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Sendung vom 24.11.2011Monitor Nr. 628 vom 24.11.2011
Bericht: Christof Schneider, Frank Konopatzki, Lutz Polanz
Sonia Seymour Mikich: "Ich begrüße Sie ganz herzlich. Wir haben spannende Themen und frische Gedanken für Sie. Fangen wir an mit Bluttransfusionen. Die brauchen Unfallopfer, Herzpatienten oder Krebskranke, also sehr viele Menschen. 550.000 Beutel mit Blutplättchen werden im Jahr verabreicht. Aber kommt das Blut von einem einzelnen Spender oder von vielen? Solche Poolkonzentrate sind wesentlich billiger und sollen - so die Kassen - zunehmend eingesetzt werden. Aber in ihnen schlummern Gefahren, so die Recherche von Christof Schneider, Frank Konopatzki und Lutz Polanz. Und manche werden sich an die Bluttransfusionen-Skandale der 80er und 90er Jahre erinnern."
Renate Pfeiffer trauert noch immer um ihre Söhne, um Volker und Michael. 27 und 17 waren sie damals, Ende der 80er Jahre, als sie an Aids starben. Sie waren Bluter, bekamen infizierte Blutprodukte. Nun fürchtet Renate Pfeiffer, dass man aus dem Skandal von damals nicht genug gelernt hat.
Renate Pfeiffer: "Damals hieß es ja, Fixer, Schwule, die Randgruppen und die Bluter sind betroffen, aber jetzt sollten die Leute mal aufhorchen, kann ja jeder betroffen sein."
Und das meint sie. Jeder kann in die Situation kommen, von einer Blutspende abhängig zu sein. Ob als Krebskranker, als Herzpatient oder nach einem ganz normalen Unfall. Eine Blutspende kann Leben retten. Doch das Risiko, durch das Blut eines fremden Menschen krank zu werden, ist immer vorhanden. Oft bekommt man nur Blutteile eines Spenders. Wie beispielsweise Blutplättchen, so genannte Thrombozyten. Eine halbe Million Einheiten brauchen deutsche Patienten davon jedes Jahr. Kosten für die Krankenkassen: etwa 200 Millionen Euro. Was viele Patienten meist gar nicht erfahren: Nicht selten werden diese Blutplättchen-Präparate zusammengemischt, stammen von durchschnittlich fünf verschiedenen Spendern. Das Mischen ist billiger, als die Blutplättchen aufwendig aus dem Blut eines einzelnen Spenders herauszufiltern. Aber auch nicht ungefährlich, sagen Transfusionsmediziner wie Walter Hitzler. Er geht davon aus, dass die Gefahr durch noch unbekannte Viren angesteckt zu werden, bei gepoolten Blutplättchen fünf Mal so hoch ist wie bei einer Einzelspende.
Prof. Walter Hitzler, AG der Ärzte staatlicher und kommunaler Bluttransfusionsdienste: "Es könnten unerkannte Infektionskrankheiten, die wir heute noch nicht kennen, die aber durchaus in der Bevölkerung grassieren, vorhanden sein, die wir noch nicht testen können. Und die könnten natürlich durch ein Produkt, was aus vier oder fünf oder sechs Blutspenden zusammengeführt werden, wesentlich stärker in dieser Phase, wo wir es noch nicht erkennen, gestreut werden als durch ein Einzelspenderkonzentrat."
Übertriebene Sorge? Keineswegs - nur Lehren aus der Vergangenheit. Was die Mediziner fürchten, ist die große, un-bekannte, un-berechenbare Gefahr. Von der man nicht weiß, wann und wie, nur dass sie kommen kann. Ein neues Virus, das unentdeckt im menschlichen Blut schlummert und erst viel später seine verheerende Wirkung zeigt. So wie bei AIDS und Hepatitis C, als sich in den 80ern Tausende an gepoolten Blutpräparaten infizierten und starben. Zur Erinnerung: Das sind die Viren und Erreger, die in den letzten dreißig Jahren neu in den menschlichen Organismus gelangten.
Prof. Walter Hitzler, AG der Ärzte staatlicher und kommunaler Bluttransfusionsdienste: "Die Natur wird immer irgendwelche Veränderungen bringen. Und wir sollten uns nicht sicher sein, nur weil wir einige Risiken bisher in den Griff bekommen haben, dass wir auf alles vorbereitet sind, was in der Zukunft kommen kann."
Viele Uni-Kliniken, so wie hier in Mainz, setzen deshalb fast ausschließlich auf die teureren, aber ihrer Ansicht nach sichereren Präparate aus Einzelspenden. Doch die Kliniken geraten wegen dieser Praxis zunehmend unter Druck. Die gesetzlichen Krankenkassen schicken ihnen in jüngster Zeit unangenehme Schreiben ins Haus. Dort heißt es, immer wortgleich:
Zitat: "Daher bitten wir Sie um Verständnis, dass wir unter Beachtung des Wirtschaftlichkeitsgebotes (…) ab sofort alle Abrechnungsfälle (…) unter dem Vorbehalt einer späteren Rückforderung zahlen."
