Behält die bisher kleinteiligste Klimastudie mit ihrer Temperaturprognose recht, könnte es zum Ende des Jahrhunderts im Sommer um einiges wärmer in NRW sein als derzeit. Und trockener wäre es - dafür die Winter umso regenreicher. Daniela Jacob vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie hat die Studie "Klimaauswirkungen und Anpassung in Deutschland - Erstellung regionaler Klimaszenarien" geleitet.
WDR.de: Ohne Ihnen und Ihren Kollegen zu nahe treten zu wollen: Man hat den Eindruck, die Ergebnisse dieser neuen Studie schon häufig gehört zu haben...
Daniela Jacob: Das ist richtig. Wir haben die ersten Ergebnisse dieser Studie im Auftrag des Umweltbundesamtes bereits 2006 vorgestellt. Aktuell ist jetzt der Abschlussbericht - mit etwas mehr Ergebnissen. Die regionale Kleinteiligkeit ist nach wie vor das Besondere. Wir haben die Klimamodellierung mit einem Raster von zehn mal zehn Kilometern für Deutschland erstellt. Und da tauchen plötzlich detaillierte Landkarten auf, die man gut kennt - und deswegen kommt einem alles viel plausibler vor.
WDR.de: Und man kennt sie vom Wetterbericht. Dennoch ist die Aussagekraft Ihrer Karten nicht mit der (relativen) Genauigkeit von Wetterprognosen zu vergleichen, oder?
Jacob: Die Aussagekraft ist eine ganz andere. Die Wetterkarten sind Vorhersagen für die nächsten Stunden oder Tage, also wie sich das Wettergeschehen entwickeln wird. Das ist relativ treffsicher, naja, mal mehr, mal weniger. Bei den Klimaberechnungen ist es etwas ganz anderes. Da berechnen wir Mittelwerte für lange Zeiträume. Wir können nicht sagen, ob es an einem bestimmten Tag um 15 Uhr regnet - sondern wir können nur sagen, im Mittel ist etwa die Sommertemperatur wahrscheinlich bis zu drei Grad wärmer als heute. Das heißt: Unsere Szenarien sind mögliche Entwicklungslinien, die davon abhängen, wie wir Menschen uns verhalten. WDR.de: Welche Unsicherheitsfaktoren gibt es denn?
WDR.de: Welche Unsicherheitsfaktoren gibt es denn?
Jacob: Ein großer Faktor ist die Menge der so genannten Treibhausgase. Die Entwicklung hängt sehr stark davon ab, wie sehr sie ansteigt. Daher haben wir in den Berechnungen drei mögliche Szenarien - einen schwachen, mittleren und starken Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts - berücksichtigt. Auf die unterschiedlichen Entwicklungen wird sich das Klima jeweils anders einstellen. Vegetation und Bodenbedeckung wirken sich auch auf das Klima aus. Was wir überhaupt nicht berücksichtigen können, sind natürliche Phänomene wie starke Vulkanausbrüche.
WDR.de: Das heißt, ein Vulkanausbruch irgendwo auf dem Globus wirkt sich auch auf das Klima in Bochum aus?
Jacob: Ja, genau. Es muss natürlich schon ein richtig großer Vulkanausbruch sein. Dabei gelangen so viele Partikel in die Atmosphäre, dass es einen Einfluss auf die Sonneneinstrahlung und Wolkenbildung hat, und zwar nicht nur in der Region. Die Partikel werden in hohen Strömungen der Atmosphäre auch über den ganzen Globus verteilt. So etwas kann durchaus das Klima der Erde auf zwei oder drei Jahrzehnte beeinflussen. Das können wir gar nicht einplanen. Deswegen kann unsere Studie nur mögliche Entwicklungslinien aufzeichnen.
WDR.de: Lassen wir mal den Vulkanausbruch beiseite - welche besonders erwähnenswerten Ergebnisse sagt Ihre Studie für NRW voraus?
Jacob: Alle Modelle im Hinblick auf die Temperaturen sagen aus, dass es im Sommer, Herbst und Winter eine deutliche Erwärmung von bis zu 3,3 Grad geben kann. Nur das Frühjahr erwärmt sich vergleichsweise schwächer, nur um 2 bis 2,5 Grad. Aber auch mit dieser Prognose ist klar: Auch in Zukunft gibt es mal schöne Sommer und mal kältere - so wie jetzt auch. Unsere Berechnungen sind saisonale Mitteltemperaturen. Zudem gelten die Temperaturwerte für größere Regionen; zwischen einzelnen Städten kann man da nicht unterscheiden.
WDR.de: Steht der Rheinländer weniger im Regen als der Westfale?
Jacob: Beim Regen sind die Phänomene sehr kleinräumig. Nach unseren Berechnungen könnte es im Sommer westlich des Rheins bis zu 20 Prozent weniger regnen als heute. Dafür gibt es im Sauerland insgesamt mehr Niederschlag - auch im Sommer. Aber generell gilt: Niederschläge, die im Sommer nicht fallen, kommen in den anderen Jahreszeiten. Im Ergebnis bleibt es dieselbe Regenmenge in allen Regionen.
WDR.de: Und wird es Nachfolger von Stürmen in der Art Kyrills geben oder gar Hurrikane?
Jacob: Nein, in unseren Modellen deutet nichts darauf hin, dass sich die Windverhältnisse stark verändern. Hurrikane wird es bei uns sowieso nicht geben. Aber wir sehen auch keine Veränderung der Windgeschwindigkeiten oder Windrichtungen nach unserem heutigen Wissensstand. Wir untersuchen gerade, ob solche Stürme wie Kyrill sich künftig häufen könnten. Aber das wird noch ein paar Jahre dauern, bis wir da belastbare Daten haben.
WDR.de: Der Tourismus und die Landwirte müssen sich umstellen - können Sie etwas dazu sagen, ob NRW wirklich gewappnet ist?
Jacob: Wir selber machen keine Folgestudien. Ich weiß aber, dass unsere Daten ans Landesumweltamt und viele andere Institute gegangen sind. Die ganzen Folgen für die Länder werden gerade ausführlich analysiert. Ich weiß, dass in NRW vergleichsweise intensiv daran gearbeitet wird. Die Aufmerksamkeit ist da. Ob das am Ende ausreicht, vermag ich nicht zu sagen.
Das Gespräch führte Stephanie Berling
Texte, Videos, Audios, Fotos - Infos zu "Kyrill"
[2,03 MB]; Quelle: Max-Planck-Institut
[2,87 MB]; Quelle: Max-Planck-Institut
Studie des Max-Planck-Instituts im Auftrag des Umweltbundesamtes
Stand: 03.09.2008, 17:15 Uhr
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