildungspakt weiß ich: Anstrengen lohnt sich. Ich habe für meine Noten gekämpft, bin jetzt Klassenbeste.” Marie-Therese geht in die Klasse 10A der Gevelsberger Hauptschule. In diesem Sommer wird sie in einem Hotel in der Stadt eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen. Die Belohnung dafür, dass sie ihren Teil des Ausbildungspaktes im vergangenen Jahr erfüllt hat. Dafür musste sie einiges tun: Kopfnoten für Benehmen und Unterrichtsbeteiligung “gut” oder besser, mindestens eine “Drei” in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch und sie durfte nicht unentschuldigt fehlen. Hinzu kommen 180 Sozialstunden, die sie leisten muss. Die können die Schüler zum Beispiel in der Schule sammeln: durch Pausenaufsicht und Küchendienst in der Mittagspause. Oder bei der Arbeiterwohlfahrt und der Volkshochschule.
Das rechtlich festgeschriebene Versprechen zwischen den Hauptschülern und der Stadt Gevelsberg ist ein einmaliges Projekt in Nordrhein-Westfalen. Um seinen Teil des Paktes einzuhalten, muss Bürgermeister Jacobi in seiner Stadt regelmäßig Klinken putzen gehen. “Wir sprechen alle Betriebe und Unternehmen in der Umgebung an, um sie dazu zu bringen sich an unserem Ausbildungspakt zu beteiligen”. Für Marie-Therese Rutz zum Beispiel wurde extra eine Azubi-Stelle geschaffen. “Obwohl das Hotel eigentlich in diesem Jahr gar nicht ausbilden wollte”, erzählt die 16-Jährige.
Die Arbeitgeber wie Philip Molineus von der Metallbaufirma Henning im benachbarten Schwelm sind begeistert von dem Projekt der Hauptschule, die erst im Januar von der Bundesregierung dafür ausgezeichnet wurde. “Wir finden die Idee fantastisch und bieten gerne einen Ausbildungsplatz an”, sagt Molineus. Durch den Ausbildungspakt brächten die Schüler nicht nur gute Noten mit: „Sie sind auch sozial engagiert und haben große Motivation.“ Vergangene Woche hat sein Betrieb den 16-jährigen Loris Puzzo unter Vertrag genommen. Der Hauptschüler wird zum Zerspanungsmechaniker ausgebildet. “Es war ganz schön anstrengend. Aber die Mühe hat sich gelohnt”, freut sich Loris. Vor dem Ausbildungspakt hätten fast nur Vieren in seinem Zeugnis gestanden. „Jetzt sind es Zweien und Dreien. Ich habe echten Ehrgeiz entwickelt.“
So gehe es vielen ihrer Schüler, erzählt die Rektorin der Gevelsberger Gemeinschaftshauptschule Henrike Hallmann. 27 von 55 Schülern werden das Ziel erreichen und die Kriterien des Ausbildungspaktes erfüllen. „Das sind fast 50 Prozent mehr als noch vor einem Jahr”, zieht Hallmann Bilanz. Auch von Schulleitung und Lehrern fordert der Ausbildungspakt großes Engagement. “Wir telefonieren uns die Finger wund, um jedem Schüler eine Ausbildungsstelle zu besorgen - und möglichst eine, auf die die Jugendlichen auch Lust haben”, sagt Hallmann. Dortmund und Werne haben sich in Gevelsberg bereits nach dem Ausbildungspakt erkundigt. Wie es aussieht, könnte der Pakt der Hauptschüler wohl auch in anderen Städten in NRW Schule machen.