Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Rückschau
Sendung vom 12.01.2012Monitor Nr. 629 vom 12.01.2012
Bericht: Kai Rüsberg, Andreas Maus, Monika Wagener
Gegen eine Inszenierung seines Lebens hat Christian Wulff nichts. Er spielt gerne seine Rollen, vorzugsweise den soliden Schwiegersohn - ganz bescheiden.
Christian Wulff: "Wie haben Sie denn raus gefunden, wo wir immer sonntags spazieren gehen? Ich bin ganz verblüfft!"
Auch im Interview mit ARD und ZDF gab er den Familienvater, Häuslebauer und einfachen Kreditnehmer. Ein Bundespräsident stellt sich und so sympathisch transparent, auch bei der Finanzierung seines Eigenheimes.
Christian Wulff (04.01.2011 ARD/ZDF Interview): "Es sind ganz normale übliche Konditionen."
Stimmt das? MONITOR hat ein Gutachten über Wulffs Geldmarktkredit in Auftrag gegeben. Tatsächlich ganz normale Konditionen? Ein erfahrener Gerichtsgutachter kommt darin zu einem anderen Ergebnis.
Zitat: "Wulffs Kredit liege "sehr deutlich unter den normalen Konditionen". Je nach Vergleich seien die "Abschläge sogar extrem"."
Jens Leschmann, Kreditsachverständiger: "Herr Wulff hat eine Kondition bekommen für seinen Kredit, die absolut einzigartig ist. Ein normaler Kreditnehmer bei gleicher Bonität und Sicherheitenstellung hätte mit Sicherheit deutlich mehr gezahlt."
Wohlgemerkt - bei gleicher Bonität. Es geht um den ersten Bankkredit für dieses Haus in Großburgwedel, das Wulff im Oktober 2008 gekauft hat. Für 415.000,- Euro. Zuerst hatte er sich Geld von der befreundeten Familie Geerkens geliehen, 2010 wollte er diesen Privatkredit dann in ein Geldmarktdarlehen umwandeln.
Christian Wulff: "Dann sind wir zur Bank gegangen auf Vermittlung von Herrn Geerkens. Die machen eine Bewertung der Sicherheiten, Steuererklärung, Doppelverdiener, Einkommensverhältnisse, keine sonstigen Kredite, zwei unbelastete Immobilien. Also eine insgesamt 60- Prozent-Finanzierung."
Wer nur 60 Prozent seines Hauses beleiht, bekommt Top-Konditionen, klar. Doch dafür wollen die Banken echte Sicherheiten. Eine 60-Prozent-Finanzierung für Wulffs Immobilie? Der Gutachter hat für MONITOR nachgerechnet. Wenn die Kreditsumme von 520.000,- Euro nur 60 % des Immobilienwertes sind, dann müsste das Haus inzwischen 867.000,- Euro wert sein. Eine tolle Wertsteigerung da draußen in Großburgwedel. Wir fragen einen, der es wissen muss. Horst Röhrig ist vereidigter Immobilien-Sachverständiger im Nachbarort. Er kennt das Haus der Wulffs und auch die örtlichen Vergleichspreise. Selbst nach umfangreichen Modernisierungen und dem Einbau von Kameras und Panzerglas, von so einer Wertsteigerung könne man nur träumen.
Horst Röhrig, Immobiliensachverständiger: "Der Kaufpreis lag 2008 bei 415.000,- €. Das halte ich für einen angemessenen Mittelwert und wenn man selbst davon ausgeht, dass Modernisierungen durchgeführt worden sind vorher, teure Fußböden, teure Bäder. Selbst wenn die 100.000,- € gekostet haben, dann erreicht man nicht die Steigerung von 80 %."
Zumal die Immobilienpreise im fraglichen Zeitraum hier sogar gefallen sind.
Horst Röhrig, Immobiliensachverständiger: "... über Jahre eine solche Entwicklung, die ... da ist so eine Explosion nicht möglich."
Aber Wulff spricht ja von zwei unbelasteten Immobilien. Gemeint sei sein Grundstück unter dieser Tankstelle. Zu unserem Erstaunen erfahren wir, darauf ist gar keine Hypothek eingetragen. Es kann der Bank also gar nicht als Sicherheit dienen. Wie kann Wulff dann von einer 60-Prozent-Finanzierung sprechen? Oder hat die BW-Bank den Wert der Immobilie durch den eigenen Gutachter künstlich hochgeschrieben? Jetzt wüssten wir´s doch gerne genau. Wie hoch wurde die Immobilie von der BW-Bank im Gutachten bewertet? Wulff hatte ja Transparenz versprochen, doch sein Anwalt winkt ab.
Zitat: "eine bankinterne Unterlage, die nicht vorliegt."
Auf zur BW-Bank. Doch die verweist auf das
Zitat: "Bankgeheimnis."
Also zurück zu Wulffs Anwalt, der sagt plötzlich
Zitat: "Keine Stellungnahme."
Transparenz sieht anders aus und wäre dringend nötig.
Jens Leschmann, Kreditsachverständiger: "Die Bank hatte eine Zinsmarge von etwa 0,56 %. Diese Marge ist unter Berücksichtigung des erhöhten Verwaltungsaufwandes, der Risikokosten und dergleichen mehr nicht auskömmlichen. Das heißt, die Bank hat unter Umständen sogar noch Geld mitgebracht bzw. draufgelegt."
Die Bank weist das zurück. Inzwischen interessiert sich aber auch die Staatsanwaltschaft dafür, ob Mitarbeiter der BW-Bank Wulff unberechtigte Vorteile eingeräumt haben. Der Bundespräsident versucht derweil Normalität zu demonstrieren. Wird ihm das noch gelingen?
Hans-Jochen Vogel: "Dieses Amt kann über die Zeit hinaus, die er es begleitet, geschädigt werden. Und deswegen habe ich fast die Bitte an ihn, noch einmal mit sich selbst zurate zu gehen und zu überlegen, ob er wirklich glaubt, durch eine Fortführung dieses Amtes dem Gemeinwesen zu dienen."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben."
[mitbloggen]

MONITOR zum Mitnehmen
Der VideoPodcast für unterwegs!

Armut trotz Arbeit
MONITOR-Beiträge über den Alltag von Arbeitnehmern, Arbeitslosigkeit, Mobbing und Altersvorsorge.
[mehr]

Umwelt- und Klimapolitik
Das Ende einer Energie-Epoche.
[mehr]

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2012