von Ingo Neumayer
Das Brot des Hildener Bäckers Roland Schüren backt sich quasi selbst: Seine Öfen werden mit Brot- und Brötchenresten befeuert. So ist Schüren seinem großen Ziel einen Schritt näher gekommen: Sein Betrieb soll aus eigener Kraft CO2-neutral werden.
Was machen mit dem alten Brot? Eine Frage, die sich alle Bäcker stellen müssen. Denn die Retourenquoten in der Branche sind hoch: Rund zwölf Prozent der produzierten Backwaren finden keine Käufer, schätzen Bäckereiverbände. Roland Schüren, der in Hilden und Umgebung 14 Bäckereien besitzt, beschreibt den normalen Weg: "Was nicht verkauft wird, wird am nächsten Tag billiger angeboten. Was dann nicht weggeht, bekommen die Armen- und Obdachlosentafeln. Doch auch die nehmen nicht alles." Acht bis zehn Tonnen blieben bei ihm dann immer noch übrig, so Schüren: "Aus einem kleinen Teil wird Paniermehl gemacht, und der Rest ist für den Tierfuttercontainer."
Energieberater gab den Tipp
So läuft es bei den meisten Bäckern, und lange Zeit auch bei Schüren. Bis Anfang 2008 ein Energieberater zu Besuch war, um ihn über Kälteanlagen zu informieren. Zufällig schaute der Berater aus dem Fenster, als der Tierfutterhersteller gerade einen vollen Container mit alten Backwaren abholte, und fragte Schüren: "Ist Ihnen klar, dass Sie gerade den Gegenwert von 900 Litern Heizöl verschenken?" Die Sache nahm ihren Lauf. Schüren gab eine Spezialanfertigung für zwei Biomasse-Brenner in Auftrag, die die alten Gasöfen ersetzen sollten. Tests wurden gefahren, ein langwieriges Genehmigungsverfahren nach der vierten Bundesimmissionsschutzverordnung lief an - "dasselbe wie bei einem Großkraftwerk". Doch Mitte Januar 2010 war das bundesweite Pilotprojekt dann betriebsbereit: Schüren konnte seine Anlage starten. Als Brennstoff dienen Holzpellets und zermahlenes Brot und Brötchen. Allerdings nur die Standardwaren. Olivenciabattas und Zwiebelstangen kommen nicht in den Ofen, auch Teilchen und Kuchen müssen draußen bleiben.
Ziel: die CO2-neutrale Backstube
Die zwei Brenner erzeugen nicht nur je 200 Kilowatt-Stunden Leistung und somit die nötige Hitze in den zwölf angeschlossenen Backöfen. Auch die Restwärme wird genutzt. Für Raumheizung, Warmwasser und Spülmaschine. Nach eigenen Angaben konnte Schüren die Energiekosten um 50 Prozent senken, die Investitionen in Höhe von 1,1 Millionen Euro will er in spätestens acht Jahren wieder reingeholt haben. Doch nicht nur die Kosten, auch Umweltaspekte hätten eine Rolle gespielt: "Mit der neuen Anlage senken wir unseren CO2-Ausstoß um 91 Prozent." Der 43-Jährige ist froh, nun komplett unabhängig vom Gasmarkt zu sein. Strom bezieht er zwar noch - allerdings nicht mehr lange, so die Hoffnung: "Das ist das nächste Projekt, das wir in Angriff nehmen: Die Abwärme der Öfen in Strom umzuwandeln. Unser Ziel ist es, aus eigener Kraft CO2-neutral zu werden." Erste Kontakte zu einem Hersteller sind bereits geknüpft.
Auch die Konkurrenz zeigt Interesse
Schüren ist sich sicher, dass sein Beispiel Schule macht: "Das Bäckerhandwerk ist eine sehr energieintensive Branche, und angesichts der steigenden Energiepreise machen sich so gut wie alle Bäcker im Moment Gedanken, wie sie besser und effizienter produzieren können." Inzwischen ist schon die Fachpresse aufmerksam geworden, auch andere Bäckereien hätten ihn schon kontaktiert.
Ist Brot verbrennen unmoralisch?
Bleibt zum Schluss noch eine Frage: die moralische. "Natürlich hat mich das beschäftigt: Brot verbrennen - darf man das überhaupt?" Doch nach mehreren Gesprächen mit kirchlichen Gruppen war Schüren beruhigt."Erst waren die skeptisch, aber nachdem ich unser Konzept erläutert hatte, waren sie überzeugt. Unsere Grundregel bleibt ja weiterhin bestehen: Das Brot ist für die Ernährung des Menschen da." Laut Schüler werden die fünf Armen- und Obdachlosentafeln in der Gegend um Hilden genauso beliefert wie bisher. Nur der Tierfutterhersteller bekommt weniger. Und dennoch: Am liebsten wäre es dem Bäckermeister und Diplom-Betriebswirt, er müsste gar kein Brot mehr verbrennen und könnte genau so viel produzieren, wie er verkauft. "Aber es ist sehr schwer, bei den Kunden eine Verhaltensänderung zu bewirken. Es gibt Leute, die akzeptieren es einfach nicht, wenn um 16 Uhr ihr Lieblingsbrot ausverkauft ist."
Hildener Bäcker verheizt alte Brötchen
Stand: 18.01.2010, 02:00 Uhr