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Interview mit dem WDR-Umwelt-Experten Detlef Reepen

Hoffnungsschimmer für das Klima

Ab Montag (02.08.10) sitzen Vertreter aus mehr als 180 Ländern wieder einmal in Bonn zusammen, um die Weltklimakonferenz im Dezember in Mexiko vorzubereiten. Nachdem die Diskussionen zuletzt völlig verfahren schienen, gibt es jetzt offenbar neue Hoffnung.

Einige Tausend Teilnehmer werden zur Klimakonferenz erwartet, die von Montag (02.08.10) bis Freitag (06.08.10) in Bonn stattfindet. Wie auf den letzten Vorbereitungskonferenzen, geht es darum, einen Vertragstext zu entwerfen, der als Nachfolge des ablaufenden Kyoto-Protokolls in Mexiko von den Mitgliedern der Weltklimakonferenz gemeinsam beschlossen werden kann. Die letzte Vorbereitungskonferenz im Juni 2010 war praktisch im Streit geendet, die Aussicht, dass es in Mexiko einen Nachfolgevertrag geben wird, offenbar in weite Ferne gerückt. Doch nun könnte es einen neuen Hoffnungsschimmer geben, meint WDR-Klimaexperte Detlef Reepen.


WDR.de: Gibt es nun doch noch eine Chance für das Weltklima?

Detlef Reepen: Zumindest liegt jetzt wieder ein neuer Vertragstextentwurf für eine neue Runde im Klimaschutz vor. Er ist das Werk der Vorsitzenden der Zwischenkonferenzen, einer Diplomatin aus Simbabwe. Sie hat ihn im Juli vorgestellt. Das Besonderen daran ist, dass er diesmal klar die Handschrift der Entwicklungsländer trägt, zu denen 77 Länder zählen plus China. Denn pro Kopf gerechnet gilt China, auch wenn es inzwischen die größte Wirtschaftsnation der Welt ist, immer noch als unterentwickelt. Die Entwicklungsländer hatten sich nach der letzten Konferenz im Juni 2010 ziemlich lautstark über den Entwurf beschwert, der damals entstanden war. Der Vorwurf war, dass die Industrieländer das Kyoto-Protokoll mitsamt den Verpflichtungen im Grunde zunichte machen wollten, anstatt, wie eigentlich geplant, ein Nachfolgeprotokoll zu erarbeiten. Dieser neue Vertragstextentwurf benennt ganz klar die historische Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel und verlangt von ihnen viel stärkere Anstrengungen, während den Entwicklungsländern aufgrund ihrer schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung Zeit gegeben werden soll.

WDR.de: Enthält der Vertrag konkrete Forderungen an die Industrieländer?

Reepen: Ja. Zum einen ist den Entwicklungsländern ganz wichtig, dass zunächst das Gesamtziel der angesteuerten CO2-Reduktion benannt wird. Diese Leistung sollen die Industrieländer unter sich aufteilen, damit sie es bis 2050 schaffen, 80 bis 95 Prozent des CO2-Ausstoßes einzusparen – immer bezogen auf 1990. Eine Zahl übrigens, die der amerikanische Präsident Obama auch schon mal genannt hat. Bis 2020 sollen es 20 bis 45 Prozent sein. Das magere Ergebnis der Konferenz von Kopenhagen war ja gewesen: Jedes Land nennt, was es meint, für den Klimaschutz leisten zu können, und daraus wird ein Durchschnitt der erreichbaren Menge errechnet. Das ist dann das Ziel. Dieser neue Vertragstext macht es genau umgekehrt.

WDR.de: Gibt es Hoffnung, dass sich die Teilnehmer der Konferenz darauf einlassen?

