Ein Grabungsteam des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) entdeckte den Zahn im Frühjahr 2010 in einem Steinbruch bei Balve (Märkischer Kreis). Bis dahin hatte die Fachwelt das Raubsaurier-Revier nicht in Deutschland, sondern in Nordamerika vermutet. Der Paläontologe Klaus-Peter Lanser, Forscher des LWL-Museums Münster, leitete die Ausgrabung.
Klaus-Peter Lanser: Ein Dromaeosaurus war ja – mit einer Körperlänge zwischen zwei und maximal vier Metern – auch relativ klein. Dementsprechend klein, aber auch zahlreich, sind seine Zähne gewesen. Das Tier hatte bis zu 50 Stück in seinem Kiefer. Und anders als bei uns Menschen oder anderen Säugetieren erneuerten sich die Zähne bei den Dinosauriern, die ja zur Gruppe der Reptilien zählen, in regelmäßigen Abständen.
Lanser: Genau weiß man das nicht. Aber sie könnten so ähnlich ausgesehen haben wir die sogenannten Raptoren in Steven Spielbergs Film "Jurassic Park". Um die Größe besser eingrenzen zu können, bräuchte ich einen Oberschenkelknochen oder ähnliches. Was wir wissen ist: Das waren eindeutig fleischfressende Raubtiere. Ernährt haben sie sich zum Beispiel von Schildkröten mit einer Panzerlänge von bis zu 60 Zentimetern und von kleineren Krokodilen.
Lanser: Die Tiere haben eine wesentliche größere Verbreitung gehabt, als angenommen wurde. Es gab bislang nur einen Bericht aus einer portugiesischen Kohlengrube, aus der oberen Jurazeit, da wurde ein solcher Zahn genau beschrieben. Und es gibt einen ähnlichen Fund aus der oberen Kreidezeit in Nordamerika.
Lanser: Unser Fund aus dem Sauerland stammt aus der unteren Kreidezeit. Da wir hier in Europa also die älteren Funde haben, vermute ich, dass die Tiere von Eurasien nach Nordamerika eingewandert sind. Das ist auch nicht besonders verwunderlich, denn der Nordatlantik entstand damals gerade erst. Die Kontinente der Nordhalbkugel lagen damals noch sehr nah beisammen, sodass die Tiere kaum geografische Barrieren überwinden mussten.
Lanser: Als ich im Wiehengebirge mit der Ausgrabung von zwei Raubsaurierskeletten beschäftigt war, erhielt ich von einem Sammler aus dem Sauerland eine Fundmeldung. Er habe Knochen bei sich in der Gegend gefunden. Erfahrungsgemäß handelt es sich dabei meist um eiszeitliche Knochen von Höhlenbären, Mammuts oder anderen Tieren, wie man sie in den Höhlen des Sauerlandes schon oft zuvor gefunden hatte. Bei einem Ortstermin wurden mir dann aber Funde gezeigt, die mich überraschten und mir auch eine zeitliche Einordnung ermöglichten. Unter anderem zwei Zähne eines Iguanodonten – ein bis zu zwölf Meter langer, in Herden lebender Pflanzenfresser aus der Zeit der Unterkreide. Wie es das Denkmalschutzgesetz vorschreibt, habe ich dann sofort die zuständige Gemeinde informiert und damit begonnen, an der Oberfläche erste Funde abzusammeln. Zwei Jahre später konnten wir intensivere Grabungen durchführen, nachdem wir uns mit der Firma geeinigt hatten. Bei der Untersuchung der bis Herbst 2010 vorliegenden Raubsaurierzähne für eine wissenschaftliche Veröffentlichung stellte sich der Zahn als Besonderheit heraus.
Lanser: Wir haben sehr viel aus der Zeit vor 125 Millionen Jahren gefunden. Unter anderem Überreste von Echsenschuppentieren, Krokodilen, Schildkröten, Flugsauriern, Fischen, darunter Süßwasserhaie und auch Säugetiere. Außerdem konnten wir einen großen Raubsaurier nachweisen.
Lanser: Die Dinosaurier-Ausstellung des LWL-Museums für Naturkunde wurde im Frühjahr 2011 nach einer Laufzeit von 14 Jahren abgebaut. 2014 soll sie von Grund auf überarbeitet und mit neuem Konzept wiedereröffnet werden. Dann bekommt der Dromaeosaurus natürlich auch einen hervorgehobenen Platz.
Das Gespräch führte Stefan Domke.
11.07.2011, 20 Uhr
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