Das Erdbeben in Chile soll zu einer Verschiebung der Erdachse geführt haben. Laut Nasa sind dadurch unsere Tage um 1,26 Mikrosekunden kürzer. Dirk Lorenzen vom WDR-Wissenschaftsmagazin Leonardo erklärt, welche Folgen das hat.
Das schwere Erdbeben in Chile mit der Stärke 8,8 hat Auswirkungen auf den gesamten Globus. Denn laut der US-Raumfahrtbehörde Nasa hat sich durch die Erdstöße die Rotation der Weltkugel verändert. Die Erde dreht sich jetzt schneller. Dadurch wird der Tag um 1,26 Mikrosekunden verkürzt. Eine Mikrosekunde entspricht dem millionsten Teil einer Sekunde. Dirk Lorenzen, Experte für Astronomie und Raumfahrt vom WDR-Wissenschaftsmagazin Leonardo, erklärt, wie es dazu kommt.
WDR.de: Wegen des Erdbebens in Chile soll sich die Erdachse um acht Zentimeter verschoben haben. Ist das eine Sensation in der Naturgeschichte?
Dirk Lorenzen: Nein, das ist gar nicht so ungewöhnlich. Das passiert fast bei jedem Beben oder immer wenn auf der Erde etwas passiert. Die Erdachse ist nicht so stabil, wie wir alle denken. Die Änderungen sind nur so minimal, dass sie für uns keine Bedeutung haben.
WDR.de: Welche Folgen hat eine solche Veränderung?
Lorenzen: Die Erde dreht sich jetzt ein bisschen schneller, so dass der Tag um wenige Mikrosekunden kürzer ist.
WDR.de: Und was wird aus der verlorenen Zeit?
Lorenzen: Es gibt alle paar Jahre an Silvester sogenannte Schaltsekunden, an denen entweder eine Sekunde weggelassen oder zugefügt wird. Das wird gemacht, um unsere Uhren wieder perfekt mit der Erde in Übereinstimmung zu bringen. Daran kann man auch sehen, dass so etwas immer mal wieder vorkommt.
WDR.de: Was genau ist bei dem Erdbeben passiert?
Lorenzen: Dass wir jetzt ein bisschen schneller sind, liegt daran, dass sich größere Mengen Gestein in Richtung Erdinneres verschoben haben. Man könnte sagen, dass die Erde ein ganz kleines bisschen kleiner geworden ist.
WDR.de: Wie kann so etwas passieren?
Lorenzen: Das ist das gleiche Prinzip wie bei der Pirouette einer Eiskunstläuferin. Wenn sie die Arme einzieht, dreht sie sich schneller als mit ausgestreckten Armen. Wenn auf der Erde die Massen verschoben werden, dreht auch die sich etwas schneller. Diesmal ist es passiert, weil sich die Verteilung der Erdplatten ein bisschen verändert hat. Ohnehin schwankt die Erdachse immer ein bisschen, durch verschiedene Einflüsse. Etwa wenn der Mond an der Erde zieht oder sich flüssige Lava im Erdinnern verteilt. Sie verändert sich aber auch durch die Jahreszeiten, zum Beispiel wenn irgendwo besonders viel Schnee und Eis liegt.
WDR.de: Es wird berichtet, dass die Gefahr von Vulkanausbrüchen in der Region dadurch gestiegen ist. Müssen die Chilenen jetzt die nächste Katastrophe fürchten?
Lorenzen: Generell ist das Gebiet um Chile hoch aktiv. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Vulkanausbrüche und Erdbeben wie dort, weil eine Erdplatte unter die Anden absackt. Das kann Vulkanausbrüche zur Folge haben, darauf gibt es tatsächlich Hinweise. Es ist aber nicht automatisch so, dass deswegen übermorgen ein Vulkan ausbricht. Experten können zwar beschreiben, was bei einem Ausbruch passiert, dass Lava aus dem Erdinnern aufsteigt und ausströmt. Aber was den Vulkanausbruch wirklich im Erdinnern auslöst, da stapfen die Geologen noch immer weitgehend im Dunkeln. Da wäre ich mit Prognosen vorsichtig. Man kann nicht sagen: Jetzt war das Erdbeben, also gibt es im nächsten Jahr einen Vulkanausbruch. So einfach ist das nicht.
Das Gespräch führte Stephanie Traichel
.Stand: 03.03.2010, 13:15 Uhr