Reepen: Beschlossen wird dazu innerhalb der nächsten fünf Tage in Bonn sicherlich nichts. Aber man hat zumindest etwas, worüber man sich streiten kann und was nicht direkt von den Entwicklungsländern abgelehnt wird. Denn für ein funktionierendes Konzept gegen den Klimawandel ist es ja ganz wichtig, dass die Entwicklungsländer mit ins Boot geholt werden, damit die in Zukunft nicht den Anteil CO2 wieder ausstoßen, den die Industrieländer einsparen. Und: Jetzt liegt endlich mal ein Vertragstext vor, der "nur" 40 Seiten stark ist, an dem die Länder tatsächlich arbeiten können – auch wenn es heiß her gehen wird in Bonn. Bei den fünf Vorbereitungskonferenzen für Kopenhagen war der Vertragsentwurf noch 200 Seiten dick und es gab über 1.000 Alternativvorschläge. Damit konnte niemand mehr arbeiten. Das war nur noch Chaos.


WDR.de: Bisher galten die USA und China als die größten Klimakiller einerseits, aber auch als die großen Bremser auf der Klimakonferenz, weil sie sich auf keine Verpflichtung einlassen wollten.

Reepen: Solange China nicht mehr leistet, haben die USA sich immer gesperrt, mehr zu leisten als die fünf Prozent Reduktion, die bisher im Raum stehen – was übrigens ein lächerlicher Betrag ist verglichen mit den Anstrengungen, die die EU-Länder unternehmen. Die USA wollen vor allem, dass China auch Kontrolleure ins Land lässt. Dazu sah China bisher keinerlei Veranlassung. Solange aber die Industrieländer nicht klare Absichten zeigen, auch etwas zu tun, haben sich bis jetzt wiederum die Entwicklungsländer geweigert, zu verhandeln.


WDR.de: China hat jetzt offenbar schon Anerkennung für den neuen Vertragsentwurf geäußert. Kann man das ernst nehmen?

Reepen: Noch bei der letzten Vorbereitungskonferenz haben die Chinesen schon in der ersten halben Stunde ihre Ablehnung demonstriert, indem sie sehr aggressiv die Tagesordnung kritisierten. Ob die positiven Äußerungen jetzt eine neue Haltung signalisieren, muss man abwarten. Im Oktober wird es eine weitere Vorbereitungskonferenz geben, die in China stattfindet. Auch da wird sich zeigen, wie sich die Chinesen im eigenen Land verhalten, ob sie sagen: Diese Welt muss in einer gemeinsamen Anstrengung gerettet werden.


WDR.de: Zuletzt, als alles im Chaos zu versinken drohte, gab es wenigsten noch die „Allianz der Willigen“, die kleineren Zusammenschlüsse von Ländern, die separat an Fortschritten arbeiten.

Reepen: Das läuft auch weiter. Gleichzeitig ist aber auch den „Willigen“ klar, dass man ohne ein gemeinsames UN-Vertragswerk die Klimaprobleme der Welt nicht lösen kann. Die Allianz der Willigen kann nur ein Vehikel sein, um den stockenden Prozess wenigsten punktuell wieder in Gang zu bringen. Beispielsweise das kleine Norwegen mit seinen enormen Anstrengungen, oder die deutsche Initiative „Lifeweb“, die mit ganz vielen anderen Ländern zusammen arbeitet. Gemeinsam hat man da eine Art Börse gebildet, an der Geldgeber und Geldnehmer vermittelt werden. Aber die allein können die Welt nicht retten.


WDR.de: Ist der neue Vertragsentwurf ein Hoffnungsschimmer?

Reepen: Ich würde es als gutes Zeichen werten. Aber natürlich muss man abwarten, was die Länder im Plenum dazu sagen werden. Wenn beispielsweise die Australier kommen mit ihren Kohleinteressen, oder die USA befinden, dass dieser Vertrag zu einseitig im Sinne der Entwicklungsländer ist, dann wird diese Woche in Bonn wieder völlig verschenkt sein.

Das Interview führte Nina Magoley.






Stand vom 02.08.2010


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