Dienstag, 22. Mai 2012
Abenteuer Erde
Märchenhaft wirken nicht nur die wildromantischen Almen und Weiden, sondern auch die Geschichten, die die Schafhirten am Lagerfeuer erzählen. Sie berichten von einsamen, heißen Sommern, schaurigen Gewittern und Schneestürmen, von lauernden Wölfen und Kämpfen gegen Braunbären. Doch nichts von all dem ist erfunden. Es geschieht Jahr für Jahr im Herzen Europas, in der dramatischen Bergwelt der Hohen Tatra.
Mit einer Grundfläche von nur dreißig mal zwanzig Kilometern nennt man die Hohe Tatra auch das kleinste Gebirge der Welt. Diese Bezeichnung klingt niedlich, ist aber irreführend. Viele der dreihundert Gipfel sind über 2.500 Meter hoch, der höchste - der Gerlach - misst 2.655 Meter. Die Sommer sind heiß und kurz, die stürmischen, bitterkalten Winter verwandeln die Gipfelregionen monatelang in eine Eiswüste, und die Wetterstürze können mit jenen in den Alpen spielend mithalten.
Nach Schätzungen von Biologen schleichen neben Wölfen rund vierhundert Luchse durch die Wälder. Auch Braunbären bietet die Hohe Tatra noch ausreichend Lebensraum. In den Alpen kennt man die wenigen Braunbären beim Namen, in den Karpaten streifen sie noch zu Hunderten durch die einsamen Wälder, nicht selten zum Ärger der Hirten, Bauern und Imker.
In der obersten Etage der Tatra lebt neben den alten Erzfeinden Steinadler und Murmeltier eine zoologische Besonderheit: Gämsen, eine eigene Unterart, die sich von anderen alpinen Gämsen erstaunlich unterscheiden. Die Bestände sind durch intensive Bejagung stark zurückgegangen. Die letzten Tatra-Gämsen leben im Hochgebirge in kleinen, isolierten Gruppen.
In den Wäldern der Hohen Tatra spürt man am deutlichsten, dass in diesem Landstrich die Zeit stets langsamer lief, mitunter sogar stehen blieb. Es ist ein armes Land, dünn besiedelt, der Tourismus noch immer bescheiden, exzessive Forstwirtschaft hat es nie gegeben. So blieb vor allem im Bereich des Nationalparks ein Märchenwald erhalten - eine gesunde Mischung aus Laub- und Nadelhölzern, durchflossen von unregulierten Flüssen und Bächen.
Und so hat sich auch in einigen kleinen Dörfern und entlegenen Höfen die Welt von Gestern erhalten. Bei lokalen Hochzeitsfeiern oder der traditionellen Ostermesse am Berg spürt und erkennt man sofort, dass es hier nicht um Folklore, sondern um Brauchtum geht, dass bei den Bewohnern der Hohen Tatra noch tief verwurzelt ist.
Vielleicht, weil sie meist unter sich sind, denn die "Besuchszeit" in der unwirtlichen Bergwelt ist kurz. Im Juli und August kommen die Wanderer, und die Steilwände locken Kletterer aus aller Welt. Manche kehren von ihren Touren nicht mehr zurück - nicht zuletzt, weil die Hohe Tatra für ihre plötzlichen Wetterstürze berüchtigt ist.
Das unwirtliche Klima, das launische Wetter macht die Hohe Tatra letztlich zur Schutzinsel für Tiere und Pflanzen. Ende August verschwinden die letzten Touristen, und spätestens im Oktober verlassen auch die Hirten und Schafe die Almen. Von Glockengeläut begleitet wandern Männer, Hunde und die Herde talwärts. Dann ziehen nur noch graue Wolken über die Tatra, und es riecht nach Schnee.
Im November wird die gespenstische Stille noch einmal unterbrochen: Gamsböcke duellieren sich und jagen einander kreuz und quer über die Felsen und Schneefelder. Der Winter erscheint sozusagen über Nacht. Er fällt buchstäblich über die Berge und Täler her, vereist Flüsse und Seen und lässt arktische Stürme um die Gipfel heulen. Alles Leben scheint ausgelöscht, nur die vereinzelte Spur eines Luchses oder das ferne Heulen der Wölfe verrät, dass große Jäger keinen Winterschlaf halten.
Film von: Harald Pokieser
Erstsendung WDR: 8.9.2009
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