23.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 626

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Monitor Nr. 626 vom 06.10.2011

Facebooks Datensammelwut

Offenbarungseid der Politik



Video der Sendung

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Bericht: Sascha Adamek, Stephan Framke, Isabel Schayani

Sonia Seymour Mikich: "Facebook. Facebook macht Spaß und bringt auch Sauerstoff in die Politik. Und das ist das Schöne. Aber wissen Sie eigentlich noch, was Sie oder Ihre Kinder in den letzten Jahren bei Facebook so alles eingegeben haben? Wissen Sie, was mit diesen Daten passiert ist, auch mit den gelöschten? Wir waren jedenfalls bei der Recherche ziemlich schockiert, immerhin vertrauen hierzulande über 20 Millionen Menschen Facebook ganz Privates an. Unsere Autoren Sascha Adamek, Isabel Schayani und Stephan Framke berichten über die sehr unschöne Seite von Facebook."

Egal, ob du Musik hörst, ob du schnell etwas kochst oder einfach durch den Park läufst. Was du in Facebook einmal flüchtig notierst, vergisst Facebook nicht. Der Gründer des größten sozialen Netzwerkes, Mark Zuckerberg, präsentiert seine Menschheitsvision. Ein Facebook Lebensarchiv! Nichts geht verloren, nichts bleibt verborgen. Hier steht er vor dem Archiv seines eigenen Lebens, und das soll jeder bekommen.

Mark Zuckerberg Rechte: WDR Bild vergrößern

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg (Übersetzung MONITOR): "Die Timeline zeigt alles aus meinem Leben. Tolle Fotos, eine Karte mit Orten wo ich war, Essen, dass ich gekocht habe. Freunde die ich getroffen habe, alle Orte an denen ich war. Alle Jahre aus meinem Leben."

Was Zuckerberg hier nicht sagt: Facebook vermisst seit Juni dein Gesicht. Und könnte dich dann immer wieder finden. Selbst hier. Das Foto muss nur einmal mit Namen von einem deiner Freunde gekennzeichnet werden. Mit deinen Gesichtsmaßen, Nasen-, Augen-, Mundabstand - Facebook findet dich. Privatsphäre? Ist was fürs Museum. Facebook kann unsere realen Handlungen mit seinen Daten verknüpfen. Alter, Name, Vorlieben, Interessen, Konsumverhalten - die Daten gehen in die USA und so entsteht dort die größte Datenbank der Welt. Ein Geschenk für jeden Geheimdienst.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein Rechte: WDR Bild vergrößern

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein: "Diese Daten, die dann umfassend über den Internetverkehr bei Facebook gespeichert werden, die sind auch im Zugriff für Sicherheitsbehörden in den USA. Und werden dort auch abgefragt und können genutzt werden, zum Beispiel zur Verweigerung von Einreisen, wenn man sich zu sehr etwa für Kuba oder für Islamismus und Ähnliches interessiert hat."

Max Schrems, der in Wien Jura studiert, nutzte drei Jahre lang Facebook. Er chattete mit Freunden und schrieb viel Persönliches. Irgendwann beschlich ihn ein komisches Gefühl. Er löschte vieles, traute Facebook aber trotzdem nicht. Also machte er von seinem Recht als EU-Bürger Gebrauch und verlangte eine Kopie aller über ihn gespeicherten Daten. Ergebnis: nichts war gelöscht. Gar nichts.

Max Schrems, Jura-Student Rechte: WDR Bild vergrößern

Max Schrems, Jura-Student

Max Schrems, Jura-Student: "Das sind jetzt sozusagen mal meine 1.200 Seiten, die ich von Facebook bisher bekommen hab. Und wenn man sich das sozusagen mal physisch vorstellt, vom Umfang, kann man sich vorstellen, wie viel die eigentlich über einen wissen. Und dann fragt man sich halt im Vergleich zu einer Stasi-Akte oder solchen Dingen, warum so viel über einen Normal-User gespeichert wird."

Gespeichert auf diesen 1.200 Seiten, höchst persönliche und teils intime Nachrichten, die ihm Freunde geschrieben hatten. Da schreibt einer über "psychische Probleme", ein anderer erzählt über "Homosexualität" und noch einer tauscht sich über die "Magersucht" einer Freundin aus.

