25.05.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

Nr. 630

URL: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2012/0202/armut.php5

Sie befinden sich hier:

Monitor Nr. 630 vom 02.02.2012

Ihre Armut, unsere Hemden

Wie die Bundesregierung die Billigmode verteidigt



Video der Sendung

Unsere Videos können Sie mit dem Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
http://www.adobe.com/go/getflashplayer_de


Bericht: Gönke Harms, Shafagh Laghai, Andreas Maus

Monika Wagener: "Guten Abend, willkommen bei MONITOR. Eigentlich weiß man es. Ein T-Shirt für 4,95 Euro kann nicht zu fairen Löhnen produziert worden sein - auch nicht in der Dritten Welt. Der ARD-Markencheck hat das in den letzten Wochen noch mal eindrücklich gezeigt. Auch MONITOR hatte schon vor Jahren über die Situation der Näherinnen in Bangladesch berichtet. Erschreckend, wie wenig sich seither geändert hat. Trotz aller Versprechen der Firmen. Deshalb ist endlich die Politik gefragt. Und siehe da, unsere Recherchen haben ergeben: Die EU will tatsächlich etwas tun. Nur einer steht offenbar ganz gewaltig auf der Bremse. Die Spur führt nach Berlin."

Billig muss es sein, modisch und schick. Sie nähen modisch und schick und sind dabei ganz billig. Die Jagd nach dem Schnäppchen, wir alle tun es, obwohl wir wissen, dass es so billig nicht sein kann. T-Shirts, Hosen für ein paar Euro. Sie zahlen dafür. Es ist 6:00 Uhr morgens in einem Slum in Dhaka, Bangladesch. Frauen machen sich fertig für die Arbeit. Alle hier arbeiten in der Fabrik gleich neben dem Slum. Nazma ist 19, seit zwei Jahren näht sie, auch für deutsche Unternehmen. Und es ist wirklich schlimm, erzählt sie uns. Aus Angst ihren Job zu verlieren, will sie unerkannt bleiben. Auf 6 qm lebt sie mit ihren drei Schwestern und dem alten Vater.

Nazma (Übersetzung MONITOR): "Die Arbeit, die ich machen muss, ist die Arbeit von zwei Leuten. Das ist nicht fair. Ich bekomme nicht die Zeit, um auf die Toilette zu gehen. Ich kann auch nicht mal kurz aufstehen, um mir die Beine zu vertreten.“

Bangladesch ist die Nähkammer der Welt. Konzerne wie H&M, KiK, Lidl oder Aldi lassen hier produzieren. Denn nirgendwo sind Arbeitskräfte billiger - 30,- Euro im Monat. Oft schuften Nazma und die anderen bis zu 16 Stunden am Tag. Mit 30,- Euro im Monat kann man auch hier kaum überleben. Gewerkschafter kämpfen deshalb seit Jahren für einen fairen Lohn.

Amirul Haque Amin, Textilarbeiter Gewerkschaft Bangladesch (Übersetzung MONITOR): "Wenn wir vom Existenzminimum reden, dann müssten sie den Lohn verdoppeln. Also auf 6.000,- Thaka, umgerechnet 60,- Euro. Mit weniger kann eine Familie doch gar nicht leben."

60,- Euro Lohn. Was uns das kosten würde, hat er für uns ausgerechnet. Prof. Herbert Loock weiß genau, wie Preise gemacht werden.

Prof. Herbert Loock Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Herbert Loock

Prof. Herbert Loock, Akademie für Mode und Design, Düsseldorf: "Bei der Verdopplung der Löhne in Bangladesch würde sich der Einkaufspreis eines T-Shirts ungefähr um 15 bis 20 Cent erhöhen."

Gerade mal 15 Cent mehr würde ein einfaches T-Shirt in der Produktion kosten. Eigentlich nicht viel. Der Wettbewerb sei schuld, klagen die Konzerne. Und keiner will zuerst ausscheren aus der Preisspirale nach unten. Und sie sind die Opfer. Nicht nur der Lohn, auch die Arbeitsbedingungen sind oft mies. Unbezahlte Überstunden, Strafen, wenn Stückzahlen nicht erreicht werden, ja sogar Schläge. Sie würden regelmäßig kontrollieren, werben Unternehmen hierzulande, doch bisher hat sich an den menschunwürdigen Bedingungen nur wenig geändert. Gisela Burkhard von der Kampagne für saubere Kleidung wundert das nicht, schließlich müssen Unternehmen bei Verstößen keine Konsequenzen fürchten.

Gisela Burkhard Rechte: WDR Bild vergrößern

Gisela Burkhard

Gisela Burkhard, Kampagnen für saubere Kleidung: "Wir haben halt festgestellt, dass die freiwilligen Verhaltens-Kodizes der Unternehmen nicht sehr viel weiter führen. Wir haben massive Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen. Und deshalb ist es notwendig, dass auch staatliche Rahmenbedingungen gesetzt werden."

Zum Beispiel der Nachweis, dass die gesamte Lieferkette soziale Standards erfüllt. Also keine Kinderarbeit, gerechte Arbeitszeiten und fairer Lohn. Zurück zu uns. In Brüssel bei der EU entsteht endlich auch ein Bewusstsein für das Problem. Die Kommission will nicht länger allein auf freiwillige Kontrollen setzen und die Unternehmen in die Pflicht nehmen. Im Oktober hat sie deshalb eine neue Strategie vorgelegt. Darin kündigt sie an:

Zitat: "Eine Rechtsvorschrift über die Transparenz der sozialen und ökologischen Informationen.“

Im Klartext: Unternehmen müssen ihre Produktions- und Lieferketten offenlegen. Dazu beabsichtigt die Kommission:

Zitat: "zu überprüfen, ob Unternehmen den von ihnen eingegangenen Verpflichtungen nachgekommen sind."

