Von Nina Giaramita
Seit einer Woche verhandeln über 15.000 Teilnehmer in Kopenhagen über ein neues Klimaschutzabkommen. Auch Umweltaktivisten aus Nordrhein-Westfalen mischen mit – als Demonstranten und als kritische Konferenzbeobachter.
Ein Aktivistenleben kann manchmal sehr anstrengend und mühselig sein. Gioia Sabatino, Sauerländerin und Mitglied des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), ist seit Freitagabend (11.12.09) in Kopenhagen und muss sich mit 2.000 Gleichgesinnten eine Schlafstätte in einer Lagerhalle im Industriegebiet von Kopenhagen teilen - die Notdurft wird auf Kompost-Klos verrichtet. Vor drei Wochen hatte sich die 34-Jährige entschieden anzureisen. Jetzt ist sie hier und noch immer überwältigt von der großen Demonstration am Samstag, bei der 100.000 Demonstranten auf die Straße gingen.
Aktivisten-Urlaub in Kopenhagen
"Da sind so viele Leute zusammengekommen, die das Gleiche wollen", erzählt sie. "Das gibt einem Kraft, weiterzumachen. Egal, wie das hier ausgeht." Neben ihr sitzt Kerstin Ciesla. Die 43-Jährige kämpft in Duisburg seit Jahren gegen den Neubau von Kohlekraftwerken und will nun in Kopenhagen "Flagge zeigen". Sie hat sich für den Trip nach Dänemark extra Urlaub genommen. Die Entscheidung ist ihr leicht gefallen, denn seit einiger Zeit brennt die Duisburgerin für das Thema. "In den letzten drei Jahren ist dafür praktisch meine gesamte Zeit draufgegangen", erzählt sie und lacht. Der Aachener David Wagner teilt ein ähnliches Schicksal. Der 29-Jährige ist bereits seit Mittwoch (09.12.09) in der Stadt. Er gehört den "Klimapiraten" an – einem Netzwerk, das sich erst in diesem Jahr gegründet hat und mit "strategisch gut durchdachten Kampagnen" Öffentlichkeit für das Thema herstellen will. Mit zwei Schiffen sind die Aktivisten von Greifswald aus in vier Tagen nach Kopenhagen gesegelt und haben "die Stadt geentert".
Die Stimmung wird gereizter
Zusammen mit seinen Mitstreitern ist David Wagner bis zum Ende der Konferenz in Kopenhagen. Als NGO-Beobachter hat er Zutritt zum Bella Center, dem Konferenzzentrum am Rand der Stadt. "Wir versuchen dort, mit gezielten Aktionen die Stimmung der Delegierten und der Medien zu beeinflussen." Jeden Tag wird beispielsweise von den Aktivisten der Negativpreis "Fossil of the day" verliehen - für Akteure, die die Konferenz aus Sicht der Umweltschützer blockieren. Viel Show, viel Theater für den Klimawandel. Dabei sind die NGO-Aktivitäten strikten Regeln unterworfen. "Alles, was man plant, muss man bei den UN anmelden. Dann kriegt man einen Platz, einen so genannten NGO-Spot, zugewiesen und darf dann da seine Aktion machen", berichtet David Wagner. "Inzwischen wollen das viele aber nicht mehr akzeptieren", sagt er. Seine Beobachtung: "Die Atmosphäre fängt langsam an zu kochen."
Delegierte unter Druck
Die wichtigen Verhandlungen in Kopenhagen finden hermetisch abgeschottet in entlegenen Besprechungszimmern des Zentrums statt. An die Delegierten kommen die NGO-Teilnehmer nur mit großen Schwierigkeiten heran – zumindest an die aus den Industrieländern. Die Vertreter aus den ärmeren Ländern dagegen sind nach Ansicht von David Wagner sehr offen: "Man merkt ihnen den Druck an. Die wissen, dass es für sie nicht um irgendwas geht, sondern ganz einfach um die Zukunft ihrer Heimat."
"Ihr seid nicht mehr zu übersehen"
Seit Beginn der Konferenz ebenfalls tagtäglich im Bella Center ist Fiona Tokple aus Leverkusen. Die 19-Jährige ist eine der so genannten "International Climate Champions" des British Council. Die Organisation unterstützt weltweit das Klimaschutz-Engagement junger Aktivisten. Die Leverkusenerin ist seit Jahren in dem Bereich aktiv: An ihrer ehemaligen Schule hat sie einen "Climate Day" ins Leben gerufen. Und für das Kölner Wissenschaftsmuseum Odysseum hat sie einen ausgefeilten Klimapfad angelegt. "Ich war letztes Jahr auch bei der UN-Klimakonferenz in Polen dabei", erzählt Tokple. "Da waren auch einige Jugend-NGOs. Aber dieses Mal ist das Engagement viel, viel stärker." Mit Stolz in der Stimme berichtet sie von ihrem Treffen mit Carsten Sach, dem Verhandlungsführer der deutschen Delegation in Kopenhagen: "Er meinte, dieses Jahr kann man euch nicht mehr übersehen."
Noch ein paar Tage Zeit
Auch "Klimapirat" Wagner ist vom Engagement seiner zahllosen Mitstreiter in Kopenhagen beeindruckt. "Es hieß in den letzten Jahren immer, das Thema Klimawandel mobilisiert nicht, und das war auch tatsächlich so", sagt er. "Hier in Kopenhagen hat es sich aber gezeigt, dass sich das geändert hat." Seiner Ansicht nach muss die Klimabewegung jedoch noch schlagkräftiger werden: "Es ist die Frage, ob wir es schaffen, diese Bewegung in den nächsten Jahren so stark zu machen, dass sie Ausmaße annimmt wie die 68er-Proteste. Anders wird es nicht gehen." In den nächsten Tagen geht es Wagner aber erstmal darum, Angela Merkel und Umweltminister Norbert Röttgen in Kopenhagen "Feuer unterm Hintern zu machen". "Das ist einfach eine bedeutende Zeit," sagt er – "eine, auf die später zurückgeblickt wird. Und entweder wird man dann feststellen müssen: Das waren die Jahre, in denen wir die Welt gegen die Wand gefahren haben. Oder es wird in den Geschichtsbüchern stehen, dass es damals eine Klimabewegung gab, die so viel Druck entwickelt hat, dass sie die Politik gezwungen hat, umzusteuern." Für Letzteres will David Wagner in Kopenhagen kämpfen. Ein paar Tage hat er noch Zeit.
Akteure aus NRW in Kopenhagen
Infos zum Klimawandel bei WDR.de
Weltklimakonferenz in Kopenhagen (12.12.09)
Die Umweltaktivisten im Netz
Klima-Special des Bund für Umwelt und Naturschutz
Stand vom 12.12.2009, 10:00 Uhr