Von Arndt Lorenz
Der Jülicher Klimaforscher Marc von Hobe mag es frostig. Wenn das nicht so wäre, könnte er seinen aktuellen Arbeitsplatz wohl auch kaum ertragen: Am Polarkreis, im nordschwedischen Kiruna, untersucht von Hobe gemeinsam mit einem internationalen Team den arktischen Polarwirbel. Die Wissenschaftler gewinnen Daten, um Ozonloch und Klimawandel künftig besser zu verstehen.
In Kiruna wird es im Winter bis zu minus 40 Grad Celsius kalt - und 20 Kilometer darüber, hoch oben in der Stratosphäre, kann das Thermometer sogar unter minus 80 Grad Celsius fallen. Nur bei diesen extrem niedrigen Temperaturen bilden sich am Himmel über der Arktis im sogenannten Polarwirbel sehr hoch liegende Wolken, und um die geht es den Forschern. Sie wollen wissen, welche Prozesse in der Stratosphäre, in einer Höhe von etwa 20 Kilometern über der Erde, die Ozonschicht beeinflussen, und insbesondere, welche Rolle der globale Klimawandel dabei spielt. "Wir gewinnen Daten für Klimaprognosen", sagt Marc von Hobe. "Die Daten sollen dazu beitragen, bessere Klimamodelle zu entwickeln." Fünf Millionen Euro kostet das Projekt "Reconcile", das vom Forschungszentrum Jülich koordiniert wird und an dem 16 Institute beteiligt sind. Um an die Daten zu kommen, haben sich die rund 50 Wissenschaftler und Ingenieure von "Reconcile" eine ausgefallene Messstation besorgt - ein umgebautes ehemaliges russisches Spionageflugzeug "M55-Geophysica". Es ist eines von drei bekannten Flugzeugen, die in Höhen von bis zu 21 Kilometern vordringen können. Statt Spionagekameras transportiert der Spezialflieger jetzt komplizierte Messgeräte. 30 russische Techniker warten die einzigartige Konstruktion mit den fast 40 Meter breiten Tragflächen und speziellen Triebwerken, die 1988 gebaut wurde. Pilot Oleg Schepetkow trägt einen beheizten Spezialanzug, der außerdem bei einem plötzlichen Druckabfall im Cockpit für Sicherheit sorgt.
In der "Arena Arctica", einem Hangar am Flughafen von Kiruna, bereiten Marc von Hobe und seine Kollegen aus neun Ländern die Messgeräte vor, bevor sie an und in der "Geophysica" angebracht werden. Manchmal arbeiten die Forscher rund um die Uhr, damit die Technik vor und während des Fluges auch richtig funktioniert. Gemessen wird zum Beispiel die Konzentration der Stoffe, die das Ozonloch verursachen. Die Forscher wollen herauszufinden, wie sich diese im Polarwirbel verhalten und ausbreiten. Dazu spürt die "Geophysica" mit hochempfindlichen Geräten kleinste Gasmengen auf.
Um Blindflüge zu vermeiden, sind drei Forscher (Spitzname "Wolkenjäger") am Boden ständig damit beschäftigt, den Verlauf des Polarwirbels vorherzusagen. Geophysiker Gebhard Günther und Chemiker Tobias Wegner aus Jülich sowie der Potsdamer Mathematiker Ralf Lehmann berechnen dann präzise Flugpläne, an die sich der Pilot exakt halten muss, um der Spur des Ozons durch die Luft folgen zu können.
Sobald nach jeweils etwa vier Stunden Flug die "Geophysica" auf den Flughafen Kiruna zurückgekehrt ist, machen sich wieder Dutzende Wissenschaftler und Techniker an ihr zu schaffen. Klappen werden geöffnet, Verkleidungen abgebaut, Kabel angeschlossen. Erst jetzt sehen die Wissenschaftler, ob die Geräte erfolgreich Daten gesammelt haben. Es ist ein erster Check der Ergebnisse - die umfangreiche Auswertung dauert dann Monate. Unmittelbar nach der Landung setzen sich Wissenschaftler, Techniker und Logistiker zusammen, um den nächsten Flug optimal abzustimmen. Denn die Miete des russischen Spezialflugzeuges ist teuer, die 54 Flugstunden des "Reconcile"-Projektes kosten fast eine Million Euro.
Bis jetzt ist Marc von Hobe mit seiner Arktis-Mission zufrieden. Der Jülicher Umweltchemiker hofft, bis zum Ende der aktuellen Projektphase am 19. März alle geplanten Flüge realisiert zu haben. Ein wenig Glück braucht das "Reconcile"-Team vor allem mit dem Wetter, denn der Polarwirbel ist dabei, sich aufzulösen, der Einsatz des Flugzeuges hat dann keinen Sinn mehr. Irgendwann ist selbst in der Arktis der Winter vorbei.
Stand vom 02.03.2010, 16:00 Uhr