Ein Heizwerk im Oberbergischen macht Schule: Seit acht Jahren erzeugt die Energiegenossenschaft Lieberhausen aus nachwachsenden Rohstoffen Wärme im eigenen Dorf. In Hessen hat sie schon mehrere Nachahmer gefunden.
Wie nach einem Streichholz greift der Arm der schweren Maschine nach der 30 Meter hohen Fichte, zieht sie aus dem Boden als wäre es ein Kinderspiel. Für den so genannten Harvester, einen Vollernter, hat Bernd Rosenbauer vergangene Woche in einem Privatwald bei Lieberhausen rund 500 Nadelhölzer mit blauer Farbe markiert und damit bestimmt: Diese Bäume fallen. „Wir kaufen den Waldherren nur die Äste und das Laub für unser Hackschnitzel-Heizwerk ab, während die Stämme meistens an die Industrie gehen“, erklärt der Förster und Vorsitzende der Energiegenossenschaft Lieberhausen, während er im Wald bei der Fichten-Ernte schaut, ob alles gut läuft. Bevor er das Reisig aber im Heizwerk verfeuert, muss das erst einmal mindestens drei Monate trocknen und dann gehäckselt werden.
Heizkosten sparen
Rund 200 Hektar Wald lässt Bernd Rosenbauer im Jahr fällen. 17.000 Kubikmeter, das heißt etwa zwei Container Reisig landen im Durchschnitt pro Woche bei der Energiegenossenschaft von Lieberhausen im Oberbergischen. Ein 330-Seelen-Dorf, hunderte Jahre alt, noch ohne DSL-Leitung aber mit einem Hightech-Heizwerk. 84 der 103 Haushalte sind daran beteiligt. „Wir sparen damit CO2, verhindern den Ausstoß von Methangas beim Verrotten des Laubs und das Heizen kostet auch weniger – 30 Prozent weniger, als wir vorher fürs Öl bezahlt haben“, erzählt Rosenbauer.
Miniermotte legt Ofen lahm
Plötzlich klingelt sein Handy, ein Notruf für Rosenbauer aus Lieberhausen. „Die Heizanlage steht“, erzählt er erstaunlich gelassen. Sein Kollege, der diese Woche Bereitschaftsdienst am Heizwerk hat, bittet um Hilfe. Der Förster weiß, wo das Problem sitzt: Miniermotten haben den Ofen lahm gelegt oder genauer das mit den Tieren befallene Laub und Geäst. „Letzte Woche hat die Waldjugend hier eine Aktion zum Schutz der Rosskastanie gemacht. Damit die Motte sich nicht weiter verbreiten kann, haben sie befallenes Reisig am Waldboden zusammengeharkt, es auf einen Hänger gepackt und uns gefragt, ob wir es verfeuern könnten. Das war jetzt der Versuch“, erklärt Rosenbauer. „Aber keine Sorge, für so einen Fall haben wir noch einen kleinen Ölofen, der einspringt.“
Seit der 49-Jährige die Försterei übernommen hat, wohnt er in Lieberhausen – das war 1990. Damals schon träumte er von einem Dorf mit ökologischem, autarkem Heizsystem. „Die Entscheidung fiel letztlich im Februar vor zehn Jahren bei einer Bürgerversammlung“, erinnert er sich und deutet an, dass es ein hartes Stück Arbeit für ihn und die Kollegen im Heimatverein Lieberhausen war, die anderen Dorfbewohner zu gewinnen.
Kein Gestank mehr aus Schornsteinen
Inzwischen sind aber die meisten überzeugt. Christina Reinhold hat als eine der ersten ihren Gasthof an das Fernwärmenetz angeschlossen. „Es ist super. Wir sind autark, die Gäste beschweren sich nicht mehr, dass das Wasser so lange braucht bis es heiß ist. Wir sparen Platz, weil der Wärmetauscher viel weniger braucht als der Ölspeicher und im Dorf stinkt’s nicht mehr so aus allen Schornsteinen“, zählt sie die Vorteile des Heizwerks auf.
Eine Stunde später: Rosenbauer parkt am Heizwerk. Nachts um 2:50 Uhr hatte der Ofen schon einmal Alarm geschlagen. Zehn Minuten später stand Jürgen Mühlbach, der Bereitschaftsdienst hat, bereits über dem Förderband. Nach anderthalb Stunden ohne Erfolg vertagt er die Reparatur. Am nächsten Morgen dann ein zweiter Versuch, noch mal zwei Stunden. „Mit einem Meißel musste ich das Zeug da raus holen“, sagt der selbstständige Kleinbus-Unternehmer und zeigt Rosenbauer einen Mitnehmer, ein schrubberähnliches Stück vom Transportband, an dem sich zu langes Geäst aus dem Reisig der Waldjugend verkeilt hatte. „Meinst du das war’s jetzt?“, fragt er und hofft, dass der Ofen zuverlässig läuft und er endlich zu seiner eigentlichen Arbeit gehen kann. Im Heizwerk arbeitet er nur als 400-Euro-Jobber, im Wechsel mit elf weiteren Dorfbewohnern.
150 Schubkarren Hackschnitzel pro Tag
Der Ofen verbrenne an einem Herbsttag wie diesem, wenn es draußen feucht und kühl sei, rund 150 Schubkarren Holz, erklärt Bernd Rosenbauer. 85 Prozent der Energie, die das Heizwerk liefere, sei reiner Gewinn. „Der Rest geht fürs Häckseln, den Transport und das Laufen des Ofens drauf“, so der Förster.
Billig war die Energiewende nicht: 1,7 Millionen Euro hat das Werk mit einer Ofenleistung von 970 Kilowatt pro Stunde und Fernwärmenetz gekostet. 600.000 Euro haben die Lieberhäuser selbst gezahlt, der Rest wird zu gleichen Teilen über einen Kredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau und eine Förderung gemäß Holzabsatzförderrichtlinie finanziert, die zu 75 Prozent vom Land NRW und 25 Prozent von der EU getragen wird. Abgeschrieben ist das Werk erst in zehn Jahren. Bernd Rosenbauer träumt jedoch längst von der nächsten Investition: Eine eigene Holzvergasanlage soll eines Tages auch den Strom für Lieberhausen liefern.
Projekt vom Bund zum Klimaschutz
Das Pilotprojekt wird vom Bundesumweltministerium gefördert und soll helfen, die Kohlendioxid-Emissionen einzudämmen. Dahinter steckt die gemeinnützige Klimaschutzorganisation "co2online". Zusammengearbeitet wird mit dem Institut für Zukunftsenergiesysteme der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Beteiligt sind neben Bochum die Stadtwerke Schwäbisch-Hall, Jena-Pößneck, St. Ingbert, Marburg und die Mainova AG. Nach Angaben der Initiatoren entstehen 15 Prozent der deutschen CO2-Emissionen in Privathaushalten.
Stand: 16.11.2009, 02:00 Uhr
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