Doch ausgerechnet die Bundesregierung lehnt die EU-Initiative rigoros ab. Richard Howitt ist Berichterstatter des EU-Parlamentes für die soziale Verantwortung von Unternehmen. Wie bewertet er die Ablehnung der Deutschen?

Richard Howitt Rechte: WDR Bild vergrößern

Richard Howitt

Richard Howitt, EU-Parlament Berichterstatter für soziale Standards (Übersetzung MONITOR): "Ich bin sehr enttäuscht über die deutsche Haltung. Kaum war die neue Strategie veröffentlicht, kam die Ablehnung. Vor allem gegen unsere zentralen Vorschläge zur Modernisierung und Veränderung der Standards unternehmerischer Verantwortung."

Zuständig für die soziale Verantwortung von Unternehmen ist Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Wir fragen nach.

Reporterin: "Warum blockieren Sie und Ihr Ministerium denn die neu hier EU-Strategie, die eben nicht nur auf Freiwilligkeit basieren soll?"

Ursula von der Leyen Rechte: WDR Bild vergrößern

Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen: "Ich finde, dass es ganz wichtig ist, die soziale Verantwortung von Unternehmen zu diskutieren. Insofern sind wir im Augenblick mit der EU-Kommission in Diskussionen darüber, für welche Bereiche es Berichtspflichten geben soll oder auch nicht. Die Diskussion ist noch offen."

Offen? In einem Schreiben an die EU Kommission, das MONITOR vorliegt, spricht sich die Bundesregierung ausdrücklich

Zitat: "Gegen neue gesetzliche Berichtspflichten aus."

Und weiter unten heißt es unmissverständlich

Zitat: "Das Prinzip der Freiwilligkeit muss gewahrt bleiben."

Reporterin: "Aber in Ihrem Positionspapier haben sie sich doch ganz stark gegen eine gesetzliche Berichtspflichten ausgesprochen?"

Ursula von der Leyen: "Wir sind mit der EU-Kommission genau darüber in Diskussion. Also ich sage Ihnen hier als Ministerin, dass ich offen bin für den Dialog."

Offen für Dialog. Darüber würde sich Koos Richelle, General Direktor der EU-Kommission sicher freuen. Denn bis jetzt haben die Deutschen auf Freiwilligkeit gepocht.

Koos Richelle, Generaldirektor EU-Kommission (Übersetzung MONITOR): "Allein auf Freiwilligkeit zu setzen, nach so vielen Jahren, in denen das Thema schon auf der Agenda steht, das bringt zu wenig und geht zu langsam. Für uns ist klar, was wir wollen. Wenn nötig, gesetzliche Regelungen."

Richard Howitt, EU-Parlament Berichterstatter für soziale Standards (Übersetzung MONITOR): "Deutschland ist weit zurück in der internationalen Debatte. Ich würde mich freuen, wenn sie konstruktiv mitarbeiten würden, anstatt zu blockieren."

Zurück zu Nazma und ihren Schwestern. Bevor sie gleich in die Fabrik müssen, gibt es Reis mit Gemüse, eine von zwei Mahlzeiten am Tag. Das muss reichen bis abends um zehn. Oft hat Nazma Kopf- und Magenschmerzen, weil es zu wenig gibt. Aber sie kann sich nicht erlauben in der Fabrik zu fehlen.

Nazma (Übersetzung MONITOR): "Ich leide sehr unter meiner Situation und ich hoffe, dass meine Kinder es mal besser haben und nicht das gleiche Leid durchmachen müssen."

Die Pläne aus Europa, vielleicht kann Nazma sich dann eine Mahlzeit oder ein paar Quadratmeter mehr leisten.

Mehr zum Thema


Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 634

    24.05.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • Wiederholungen

    Donnerstag, 24.05.2012
    23:30 Uhr - tagesschau24

    Freitag, 25.05.2012
    05:00 Uhr - ARD
    08:35 Uhr - RBB
    20:15 Uhr - EinsExtra

    Samstag, 26.05.2012
    08:20 Uhr - WDR

  • +++ AKTUELL +++

    Monitor Pressemeldung Rechte: WDR

    Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
    Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. [zur Pressemeldung]

  • BLOG!

    Logo Piratenpartei Rechte: WDR

    Digitale Demokratie - Eine Chance gegen Politikverdrossenheit?
    Sonia Seymour Mikich: "Ich weiss nicht, ob die Piraten auf lange Sicht überleben, ob sie sich etablieren, aber ihre bloße Existenz gibt uns allen gute Stichworte, den Zustand unserer Politik zu prüfen. Ich nenne das Sauerstoffkur für die müde gewordene Demokratie." [mitbloggen]

  • Dossier

    Tabletten mit Eurozeichen Rechte: WDR/vario-press/Baumgarten, Ulrich/VP145032

    Gesundheit
    MONITOR-Beiträge zu Gesundheit und Gesundheitspolitik. [mehr]

  • Dossier

    Euromünze vor griechischer Fahne mit Flammen im Vordergrund Rechte: WDR/Imago

    Eurokrise
    Finanzmarktkrise, Immobilienkrise, Bankenkrise. Wie geht es mit der europäischen Währung weiter? Was wäre, wenn...? MONITOR berichtet! [zum Dossier]

  • VideoPodcast

    Monitor Logo  Rechte: WDR

    MONITOR zum Mitnehmen
    Der VideoPodcast für unterwegs!

  • Politikmagazine

    Politikmagazine Rechte: ARD

    Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark


Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.

© WDR 2012

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW