23.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
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Nr. 618

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Monitor Nr. 618 vom 10.03.2011

Ich klicke, also bin ich

Wie mein „digitales Ich“ zur realen Gefahr werden kann



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Bericht: Sonia Seymour Mikich, Achim Pollmeier, Kim Otto

Sonia Seymour Mikich: "Wir leben in der digitalen Revolution. Sie ist so radikal wie die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Macht, das Individuum - alles musste sich damals neu sortieren. Das passiert wieder, nur leise, eben nicht so augenfällig. Wir erzählen von einer Entwicklung, die unumkehrbar ist, die auch Internet-Abstinenzler überrollt und dringend Regeln braucht. Vom "digitalen Ich", dass sich sogar verselbstständigen kann. Ich klicke, also bin ich."

Mein digitales Ich. Jeden Tag bin ich ein, zwei Stunden lang damit beschäftigt: E-Mails, Bestellungen, Verabredungen, Bloggen, Bürokram, das Übliche. Im Internet gibt es mich, meine Wünsche, meine Vorlieben ein zweites Mal. Oft belanglos, nie folgenlos. Denn unser digitales Ich beginnt, sich selbstständig zu machen. Es entzieht sich unserer Kontrolle, zunehmend. Und manchmal wird es sogar zur Bedrohung - im realen Leben. Dem Künstler B.L. ist seine Persönlichkeit im Netz "gestohlen" worden. Seit Jahren verfolgte ihn ein Unbekannter im Internet. Verfremdet Bilder, stellt in seinem Namen falsche Behauptungen auf, macht ihn lächerlich. Das digitale Ich des Künstlers zerstört sein größtes Kapital - seinen Ruf. Denn sein Ruf bestimmt seinen Marktwert. Gegenüber Kollegen, Veranstaltern, Auftraggebern.

B.L., Künstler: "Damit fing es an!"

B.L. wurde im Internet zum Monster. Ein Moslemhasser, ein Nazi. Adresse und Telefonnummer inklusive.

Reporterin: "Als Sie zum ersten Mal diese Hassseiten aufgerufen haben, was ging eigentlich in Ihnen vor?"

B.L., Künstler: "Also das war schockierend für mich. Und dass jemand praktisch meine Identität annimmt und unsägliche Beschimpfungen, Beleidigungen ... er hat andere beschimpft und mit meinem Namen unterschrieben."

Cybermobbing - ein Zerrbild entstand. B.L. verlor Schüler und Auftraggeber, konnte nicht mehr im Netz für sich werben. Plötzlich fürchtete er um seine Existenz - materiell, aber auch psychisch.

B.L., Künstler: "Ich habe das Gefühl gehabt, du kannst jetzt nicht mehr aus dem Haus gehen und du kannst dich nirgendwo mehr blicken lassen und ich habe wirklich aktiv, also am sozialen Leben, an Jam-Sessions, usw., wenn Musiker sich treffen, so ganz informell, habe ich einfach nicht mehr teilgenommen."

Kontrollverlust. Total. Die digitale Revolution - sie ist vergleichbar mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Macht, alles musste sich damals neu sortieren. Und jetzt ändern sich die Spielregeln wieder. Und wir Menschen des 21. Jahrhunderts, des digitalen Zeitalters, müssen lernen, alte Gewissheiten loszulassen. Die fundamentale Frage: Wer schützt mich und mein virtuelles Ich? Inzwischen hat sich ein ganzer Berufszweig gebildet, um Menschen zu helfen, ihr virtuelles Ich zu kontrollieren. Reputationsmanager - eine Wachstumsbranche. Martin Lux war einer der ersten, ein "Ausputzer" der virtuellen Welt. Hier versuchen sie Einträge aus dem Netz zu radieren, die der Kunde dort nicht haben will.

Martin Lux, Reputationsmanager Rechte: WDR Bild vergrößern

Martin Lux, Reputationsmanager

Martin Lux, Reputationsmanager: "Das digitale Ich ist nicht losgelöst von der Person, hat Rückwirkung auf das normale Leben und wir haben viele Fälle, viele Mandanten, die erleiden nicht nur materiellen Schaden durch diese Verunglimpfung, die passieren in den Blogs, in den Foren, sondern werden darüber krank, Depressionen und andere Krankheiten."

