10.02.2012

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Nr. 603

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Monitor Nr. 603 vom

Spätkölsche Dekadenz

Wie beim Bau der Kölner U-Bahn die Aufsicht versagte



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Bericht: Georg Wellmann, Jan Schmitt

Sonia Seymour Mikich: "Und jetzt die spätkölsche Dekadenz: Die Geschichte um den Kölner U-Bahnbau hat Krimi-Qualität. Diebstahl, Betrug, Vertuschen, sogar Tote. Ein Megaprojekt, das für Millionen Menschen sicher sein soll, ist ein einziger Trümmerhaufen. Und wer ist dafür verantwortlich? Wer hat gepennt? Wer hat weggeschaut? Die Recherchen von Jan Schmitt und Georg Wellmann belegen, wie Kontrolle so lange wegdelegiert wurde, bis sie einfach futsch war."

U-Bahnbau in Köln. Vor einem Jahr stürzte das Stadtarchiv ein und riss zwei Menschen in den Tod. Unersetzbare Schriften und Bücher wurden vernichtet. Je mehr die Staatsanwaltschaft ermittelt, desto mehr Baupfusch kommt an die Oberfläche. Gefälschte Bauprotokolle tauchen auf, zu viel Grundwasser wurde abgepumpt, tonnenweise sollen Stahlbügel geklaut worden sein, statt sie in die Wände einzubauen - auch an Beton wurde gespart. Aber wer hatte die Verantwortung für die Bauvorhaben und wer die Aufsicht? Oberste Instanz ist die so genannte Technische Aufsichtsbehörde bei der Bezirksregierung Düsseldorf.

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf Rechte: WDR Bild vergrößern

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf: "Die Aufsicht ist eine unabhängige Instanz, die keine eigene Bauverantwortung hat, sie hat Aufsichtsverantwortung. Ich hoffe, dass wir die wahrgenommen haben."

Reporter: "Sie hoffen es?"

Und wie nimmt eine Behörde so eine Verantwortung wahr? Sie delegiert. Im Fall, der für die Kölner Verkehrsbetriebe KVB zu bauenden U-Bahn, geht die Verantwortung vom Land Nordrhein Westfalen über auf die Bezirksregierung Düsseldorf. Die überträgt sie der Stadt Köln und die am Ende der KVB Aktiengesellschaft. Das heißt, der privatisierte Bauherr überwacht sich schließlich selbst.

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel: "Die Idee Bauherr und Bauaufsicht in eine Hand zu übernehmen, widerspricht jeder in Deutschland geltenden Vorstellungen über Kotrolle."

Schon 2002 wollte die privatisierte KVB die Bauaufsicht haben. Das hat die Bezirksregierung in Düsseldorf damals aber untersagt. Ihre Begründung: fehlender Sachverstand. Danach ist die Aufsicht dann doch auf die Kölner Verkehrbetriebe übergegangen, irgendwie. Schon vor unserem Interview bitten wir die Bezirksregierung nachzusehen, wann das war.

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf: "Oh, jetzt den genauen ... den genauen Zeitpunkt kann ich Ihnen echt nicht sagen, aber jedenfalls waren wir in den Prozess immer eingebunden. Ich hab Ihnen ja eben erläutern, dass wir stets zu beteiligen sind, wir sind so genannter Träger öffentlicher Belange. Aber jetzt den genauen Tag und Stunde kann ich Ihnen nicht sagen."

Reporter: "Tag und Stunde brauche ich nicht, also mir würde es ausreichen, wenn Sie mir das Jahr sagen, ab wann Sie wussten, dass die KVB diese Aufgabe übernimmt?"

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf: "Also aus eigenem Erleben weiß ich es nicht, weil ich damals noch nicht zuständig war, ich müsste es jetzt echt nachgucken."

Auch nach dem Interview erfahren wir das von der Bezirksregierung nicht. Laut Stadt und KVB war das im Jahr 2005, nachdem die Stadt der KVB Ingenieure zur Verfügung gestellt hatte. Von nun an konnten die Kölner Verkehrsbetriebe selbst darüber entscheiden, wie und wie oft geprüft wird. Ein externer Prüfingenieur, den die KVB beschäftigte, durfte noch nicht mal auf die Baustelle. Wollte man Kosten sparen? Der Prüfingenieur erfuhr nicht, dass es massive Probleme auf der Baustelle unter dem Stadtarchiv gab und selbst die Baufirmen Alarm schlugen. In MONITOR vorliegenden internen Protokollen heißt es: Die Situation dulde keinen weiteren Aufschub. Es bestehe Gefahr für die Standsicherheit der Baugrube. Man müsse dringend zusätzliches Wasser abpumpen, noch vor Erteilung einer Anordnung. Bei seiner Vernehmung nach dem Unglück sagte der Prüfingenieur, eigentlich hätte man einen sofortigen Baustopp verhängen müssen. Doch die KVB baute weiter. Die Kölner Verkehrsbetriebe wollen sich hierzu nicht äußern - mit Verweis auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Und die zuständige Aufsichtsbehörde in Düsseldorf? Sie vertraute der KVB offenbar blind. Nur jedes Vierteljahr besuchte ein Beamter die Baustelle. Der Grund: Personalmangel.

Reporter: "Ihre Behörde arbeitet mit zwei Mitarbeitern für ganz Nordrhein Westfalen? Ist das ausreichend?

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf Rechte: WDR Bild vergrößern

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf: "Also der damalige Personalbestand war nicht ausreichend. Es waren übrigens da nicht nur ... Doch Bauingenieure, doch Sie haben Recht. Wenn Sie die Bauingenieure meinen, waren es in der Tat nur zwei für ganz Nordrhein-Westfalen. In der Rückschau muss ich sagen, das hat nicht gereicht."

Bei öffentlichen Bauvorhaben muss es keine ausdrückliche Trennung zwischen Bauherrn und Bauaufsicht geben. Das regelt eine Bundesverordnung. Aber die sollte eigentlich für Behörden gelten. In Düsseldorf hat man sie ziemlich großzügig ausgelegt, und auch auf Privatunternehmen angewendet. Und so war es möglich, dass ein privater Bauherr wie die Kölner Verkehrsbetriebe sich selbst überwacht.

Matthias Vollstedt, Technische Aufsichtsbehörde Düsseldorf: "Wir haben ja auch eine Verwaltungspraxis gehabt, die ... die wir generell angewendet haben. Und ich kann dann nicht einfach sagen, weil ich ... weil irgendwer sagt, ich hab da Bauchweh, ändern wir das mal eben, die Verwaltungspraxis."

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel

Prof. Hans Rudolf Sangenstedt, Baurechtler, Universität Kassel: "Das ist verantwortungslos, das ist richtig verantwortungslos. Ich kann doch nicht immer sagen, ja, meine Mutter ist selbst schuld, dass ich mir die Hände abfriere. Warum gibt sie mir keine Handschuhe? Das ist diese berühmte Argumentation. Ich kann doch besser bauen. Ich kann doch technisch perfekter kontrollieren. Das ist doch nicht gesetzwidrig, wenn ich das tue."

Der Kölner U-Bahn-Bau; Zwei Tote, ein eingestürztes Stadtarchiv, geschätzte Schadenssummen, die jetzt schon die Baukosten übersteigen. Aus ursprünglich 550 Millionen sind so zusammen fast zweieinhalb Milliarden Euro geworden. Ende offen.

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    MONITOR Nr. 631

    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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