Im Klartext: Eine unverblümte Aufforderung, künftig mehr gemischte Blutpräparate einzusetzen. An der Uni Klinik in Erlangen will man sich das von den Kassen aber nicht vorschreiben lassen. Dort war 2009 ein Herzpatient in einer Not-OP gerettet worden. Der Mann bekam mehrfach Blutplättchen aus einer Einzelspende. Die Krankenkasse hat die Blutprodukte aber nicht bezahlt. Begründung: Die Klinik hätte das billigere Pool-Präparat verwenden müssen. Nun klagt die Klinik gegen die Kasse. Es geht um 950,- Euro.
Prof. Robert Zimmermann, Transfusionsmediziner, Uni-Klinik Erlangen: "Das derzeitige Vorgehen der Krankenkassen ist inakzeptabel. Es bedeutet, dass wir gezwungen werden, wirtschaftlichen Aspekten hier den Vorrang einzuräumen vor Sicherheitsüberlegungen."
Wir wollen mit den Krankenkassen darüber reden. Mit der AOK Rheinland, der IKK und der Knappschaft Bahn-See. Doch dort verweist man uns lieber an den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung in Berlin.
Florian Lanz, GKV, Gesetzliche Krankenversicherung Spitzenverband: "Wenn wir zwei Therapieformen haben, die gleich gut sind, dann wollen wir natürlich die günstigere nehmen, denn wir wollen nicht unnötig Geld unserer Beitragszahler ausgeben."
Die Kassen berufen sich dabei auf ein Gutachten ihres Medizinischen Dienstes und auf das Paul-Ehrlich-Institut, die staatliche Zulassungsbehörde für die Blutprodukte. Danach sei seit 1998 kein Patient mehr durch gepoolte Blutplättchen an AIDS oder Hepatitis erkrankt. Einzelspende und Pool-Spende seien gleichwertig und sicher, teilt uns das Institut schriftlich mit. Ein gewichtiges Argument. Doch wir lesen an anderer Stelle weiter. In diesem Entwurf zu den Risiken und Nebenwirkungen von Blutplättchen-Präparaten. Hier weist das Paul-Ehrlich-Institut durchaus auf genau das Problem hin, auf eine mögliche
Zitat: "Übertragung von Erregern auch unbekannter Natur."
Also auf genau das Sicherheitsrisiko, das viele deutsche Transfusionsmediziner befürchten. Andere Länder haben längst Konsequenzen gezogen. Großbritannien, Österreich, Australien und die USA streben eine möglichst hohe Versorgung mit Einzelspenden-Präparaten an - 80 % und mehr. Doch in Deutschland läuft der Trend in die andere Richtung. Dort liegt der Anteil der Einzelspenden derzeit bei 60 %. Ginge es nach den gesetzlichen Kassen sollen die Einzelspenden künftig nur noch in medizinischen Ausnahmefällen eingesetzt werden. Am Cedars Sinai Medical Center in Los Angeles arbeitet Professor Eleftherios Vamvakas. Der Forscher ist einer der international renommiertesten Fachleute für die Sicherheit von Blutprodukten und kann den deutschen Weg nicht nachvollziehen.
Prof. Eleftherios Vamvakas, Cedars Sinai Medical Center, Los Angeles (Übersetzung MONITOR): "Wenn ein neuer Krankheitserreger auftritt, können wir mit der Versorgung durch Einzelspenden das Infektionsrisiko auf ein Fünftel verringern. Deswegen gehen die Deutschen für mich in die falsche Richtung, wenn sie künftig weniger Einzelspenden und dafür mehr Poolpräparate einsetzen wollen."
Auch Renate Pfeiffer hat für das Verhalten der deutschen Krankenkassen kein Verständnis.
Renate Pfeiffer: "Noch keine 30 Jahre sind vorbei, 2.000 Bluter sind elendig gestorben, und jetzt ist wieder das Geld wichtiger. Und das kann doch nicht sein."
Das was Renate Pfeiffer mit ihren beiden Söhnen in den 80er Jahren erleben musste, das sollen andere nicht auch noch durchmachen müssen.
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24.05.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten
Donnerstag, 24.05.2012
23:30 Uhr - tagesschau24
Freitag, 25.05.2012
05:00 Uhr - ARD
08:35 Uhr - RBB
20:15 Uhr - EinsExtra
Samstag, 26.05.2012
08:20 Uhr - WDR

Hinweise auf Falschbehandlungen am Klinikum Hildesheim mit unnötigen Radiojodtherapien - Rhön-Klinik will 2000 Fälle von Patienten jetzt überprüfen.
Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.
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