Da gab es den Top-Manager, der angeblich kokste. Das machte im Netz die Runde - und ihm Ärger in der Branche. Eine Ärztin fand jahrelang keinen Job mehr, weil Ex-Kollegen sie diffamierten. Häufig gelingt es, solche Einträge aus Blogs oder Suchmaschinen zu löschen. Komplizierte Fälle kosten aber schnell Tausende. Und selbst Profis stoßen immer wieder beim Fall B.L. an ihre Grenzen.

Mitarbeiter: "Wir haben hier wieder einen neuen Blogeintrag. Das ist wieder das alte Thema."

Die Betreiber der Hetzseiten sind kaum zur Rechenschaft zu ziehen, sie sitzen in Amerika und der Täter ist nicht zu ermitteln. Die grenzenlose Freiheit des Netzes wendet sich gegen seine Nutzer. Obwohl B.L. auch Profi-Hilfe hat. Obwohl er selbst mit dem Internet gut umgehen kann, bekommt er sein digitales Ich einfach nicht mehr unter Kontrolle. Unser gesetzlicher Datenschutz reicht nicht aus. Zwischenstand: Im Netz müssen wir selbst aktiv unseren Persönlichkeitsschutz betreiben, vielleicht private Unternehmen dafür bezahlen. Wir müssen umlernen. Die Gesetze der analogen Welt greifen nicht. Und der Staat hinkt hinterher.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein Rechte: WDR Bild vergrößern

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein: "Also der Umstand, dass Reputationsmanager derart viel Geld verdienen können mit Persönlichkeitsschutz im Internet zeigt, dass hier der Staat versagt hat. Dass also im Prinzip Aufgabe des Staates ist, hier Gefahren abzuwehren und auch Strafverfolgung und zu betreiben und Persönlichkeitsschutz zu betreiben, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Hier ist eine besondere Form staatlicher Daseinsvorsorge gegeben und das ist eine Aufgabe, die von Verbraucherschützern, von uns Datenschützern, aber auch von der Polizei und von den Staatsanwaltschaften wahrgenommen werden müssen."

Dafür fehlen aber neue, wirksame Gesetze. Und verstehen unsere Politiker die digitale Revolution wirklich? "Rote Linien" beim Persönlichkeitsschutz - dazu hat der Innenminister kürzlich einen Gesetzentwurf vorgelegt. Bilder im Netz zu manipulieren - wie bei B.L. - wäre dann endlich strafbar. Aber Diffamieren in Blogs und Foren wäre weiterhin kaum verfolgbar.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein: "Der Gesetzentwurf von De Maiziere hinsichtlich der roten Linien ist aus meiner Sicht absolut unzureichend, weil also hier nur ganz krasse Verstöße wegen Persönlichkeitsrechten unter Strafe gestellt werden und verboten werden. Also insofern muss also hier massiv nachgebessert werden."

Stochern im Cybernebel. Die Verbraucherschutzministerin präsentierte einen "digitalen Radiergummi". Damit soll man Fotos im Netz mit einem Löschdatum versehen können. Leider kostenpflichtig. Leider unausgereift.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein: "Die Idee von dem digitalen Radiergummi ist meines Erachtens auch technisch derart voraussetzungsvoll, dass sie so nicht umgesetzt werden kann und auch weiterentwickelt werden muss."

Cybermobbing - die Gesetze dagegen bleiben kraftlos. B.L. zog eine radikale Konsequenz. Er ist einfach nicht mehr aktiv im Netz. Verzicht - ist aber auch problematisch.

Martin Lux, Reputationsmanager Rechte: WDR Bild vergrößern

Martin Lux, Reputationsmanager

Martin Lux, Reputationsmanager: "Vielleicht geht es heute noch, aber in einigen Jahren erwartet man, dass jeder selber im Internet vertreten ist, sich entsprechend darstellt und auch Einfluss nimmt auf die Kommunikation über die Person, über sein Handeln. Wenn Sie nicht im Internet sind, sich nicht um Ihre Identität im Internet kümmern. Wer sagt Ihnen denn, dass nicht ein anderer mit Ihrer Identität unterwegs ist, oder dass andere über Sie im Internet berichten. Also - wenn Sie nicht aktiv sind, können Sie nicht steuernd eingreifen."

