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Vor zehn Jahren wurde das Erbgut des Menschen entschlüsselt

Genomforschung: Spielt der Mensch Gott?

Von Robert Franz

Heute (21.06.10) vor zehn Jahren wurde zum ersten Mal das menschliche Erbgut komplett entschlüsselt. Inzwischen benutzen die Forscher die Erbinformationen von Lebewesen, um daraus künstliche Mikroorganismen zu erschaffen. Für die Menschen birgt dies neue Chancen und Risiken.

Es ist eine ernüchternde Bilanz, die Biologe Hartmut Meyer zieht, der als einer der führenden Kritiker der Genomforschung in Deutschland gilt. Zehn Jahre nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts sei bei den meisten Forschern die Euphorie verflogen. "Als Heilsbringer ist die Entschlüsselung des menschlichen Genoms eine Enttäuschung." Viele Forscher hatten gehofft, mit dem Wissen über alle Gene des Menschen einen Schlüssel in der Hand zu haben, um Krankheiten wie Parkinson oder Diabetes heilen zu können.


Mehr als nur schlichte Chemie

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Forscher interessiert menschliches Erbgut

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Dass aus dem Vorhaben bislang nichts wurde, erklärt der Biologe Meyer damit, dass der Mensch viel mehr sei als nur schlichte Chemie. Eine Kette von vier verschiedenen Molekülen, die in einer bestimmten Folge aneinander gereiht sind, bildet das Erbgut jedes Lebewesens. "Die Gene sind aber nicht alles, wovon das Leben abhängt", erklärt der Braunschweiger Wissenschafter, der eine kritische Einstellung zur Gentechnik hat und regelmäßig als Gutachter für den Evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn arbeitet.


Erste naturidentische Erbsubstanz

Darüber hinaus warnt Meyer vor einer neuen Entwicklung in der Genetik, der synthetischen Biologie. Auf diesem Forschungsfeld versuchen Wissenschaftler, erstmals künstliches Leben zu schaffen. Der große Durchbruch ist gerade erst gelungen. Ende Mai 2010 präsentierte der Amerikaner Craig Venter einen Mikroorganismus, dessen Gene künstlich erzeugt wurden. Ohne die Entschlüsselung der Genome nahezu aller bekannten Lebewesen wäre dieser Schritt nicht möglich gewesen.


Neue Hoffnung für den Menschen?

Prof. Dr. Alfred Pühler; Rechte:privat

Genomforscher Alfred Pühler

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Mit dem ersten Nachbau eines Bakteriums im Labor wurden auch neue Hoffungen geweckt. Immerhin liegt auch der Bauplan des Menschen seit zehn Jahren offen. Ein Nachbau menschlicher Zellen könnte nun die Erwartungen erfüllen, die von Beginn an mit dem Projekt zum menschlichen Genom verknüpft waren. Ein Beispiel ist etwa die Zuckerkrankheit. Sie könnte geheilt werden, indem einem erkrankten Menschen neue, funktionstüchtige Zellen implantiert werden.
Alfred Pühler, Genomforscher an der Uni Bielefeld, hält diese Vorstellung jedoch für Science Fiction. "Wir dürfen hier keine Erwartungen wecken, die sich vielleicht erst in 50 oder mehr Jahren erfüllen werden", sagt der Professor am Zentrum für Biotechnologie der Uni Bielefeld. Um die Schwierigkeiten der Genetiker mit dem menschlichen Erbgut zu verdeutlichen, zieht er einen Vergleich. "Das jetzt künstlich entstandene Bakterium hat rund eine Million Genbausteine, beim Menschen sind es drei Milliarden solcher Bausteine."


Eine neuer Industriezweig entsteht

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Bakterien als Industrieprodukt

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Auf einem anderen Gebiet wird nach Ansicht Pühlers die noch junge Disziplin der synthetischen Biologie aber schon bald einen großen wirtschaftlichen Nutzen für die Menschen haben. Er rechnet damit, dass Organismen mit künstlich nachgebautem Erbgut künftig industriell und damit in großen Mengen biochemische Substanzen produzieren werden. "Das können feinchemische Produkte wie Vitamine oder Aminosäuren sein." Die künstlichen Bakterien bilden dabei eine Hülle, die mit bestimmten genetischen Bausteinen befüllt werden können. Diese veranlassen die Bakterien dazu, bestimmte biochemische Stoffe herzustellen. Diese nachgebauten Organismen können auf eine spezielle Aufgabe reduziert werden, die sie erfüllen.


Strenge Kontrolle der neuen Biotechnik nötig

Diese neue Bioindustrie birgt aber auch neue Risiken. "Jede Entwicklung hat ein Janusgesicht", sagt Alfred Pühler und befürchtet, dass bereits ausgerottete Viren zu neuem Leben erweckt werden könnten. Bei Pockenviren wäre das möglich, von denen weltweit nur noch wenige Exemplare in Hochsicherheitslaboren existieren. Doch ihr Genom ist bekannt und könnte mit der neuen Biotechnik nachgebaut werden. Pühler spricht sich deshalb dafür aus, alle Labors, die in der Lage sind, naturidentisches Leben zu erschaffen, scharf zu kontrollieren.


Erst mal offene Fragen klären

"Es muss einen Stopp der Forschung geben", fordert dagegen Hartmut Meyer. Für ihn sind die möglichen Auswirkungen der synthetischen Biologie noch nicht ausreichend erforscht. "Die Folgen sind nicht absehbar", meint Meyer und fragt sich, wie etwa die Entsorgung solcher künstlichen Organismen geregelt ist. Bei der industriellen Nutzung würden diese in großen Mengen anfallen. Der Kritiker der Biotechnik hofft, dass es, wie beim menschlichen Erbgut, auch in der synthetischen Biologie eine Diskussion über deren ethische Grenzen geben wird. Auch auf diesem Forschungsfeld hält Hartmut Meyer es für gefährlich, das Wissenschaftler Gott spielen wollen. "Der Respekt vor der Schöpfung muss auch auf dieser Ebene dringend Einzug halten."


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21.06.2010


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