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Kölner Energieexperte über NRW-Klimaschutzstrategie

"Zeichen der Zwiespältigkeit"

Die USA könnten eine Einigung in Kopenhagen blockieren, China ehrgeizigen Zielen zur CO2-Reduktion entgegenstehen. Und was macht NRW? Stellt die Landesregierung mit ihrer Klimaschutzstrategie die richtigen Weichen? Niklas Höhne, Experte für erneuerbare Energien, erläutert die Knackpunkte.

; Rechte: WDR/Franck

Höhne berät in Kopenhagen

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Niklas Höhne sitzt schon auf gepackten Koffern: Am Montag (07.12.09) beginnt die Weltklimakonferenz in Kopenhagen. Dort wird der Kölner mit seinem Team Regierungen und Nichtregierungs-Organisationen in Sachen Klimawandel und erneuerbare Energien beraten. Nach Kopenhagen fährt auch NRW-Wirtschafts- und Energieministerin Christa Thoben. Aus ihrem Hause stammt die Klimaschutzstrategie des Landes NRW. Im Interview mit WDR.de nimmt Höhne, der auch Mitautor am Weltklimabericht 2007 ist, das Papier der Landesregierung unter die Lupe.


WDR.de: Mit ihrer Klimaschutzstrategie will die NRW-Landesregierung eine Schrittmacherfunktion übernehmen. Werden die festgelegten Ziele dieser Funktion gerecht?


Niklas Höhne: Die Klimaschutzstrategie der Landesregierung spiegelt die Zwiespältigkeit wider, die man auch in der Bundespolitik wieder findet. Auf der einen Seite werden Energieeffizienz und erneuerbare Energien sehr gefördert. Auf der anderen Seite werden die Großindustrie und die großen Energieversorger vor einschneidenden Maßnahmen geschützt. Ein Vorreiterpaket ist das, was sich die Landesregierung vorgenommen hat, insgesamt nicht.


WDR.de: Woran genau machen Sie das fest? Immerhin will NRW die CO2-Emissionen bis 2020 um 81 Millionen Tonnen reduzieren...


Höhne: Wenn man Vorreiter sein will, muss klar sein, was das langfristige Ziel ist. Und das kann nur sein, in Industrieländern bis Mitte des Jahrhunderts Emissionen um 80 bis 95 Prozent zu senken. Nur so kann man den Klimawandel auf einem sicheren Niveau halten. Im Prinzip muss jetzt etwas passieren, damit in 40 Jahren fast alle Emissionen weg sind.


Kohlekraftwerke, die heute gebaut werden, stehen mindestens 40 Jahre. Teil der Klimaschutzstrategie ist es, die Kohlekraftwerke zu halten und auch zu erneuern. Damit wird zwar kurzfristig CO2 reduziert, gleichzeitig aber auch festgeschrieben, dass die Kraftwerke noch mindestens 40 Jahre laufen. Mitte des Jahrhunderts können wir den Energiebedarf aus erneuerbaren Energien decken, wenn wir intelligente Lösungen finden – und das zu geringen Kosten, ohne bankrott zu gehen.


WDR.de: NRW ist ein Energieland. Rund 30 Prozent des Stroms bundesweit werden hier produziert. Was müsste Ihrer Ansicht nach passieren, um ehrgeizigere Einsparziele zu erreichen?


Höhne: Eigentlich dürften keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden, sondern man müsste nach Alternativen suchen. Gebäude, die neu entstehen, müssten energetisch auf den besten Stand gebracht werden – das ist noch nicht Teil der Klimaschutzstrategie. Allerdings unterstützt das Land energetisch günstiges Bauen – und das ist deutlich positiv, auch wenn noch mehr getan werden könnte.


WDR.de: Zwar ist NRW kein Kernenergieland, dennoch ist die Kernenergie Teil des Klimaschutzprogramms – weil in NRW geforscht und Teile zugeliefert werden. Wie sinnvoll ist es, diese so genannte „Brückentechnologie“ zu stärken?