Was ist aber mit dem Normalfall? Dass ich mich freiwillig transparent mache, um Dienste im Internet zu nutzen. Auch ich bin jetzt drin - eine von weltweit knapp 600 Millionen Facebook-Nutzern. Facebook vernetzt mich mit Freunden, Kollegen, Gleichgesinnten. Ich bezahle mit meinen und ihren Daten. Das Ganze ist ein Geschäft. Gesammelt wird alles. Ich poste, dass ich Essen gehen möchte, da kommt schon die passende Werbung. Mal wegfliegen? Facebook hilft mir dabei. Dahinter stecken Algorithmen, Formeln, die errechnen, was besonders gut passt. Zum digitalen Ich. Zum realen Ich. Nichts hat den Sog des Internets so sehr beschleunigt wie die sozialen Netzwerke. Facebook, Twitter, StudiVZ, Xing. Dabei sein müssen, heute ein Gefühl, morgen ein Gebot.

Andrew Keen, Medien- und Politikwissenschaftler Rechte: WDR Bild vergrößern

Andrew Keen, Medien- und Politikwissenschaftler

Andrew Keen, Medien- und Politikwissenschaftler (Übersetzung MONITOR): "Ich mache ein Update - also bin ich. Um konkurrenzfähig zu bleiben in dieser neuen Volkswirtschaft müssen wir uns ständig erneuern. Es geht hier nicht um Selbstverliebtheit, Selbstbestätigung oder darum, sich profilieren zu wollen. Um in dieser Wirtschaft erfolgreich bestehen zu können, uns als persönliche Marke aufzubauen und als Arbeiter in diesem neuen Zeitalter unseren Lebensunterhalt zu verdienen, müssen wir uns ständig aktualisieren."

Kongress Bild vergrößern

Kongress "Next"

Der Druck mitzuhalten. Berlin, der Kongress "Next", eines der wichtigsten Treffen der Vordenker der digitalen Wirtschaft. Sie arbeiten daran unser digitales Ich zu durchleuchten, um dann markt-relevante Vorhersagen über unser reales Ich zu treffen. Alles kein Problem? Eine Internetfirma aus Chicago arbeitet an einem Programm, das bestimmt, ob ich kreditwürdig bin - je nach der Zusammensetzung meiner Facebook-Freunde. Und: Eric Lefkofsky, Chef eines milliardenschweren Internet-Unternehmens selektiert:

Zitat: "Es gibt keinen Grund, Menschen anzustellen, über die wir in einem sozialen Netzwerk nichts herausfinden können."

Anders gesagt: Wer sich im Netz nicht offenlegt, ist künftig verdächtig. Und der Chef des Internet-Giganten Google geht noch einen Schritt weiter:

Zitat: "Ich glaube, die meisten Leute wollen, dass Google ihnen sagt, was sie als nächstes tun sollen."

Dafür brauchen sie noch mehr Daten. In fünf Jahren soll fast jeder Nutzer in einem Industriestaat mobiles Internet haben. Giganten wie Facebook oder Google können mich dann überall auf der Welt orten. Und prompt erfahre ich nicht nur, was ich ein paar Meter weiter konsumieren soll, sondern wer sonst noch hier in der Nähe spaziert. Die Kollegin, die doch krankgeschrieben ist. Der Sohn, der angeblich in einer Prüfung sitzt. Jeder weiß alles über alle - die freiwillige Totalerfassung. In den USA ist Facebook noch einen Schritt weiter. Gesichtserkennung. Ein Handyfoto, und die Software gleicht es ab, mit Milliarden gespeicherter Bilder, verknüpft es mit Informationen über den Abgebildeten.

Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter Schleswig Holstein: "Die größte Gefahr ist, dass wir ein 1984 á la George Orwell nicht in einer staatlichen Version, sondern in einer privaten Version bekommen. Dass also die Facebooks und Googles wirklich alles über uns wissen, was wir mit unserem Smart Phone machen im Privaten, im Beruflichen. Dass hier draus Profile erstellt werden, dass damit Geld verdient wird, ist die eine Seite. Dass aber damit manipuliert wird, dass damit diskriminiert wird, dass dann aus Märkten ausgeschlossen wird, dass dann unter Umständen auch ganz gezielt diffamiert wird, das ist etwas, was also heute schon Gang und Gäbe ist und von vielen Politikern noch nicht so richtig erkannt wurde."

Ich klicke, also bin ich. Die digitale Revolution - wir stecken mittendrin. Und wir haben sie noch lange nicht im Griff.

Buchtipps

Sascha Adamek, „Die facebook-Falle: Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft“ (Heyne, ISBN-10: 9783453601802)

Andrew Keen, „Die Stunde der Stümper“ (Hanser, ISBN: 3446415661)

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 631

    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • BLOG!

    Christian Wulff Rechte: WDR/dpda

    Wulff - Soap, nicht Krise
    Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben." [mitbloggen]

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