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Sturm an der Küste; Rechte: WDR/Houri
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Einigen Arten nützt, anderen schadet die Erderwärmung

Die große Klima-Wanderung

Von Stefan Michel

Der aktuelle Klimawandel krempelt die Natur um, wie es seit der Eiszeit nicht mehr geschehen ist. Wärme liebende Blumen, Insekten und Vögel zieht es aus dem Süden ausgerechnet nach Deutschland. Andere Arten flüchten nach Norden.

Deutschland wird mediterran. Zwar ist die Jahres-Durchschnittstemperatur wegen des Treibhauseffektes bislang um nicht einmal ein Grad angestiegen. Aber das hat bereits gereicht, um eine große Artenwanderung von Süd nach Nord auszulösen. Vor allem wegen der milderen Winter können heute in Deutschland Insekten und Pflanzen überleben, die es noch vor Jahren nur südlich der Alpen gab. Und Vögel aus dem Mittelmeerraum, die sich von genau diesen Insekten und Pflanzen ernähren, folgen ihnen nach Mitteleuropa. Andererseits weichen einheimische Arten, die gut an kalte Winter und feuchte Sommer angepasst sind, nach Norden aus. Denn je mehr Arten aus dem Süden zuwandern, desto knapper wird hier der Lebensraum für die kälteliebenden Arten. Unter den Gewinnern des Klimawandels sind also viele Tiere und Pflanzen, denen Wärme und Trockenheit gut bekommen. Ihr Lebensraum wird größer. Verlierer sind viele Arten, die auf kalte und feuchte Lebensräume spezialisiert sind. Ihr Verbreitungsgebiet schrumpft.

Polarfuchs; Rechte:dpa

Polarfuchs ohne Polareis

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Für Eisbewohner wird es eng

Der wohl prominenteste Verlierer des Klimawandels ist der Eisbär. Die Fotos vom weißen Riesen auf der schmelzenden Eisscholle gingen um die Welt. Sein Schicksal teilt der Polarfuchs, der gern die Beutereste der Eisbären frisst: Ihr eisiger Lebensraum taut, und sie können nicht nach Norden ausweichen.


Hände greifen nach Anemonen; Rechte:picture alliance/ZB

Brockenanemone stirbt aus

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Verdrängte Gebirgsbewohner

Ähnliches gilt für Gebirgsbewohner, die aufs Leben mit Eis und Schnee spezialisiert sind: Der Lebensraum von Gletscherhahnenfuß und Edelweiß, Schneehuhn und Alpensteinhuhn schrumpft in den Alpen rapide. Vom höchsten Berg des Harzes wird die Brockenanemone bald verschwinden, eine Blume, die nur dort wächst. Und im Sauerland gibt es Gebirgspflanzen wie Alpenbärlapp (eine Gefäßsporen-Pflanze) und Preiselbeere nicht mehr lange. Diese Arten kamen in den Hochlagen gut zurecht, weil nur wenige andere Pflanzen die Kälte dort vertrugen und mit ihnen um Nährstoffe und Licht konkurrierten. Je mehr Pflanzen mit den steigenden Temperaturen in die Hochlagen vorrücken, desto stärker werden die Kältespezialisten überwuchert und verdrängt.


Auerhahn; Rechte:dpa

Auerhahn braucht Blaubeeren

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Auerhähne nur noch in den Hochalpen

Scheinbar mit Erfolg haben Vogelfreunde im Hochsauerland den Auerhahn wieder angesiedelt. Doch dieses Projekt dürfte auf längere Sicht vergebens sein. Auerhühner brauchen als Sommernahrung Blaubeeren, und für die ist es in den hiesigen Mittelgebirgen bald zu warm. In Deutschland wird dieses Wildhuhn nach Einschätzung der EU-Umweltdirektion nur in den höchsten Lagen der Alpen überleben.


Feuersalamander; Rechte:dpa

Massensterben von Salamandern

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Tödlicher Pilz auf dem Vormarsch

Zu den Verlierern des Klimawandels zählen auch die Amphibien. Der Feuersalamander zum Beispiel kann nicht in den kühleren Norden flüchten, weil er nur kurze Strecken zurücklegen und Hindernisse wie Autobahnen nicht überwinden kann. Die Sumpfbiotope, in denen er lebt, trocknen immer häufiger aus. Außerdem tötet ein parasitärer Pilz namens Batrachochytrium die Salamander zu Tausenden, und dieser Pilz breitet sich umso weiter aus, je milder die Winter werden.


Fitis und Kuckuck kommen zu spät

Für die Kurzstreckenflieger unter den Zugvögeln wie Star und Singdrossel ist der Temperatur-Anstieg eine feine Sache: Sie sparen sich immer häufiger die anstrengende Reise und bleiben in Deutschland. Weitstreckenziehern wie Fitis und Kuckuck spielt der Klimawandel dagegen einen Streich. Wenn sie wie eh und je im April aus ihren Winterquartieren südlich der Sahara zurückkehren, dann finden sie nicht mehr genug zu fressen. Denn die nahrhaften Insektenlarven schlüpfen immer früher. Nach einer Studie des britischen Vogelschutz-Verbandes RSPB1 wird der Fitis aus weiten Teilen Mitteleuropas verschwinden. Auch das Verbreitungsgebiet der drei größten heimischen Zugvögel Kranich, Weißstorch und Schwarzstorch wird sich tendenziell nach Nordosten verlagern. Diese drei Arten suchen ihre Nahrung auf feuchten Böden, und die Fläche der Feuchtgebiete wird in Deutschland schrumpfen.


Purpurreiher; Rechte:dpa

Purpurreiher breitet sich aus

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Mehr Verlierer als Gewinner

Vom Artenschwund werden die meisten Menschen nichts bemerken, denn zugleich breiten sich ja Arten in Deutschland aus, von denen viele sehr auffällig sind: bunte Orchideen etwa, die leuchtend rote Feuerlibelle, der Purpurreiher und der exotisch gefärbte Bienenfresser. Doch Norbert Schäffer vom Verband RSPB warnt, es werde "in der Brutvogelwelt Europas deutlich mehr Verlierer als Gewinner geben." Drastischer noch drückt es die Europäische Kommission aus: Der Klimawandel mache womöglich über Jahrzehnte "unsere Bemühungen um den Schutz und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt zunichte". Welchen Umfang das Artensterben in Europa haben wird, ist schwer vorherzusagen. Die Schätzungen liegen zwischen fünf und 30 Prozent.


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Stand: 24.05.2008, 00:00 Uhr


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