Höhne: Das ist ein heiß diskutiertes Thema. Wenn die Kernkraftwerke länger laufen, und so argumentiert die Landesregierung, ersetzen sie fossile Kraftwerke und die Emissionen reduzieren sich. Die andere Art der Argumentation ist, dass bei längeren Laufzeiten der Druck viel geringer ist, Alternativen zu finden. Daher ist die Kernkraft den alternativen Energien im Weg. Das hat man am Beispiel zahlreicher geplanter Offshore-Windenergieparks gesehen: Allein die Ankündigung verlängerter Laufzeiten hat dort das Investitionsklima verändert.


WDR.de: Beim Thema Verkehr geht es vor allem um weniger Staus durch Verkehrsleitsysteme und Autobahnausbau, um den Transport von Gütern auf Schiene und Schiffen und den Luftverkehr. Was ist mit dem Individualverkehr?


; Rechte:dpa

Mehr Straßen - mehr Verkehr

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Höhne: In Klimaschutzpapieren wird häufig der Transportsektor ausgeklammert und nicht genügend bedacht. Die Emissionen im Transportbereich steigen ständig an. Nachdem die Selbstverpflichtung der Industrie in Europa zur Senkung der Emissionen nicht erreicht wurde, gibt es nun verpflichtende Regelungen - aber die greifen noch nicht wirklich. Was die NRW-Regierung sich in Sachen Verkehr vorgenommen hat, ist zu wenig. Im Ausbau des Schienenetzes und des Öffentlichen Personennahverkehrs kann das Land deutlich nachlegen.


WDR.de: NRW sieht sich auch als Standort für Energieforschung. Sind die Weichen klimapolitisch richtig gestellt?


; Rechte:dpa

Wie speichert man Energie?

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Höhne: An erster Stelle in der Klimaschutzstrategie steht dort die CO2-arme Kraftwerkstechnologie. Das ist zwar gut für die heimische Kohle und die Energieversorger, aber ich bin nicht sicher, ob das die richtige Strategie ist, die wir brauchen. Was wirklich wichtig ist – und das kommt schon auf Platz zwei und drei – sind intelligente Stromnetze und Speichertechnologien. Das ist wichtig für die erneuerbaren Energien, die teilweise ja nicht immer zur Verfügung stehen.


WDR.de: Die Landesregierung spricht sich gegen den Emissionshandel aus, weil sie höhere Strompreise befürchtet...


Höhne: Für Kraftwerke werden ab 2013 keine kostenlosen Emissionsrechte mehr vergeben. Die NRW-Regierung ist in ihrer Klimaschutzstrategie dagegen, dass weiter kostenlos Zertifikate an Energieversorger vergeben WERDEN. Das ist der völlig falsche Weg. Das Emissionshandelssystem ist DAS anerkannte Instrument innerhalb der EU, um Klimaschutz zu betreiben. Wenn man das untergräbt und CO2 keinen Preis erhält für die Energieversorger, ist das klimapolitisch falsch.


WDR.de: Die Politik möchte Klimaschutz mit Augenmaß, um der Wirtschaft nicht zu schaden. An der Nutzung des heimischen Rohstoffes Braunkohle hängen viele Arbeitsplätze. Sollen die alle verloren gehen?


Höhne: Die erneuerbaren Energien sind auch heimisch. Und es stimmt, dass an der Kohle derzeit viele Arbeitsplätze hängen. Doch wenn man erneuerbare Energien produziert, entwickelt und exportiert, ist der Markt sehr viel größer als NRW oder Deutschland. Vor allem, wenn man eine Vorreiterrolle einnimmt. Es bedarf einer Änderung der Struktur, was natürlich schwierig ist, aber sie kann langfristig positiv sein.

Das Interview führte Annika Franck.






Stand: 06.12.2009, 2:00 Uhr


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