Max Schrems, Jura-Student: "Der User wird da einfach verarscht, weil ihm wird gesagt, du kannst alles löschen, wenn du willst, was einen auch natürlich dazu bewegt, mehr Sachen reinzustellen. Weil wenn ich sag, na ja, wenn ich will, kann ich’s eh wieder löschen."

Gelöscht ist nicht gelöscht. Das Löschen ist nur Illusion. Denn Facebook macht mit unseren Daten Geld. Und welche Politiker und Gesetze schützen uns davor? Ilse Aigner, Verbraucherschutzministerin, "fühlt" sich zuständig. Ihre politische Waffe gegen Facebook: Sie hat ihre persönliche Facebook-Seite gelöscht. Sie hätte ebenso gut mit einer Wasserpistole einen Waldbrand löschen können. Hans-Peter Friedrich, Innenminister, ist zuständig. Er setzt im Umgang mit dem Internetriesen aufs Zwischenmenschliche. Nach einem Besuch des Facebook-Repräsentanten Richard Allan glaubt er an Facebooks "Selbstheilungskräfte".

Hans-Peter Friedrich: "Ich habe mit Facebook gesprochen, und Facebook ist bereit, sich einzubringen in eine Selbstverpflichtung, in ein Kodex, den wir gemeinsam ausarbeiten wollen. Und ich hoffe, dass wir sehr zügig, und vielleicht viel zügiger als ein Gesetz jemals könnte, mit langen Erörterungsprozessen, zum Ziele kommen."

Der zähe Leiter der kleinen Datenschutzbehörde von Schleswig Holstein Thilo Weichert, hat es mit dem Weltkonzern aufgenommen. Er hat bereits reichlich Erfahrung mit dessen Verhältnis zu Selbstverpflichtung. Ihm war der "Gefällt mir-Button" aufgefallen. Wenn dir irgendwo im Netz etwas gefällt, klickst du auf "Gefällt mir" und schon wissen deine Facebook-Freunde, dass dir diese Creme, jenes Auto gefällt. Aber im Hintergrund lädt Facebook sogenannte Cookies, kleine Programme auf den Rechner und kann ab jetzt anhand der IP-Adressen dein komplettes Surfverhalten verfolgen. Monatelang wollte Weichert von Facebook erfahren, warum Facebook das macht. Nichts passierte. Erst seit Weichert dann deutschen Seiten, die den "Gefällt-mir-Button" anbieten, Bußgelder androhte, reagierte Facebook. Ihr europäischer Vertreter Allan kam eigens in den Kieler Landtag. Und was versprach er? Eine Selbstverpflichtung.

Richard Allan, Facebook-Verantwortlicher für Europa Rechte: WDR Bild vergrößern

Richard Allan, Facebook-Verantwortlicher für Europa

Richard Allan, Facebook-Verantwortlicher für Europa (Übersetzung MONITOR): "Wir haben uns vor einigen Monaten entschlossen, die IP-Adressen von Nutzern aus Deutschland nicht zu speichern, wenn sie den "Gefällt mir-Button" drücken. Wir wollen damit Rücksicht auf die Befindlichkeiten in Deutschland nehmen."

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein: "Das hätten wir gerne schriftlich, erstens. Und zweitens überprüfbar. Dann denke ich, können wir dann auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen."

Auch heute, vier Wochen später bleiben die Kieler Datenschützer bei ihrer Bußgeld-Drohung gegen deutsche Webseitenbetreiber, die den "Gefällt-mir-Button" benutzen. Denn Facebook hat Weichert zwar Informationen geliefert, aber nicht die versprochenen Belege. Auch uns gegenüber ist Facebook wenig kommunikativ.

Reporter: "Eine kurze Frage. Was sagen Sie zu der Kritik von Herrn Weichert. Warum geben Sie keine Interviews? ... Warum geben Sie eigentlich nie Interviews?"

Tina Kurow, Facebook-Sprecherin: "Dankeschön."

Reporter: "Sie sind doch ein Kommunikationsunternehmen? Warum geben Sie ...?"

Tina Kurow, Facebook-Sprecherin: "Sie haben doch auch meine Kontaktdaten, lassen Sie uns doch gerne einen Termin ausmachen."

