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Interview mit Klaus Töpfer

Klimawandel: Predigen reicht nicht

Wie der Klimawandel aufzuhalten ist, beschäftigt nicht nur Politiker. In Essen kamen erstmals Natur- und Kulturwissenschaftler bei der internationalen Konferenz "The Great Transformation" zusammen, um über Lösungen zu diskutieren. Klaus Töpfer war einer der Referenten.

Klaus Töpfer am Rednerpult; Rechte:WDR/Underberg

Klaus Töpfer referiert

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WDR.de: Die Konferenz ist mit "Die große Transformation" überschrieben. Was soll das heißen?

Klaus Töpfer: Sieht man sich die Ergebnisse unserer bisherigen Lebensweise an, sind grundsätzliche Veränderungen notwendig. Wir übernutzen die Natur bis an die Grenze des Erträglichen. Der erforderliche Wandel muss in einem Dialog demokratisch verständlich und mehrheitsfähig gemacht werden. In diesen Dialog müssen auch wissenschaftliche Erkenntnisse, wie wir sie auf dem Kongress hier diskutieren, eingebracht werden.

WDR.de: Angesichts der Wirtschaftskrise rückt das Thema Klimawandel wieder in den Hintergrund. Wie bewerten Sie dies?

Töpfer: Die Wirtschaftskrise ist der Offenbarungseid der Kurzfristigkeit. Wir haben uns an die Vierteljahresergebnisse der Unternehmen gewöhnt und daran, dass wir eine Wegwerfgesellschaft sind. Selbst die Entlohnungssysteme der Manager haben wir an diese kurzfristigen Ziele geknüpft. Dadurch werden die sozialen und ökologischen Kosten unseres Wohlstands heute in die Zukunft verschoben, damit sie nicht die Preise belasten. Entscheidend ist, dass wir endlich auch die mittel- und langfristigen Konsequenzen unseres Handelns berücksichtigen.

WDR.de: Was bedeutet das konkret?

Töpfer: Die Kosten hierfür müssen in die heutigen Preise eingebunden werden. Wenn die Preise sich verändern, verändert sich auch das Verhalten der Menschen. Predigen allein hat noch nie Verhalten verändert. Wenn sich zum Beispiel Rohstoffknappheiten in den Preisen widerspiegeln, werden neue Technologien entwickelt.

WDR.de: Was halten Sie dann von den aktuellen Maßnahmen gegen die Krise, etwa der Abwrackprämie?

Töpfer: Die Abwrackprämie ist ein kurzfristiges Instrument. Sie ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Das ist ökologisch nicht sinnvoll, und es wird sich auch zeigen, dass es ökonomisch nicht sinnvoll ist. Wir müssen uns stattdessen Gedanken machen, wie eine Kreislaufwirtschaft durchzusetzen wäre.


Töpfer bei einer UNEP-Pressekonferenz in Nairobi; Rechte:dpa

Töpfer in Nairobi

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WDR.de: Um das Klima zu schonen, werden Methoden erforscht, mit denen das CO2 aus Abgasen von Kohlekraftwerken herausgetrennt werden kann. Was halten Sie davon?

Töpfer: China beispielsweise verbraucht die einzige Energie, die man dort hat, und das ist Kohle. Die Chinesen kommen zu uns und fragen, wie man Kohle umweltfreundlicher verbrennen kann. Für eine technologisch führende Nation wie Deutschland ist es eine Herausforderung zu erforschen, wie man Kohlenstoff abspalten und diesen dann als Wertstoff nutzen kann. Zum Beispiel um in einer synthetischen Fotosynthese daraus Biomasse zu erzeugen, die wiederum als Energielieferant genutzt werden kann. In einer Welt, die - ob wir das wollen oder nicht -, noch viel Kohle verbrennen wird, müssen wir mitwirken, die damit verbundenen Klimabelastungen massiv zu verringern.


WDR.de: In der CDU wird darüber diskutiert, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern. Treibt man damit nicht den Teufel mit dem Beelzebub aus?

Töpfer: Wir müssen alles daransetzen, eine Zukunft ohne Kernenergie zu erfinden. Diese Position hatte ich schon zu meiner Zeit als Umweltminister. Und acht Jahre Afrika haben mir gezeigt, dass Kernenergie sicherlich keine globale Option ist.

WDR.de: Sie waren bis 2006 Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Nairobi. Was war Ihre wesentliche Erfahrung?

Töpfer: Man ist dort konfrontiert mit einer Armut, die wir uns hier gar nicht vorstellen können. In Kenia haben noch nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität. Wasser ist dort ein ganz kostbares Gut. Natürlich verändert sich dadurch die eigene Einschätzung. Nachhaltige Entwicklung ist das Wichtigste: wirtschaftliche Stabilität, sozialer Frieden und ökologische Vorsorge.


WDR.de: Ende dieses Jahres soll bei der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls beschlossen werden. Worauf kommt es dabei an?

Töpfer: Wir haben heute einen viel höheren Handlungsdruck als in Kyoto. Sicher wird man sich auch wieder über Ziele und Zeitabläufe einigen. Aber vor allem müssen wir jetzt konkrete nationale Handlungsprogramme machen, die auch überprüfbar sind. Gefragt sind dabei insbesondere die Hauptemittenten dieser Welt - allein 22 Länder verursachen über achtzig Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Ein durchschnittlicher Chinese verbraucht gegenwärtig drei Tonnen CO 2 im Jahr, ein durchschnittlicher Deutscher gut zehn.

WDR.de: Als stellvertretender Vorsitzender des Rates für nachhaltige Entwicklung beraten Sie die Bundesregierung. Ist Ihr Rat im Moment gefragt?

Töpfer: Auch in der Bundesregierung mit den zuständigen Ministerien für Wirtschaft, Soziales und Umwelt ist angekommen, dass Nachhaltigkeit entscheidend ist - auch um die Wirtschaftskrise zu überwinden. Wer heute sagt, wir können uns Klimapolitik nicht leisten, weil wir die Wirtschaftskrise bewältigen müssen, hat nicht verstanden, dass die entscheidenden Investitionen die sind, die sowohl die Klimaproblematik massiv bekämpfen als auch neue Arbeitsplätze und neue Perspektiven schaffen.

Das Gespräch führte Barbara Underberg


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Stand: 10.06.2009, 10:20 Uhr


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