Bäume dünsten einen Stoff aus, sogenannte Monoterpen, die die Bildung von Aerosolen unterstützen. Aerosole sind kleine Partikel, die Dunst, Wolkenbildung, Niederschlag, das regionale und auch das weltweite Klima beeinflussen. Ohne die Aerosole gibt es weniger Wolken, die einen natürlichen Sonnenschirm für die Erde bilden. Bei steigenden Temperaturen dünsten Bäume mehr Monoterpen aus. Lange dachte man deshalb: Je heißer es ist, desto mehr Wolken gibt es - und desto eher kühlt sich die Erde wieder ab.
Durch Laborversuche mit verschiedenen Baumarten hat ein Forscherteam um die Jülicher Physikerin Astrid Kiendler-Scharr jetzt herausgefunden, dass es umgekehrt ist: Je heißer es ist, desto weniger Wolken gibt es. Das liegt an dem Stoff Isopren, den Bäume vermehrt absondern, wenn die Temperaturen steigen. Weltweit geben die Wälder im Jahr 500 Millionen Tonnen dieser flüchtigen Kohlenwasserstoff-Verbindung ab. Isopren hemmt beziehungsweise verhindert die Bildung der Aerosole - und damit der Wolken. Je stärker sich das globale Klima also erwärmt, desto mehr Isopren gibt es. Die Folge: immer weniger Aerosole, immer weniger Wolken und dadurch eine geringere Abkühlung für unseren Planeten.
WDR.de: Sie schätzen, dass die Aerosol-Produktion bis 2100 um 20 Prozent sinken wird und sich dadurch der Kühleffekt durch Wolken um 12 Prozent verringert. Was bedeutet das konkret?
Astrid Kiendler-Scharr: Der letzte IPCC-Bericht, also der internationale Staatenbericht zur Klimaänderung, geht davon aus, dass Aerosole momentan die größte Klima-Unsicherheit bilden. Man kann das also noch nicht genau abschätzen, aber man geht momentan davon aus, dass CO2 eine wärmende Wirkung von 1,5 Watt pro Quadratmeter hat, Wolken dagegen eine kühlende Wirkung von minus 1 Watt pro Quadratmeter. Wobei Wolken natürlich nur eine lokale Wirkung haben, während CO2 sich überall verbreitet.
WDR.de: Ist das gefährlich für uns?
Kiendler-Scharr: Naja, gefährlich ... Mit dem Wort "gefährlich" muss man ja immer vorsichtig sein. Aerosole machen auch nicht alles gut.
WDR.de: Sie haben hiesige Bäume - Birken, Buchen, Kiefern, Fichten, Eichen - getestet. Was ist mit den Regenwäldern?
Kiendler-Scharr: Die von uns getesteten Baumarten bedecken hier, in den nördlichen Regionen, riesige Gebiete. Sie emittieren nur wenig Isopren, bilden aber viele Aerosole. Die Pflanzen im Amazonasgebiet sind dagegen große Isopren-Produzenten - es gibt dort also keine oder nur eine sehr geringe Partikel-, also Aerosolbildung. Es ist noch nicht bewiesen, ob das am Isopren liegt, aber wir gehen davon aus.
WDR.de: Müssen Klimastudien jetzt völlig neu berechnet werden?
Kiendler-Scharr: Regional kann eine Neuberechnung nötig sein, aber nicht alles muss neu berechnet werden. Außerdem ist der von uns untersuchte Bereich der Klimaforschung eher unterrepräsentiert. Es geht mehr darum, auch solche unterrepräsentierten Bereiche in die Klimastudien mit einzubeziehen.
WDR.de: Was kann man gegen den Rückgang der natürlichen Kühlung tun?
Kiendler-Scharr: Das ist schwierig. Grundsätzlich würde ich auch auf der CO2-Seite ansetzen und versuchen, eine Erhöhung der Treibhausgase und des CO2-Ausstoß zu vermeiden. Potenziell könnte man bei Wiederaufforstung oder Neubepflanzungen darauf achten, wie viel Isopren die Pflanzen ausstoßen. Das ist aber auch von der Wasser- und Nährstoffbilanz der Pflanze abhängig. Es könnte vorkommen, dass eine bestimmte Spezies nicht angebaut werden kann, weil sie zu viel Wasser verbraucht. Aber für eine beratende Funktion bedarf es vieler weiterer Studien.
Stand: 16.09.2009, 19:00 Uhr
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