Wir bekommen keinen Termin - auch später nicht. Dass unsere Daten in die USA wandern dürfen, regelt ein Abkommen zwischen den USA und der EU. Danach müssen US-Unternehmen - wie Facebook - sich zwar an die EU-Standards zum Datenschutz halten, das kontrolliert bloß keiner wirksam, außer Unternehmen wie Facebook selber.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein: "Wir als Datenschutzbehörden meinen, es ist nicht das Papier wert, auf dem es steht. Meines Erachtens müsste die Bundesregierung und die Europäische Union dieses Abkommen sofort kündigen. Und es müsste eben jetzt entweder der Datenverkehr insgesamt untersagt werden oder es müsste neu verhandelt werden, so dass real der Datenschutz in den USA auch verwirklicht wird."

Thilo Weichert ist mit seiner Meinung nicht allein. Alle Datenschutzbeauftragten der Länder sehen dieses Abkommen mit den USA kritisch. Das Abkommen zu kündigen, wäre eine echte Drohkulisse.

Reporter: "Ist es nicht sinnvoll, solche Verträge dann auch zu kündigen, um eine Drohkulisse aufzubauen, auf europäischer Ebene?"

Hans-Peter Friedrich, Bundesinnenminister (CSU) Rechte: WDR Bild vergrößern

Hans-Peter Friedrich, Bundesinnenminister (CSU)

Hans-Peter Friedrich, Bundesinnenminister (CSU): "Also ich fürchte, dass die Drohkulisse, von der Sie sprechen, so nicht realisiert ist. Sondern das Entscheidende ist, dass wir jetzt Facebook in eine Disziplin zwingen durch Selbstverpflichtung. Und ich bin optimistisch, dass das gelingen wird."

Selbst die Piratenpartei, bekannt für ihre Forderung nach Freiheit im Netz, kritisiert die laxe Haltung des Bundesinnenministers gegenüber Facebook.

Bernd Schlömer, stellvertr. Bundesvorsitzender Piratenpartei: "Eine Selbstverpflichtung nützt gar nichts in diesem Themenfeld. Es ist ein Stück weit symbolische Politik, die wiederum erzeugt wird, wie wir sie ja auch in anderen Politikfeldern sehen."

Max Schrems hat nun eine Initiative gegründet. Mit anderen sammelt er Beweise gegen Facebook, um die Behörden wachzurütteln.

Max Schrems, Jura-Student: "Solche Sachen sind ja eine staatliche Aufgabe, ja. Das ist ähnlich, wie, weiß Gott, die Selbstverpflichtung der Autofahrer, dass sie nicht zu schnell fahren. Das ist absurd. Deswegen gibt es ein Gesetz, wo drinnen steht, es wird nicht zu schnell gefahren. Und das Problem ist, dass es halt im Datenschutz niemand durchsetzt."

Facebook - und ein Innenminister, der an das Gute glaubt. Und ein Datenschützer, der sich abstrampelt. Und Millionen User, die ihre Daten einem Konzern anvertrauen, der sammelt und sammelt und sammelt.

Sonia Seymour Mikich: "Noch mal, soziale Netzwerke sind nicht Teufelszeug, ich benutze sie selbst gern, MONITOR ist auch bei Facebook. Das heißt aber nicht, dass wir blöd und blauäugig einem Konzern unsere Rechte auf Privatheit und Datenschutz einfach überlassen. Was sagen Sie dazu?"

Mehr zum Thema

  • Gästebuch: MONITOR bei FacebookWeitere Infos zur Sendung und Aktuelles
  • WDR: MONITOR-DossierÜberwachung und Datenschutz
  • WDR: MONITOR vom 20.05.2010Im Visier von Facebook: Das Ende der Privatheit
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  • WDR: wdr.deFacebook-Fanpages und -Plugins im Visier: Datenschutz gegen Goliath
  • ARD: tagesschau.dePetition für benutzerfreundliche Voreinstellungen: Verbraucherschützer fordern Datenschutz
  • Download: Verbraucherzentrale BundesverbandHintergrundpapier "Auf die Voreinstellung kommt es an" (PDF)

Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 631

    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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    Wulff - Soap, nicht Krise
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    "Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

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