10.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

Nr. 599

URL: http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2009/1105/afghanistan.php5

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Monitor Nr. 599 vom

Wegschauen und vertuschen?

Die Geschichte einer Exekution in Afghanistan



Video der Sendung

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Bericht: Markus Schmidt, Markus Zeidler

Sonia Mikich: "Kundus in Afghanistan im September. Ein deutscher Oberst befiehlt die Bombardierung von zwei von den Taliban entführten Lastwagen, Zivilisten sterben dabei. Bis heute wissen wir nicht, was wirklich passierte. Zeugenaussagen fehlen, Berichte liegen nicht vor, die Wahrheit hat scheinbar viele Schattierungen. Um die Wahrheit bei einem anderen, bislang unbekannten Vorfall in Afghanistan geht es auch im folgenden Film von Markus Schmidt und Markus Zeidler, den sie mit Kollegen der niederländischen Sendung Argos recherchiert haben. Verschwundene Berichte. Geheimgehaltene Berichte. Irreführende Berichte. Stoff für einen investigativen Krimi."

Foto wird auf Bildschirm angezeigt Rechte: WDR Bild vergrößern

Bilder einer Hinrichtung?

Es begann mit dieser CD, die uns vor über zwei Jahren zugespielt wurde. Auf der CD finden wir Hunderte von Fotos. Wir sehen Bilder von deutschen und niederländischen Soldaten bei gemeinsamen Einsätzen in Afghanistan. Und dann entdecken wir diese Bilder. Bilder von Leichen. Keine Uniformen, keine Waffen. Getötet durch Kopfschüsse. Bilder einer Hinrichtung? Wir fragen uns: Was haben diese Bilder mit den anderen Bildern auf der CD zu tun, mit den Soldaten aus den Niederlanden und Deutschland. Es beginnt eine Recherche, die heute - zwei Jahre später - die Regierung in Den Haag beschäftigt. Nicht nur die Opposition stellt dort bohrende Fragen.

Mariko Peters, GroenLinks Rechte: WDR Bild vergrößern

Mariko Peters, GroenLinks

Mariko Peters, GroenLinks und ehem. Diplomatin in Kabul (Übersetzung MONITOR): "Ich weiß, dass es sich um eine Exekution in Afghanistan handelt, eine kaltblütige Erschießung. Ich weiß, dass sie in einer Zeit passiert ist, als niederländische Soldaten unter deutscher Führung in dem Gebiet Verantwortung trugen."

Vor zwei Jahren hatten wir nur die CD. Eines der Bilder zeigt einen Achim. Dieser Mann heißt auch Achim. Achim Wohlgethan. Und er hat - so erfahren wir von ihm - die gleiche CD wie wir. Heute ist Achim Wohlgehtan Buchautor. Er hat über seine Zeit als deutscher Elitesoldat in Afghanistan geschrieben; über seine Zeit bei einer ganz besondern Einheit, dem KCT. Das sind seltene Archivbilder eines Kampfeinsatzes dieser Truppe. Das KCT, die niederländische Eliteeinheit, für besonders heikle Einsätze. Vergleichbar den Deutschen Kommando-Spezialkräften. Im Jahr 2002 stand dieses KCT in Afghanistan unter dem Oberbefehl eines deutschen Generals. Etwa 30 Mann, unter ihnen bis zu fünf Bundeswehr-Soldaten, erzählt uns Wohlgethan. Deutsche Soldaten bei Einsätzen einer niederländischen Spezial-Einheit. Das niederländische Verteidigungsministerium bestätigt uns diese Geschichte Wohlgethans. Aber was ist mit diesen Bildern? Was haben sie mit Wohlgethan und seinem KCT zu tun? Eine wichtige Spur: Das Aufnahmedatum der Bilder. Angeblich der 7. August 2002. 7. August 2002? Im seinem Buch berichtet Achim Wohlgethan von einem Vorfall an genau diesem Tag. Eine Geschichte, wie er und sein KCT fliehende Banditen verfolgte.

Achim Wohlgethan Rechte: WDR Bild vergrößern

Achim Wohlgethan

Achim Wohlgethan, 6. Jan. 2008: "Irgendwann hörten wir mal Schüsse, in der Entfernung. Und sahen dann halt auch nur, wie vereinzelt Punkte vor uns den Abhang runterrollten und in einer Senke verschwanden. Uns wurde gesagt, eigene Leute im Vorfeld. Und mehr ... da müssen noch irgendwo welche gewesen sein, davon gehe ich aus. Aber gesehen habe ich die nicht."

Merkwürdig. Ursprünglich hatte Wohlgethan die Geschichte viel konkreter erzählt. MONITOR liegt die nie veröffentlichte Vorabversion seines Buches vor. Darin beschreibt Wohlgethan, wie seine KCT-Truppe eine Gruppe von 12 Flüchtenden südlich von Kabul in ein Gefecht verwickelt.

"Alle waren tot. (…) Wir trugen die leblosen Körper zusammen."

Dann - so steht es im nie veröffentlichen Manuskript - sei der CIA am Ort erschienen. Der CIA-Mann habe gefragt, ob Fotos gemacht worden seien. Nein, habe man geantwortet. Und dann schreibt Wohlgethan wörtlich weiter:

"In Wahrheit hatten wir sehr wohl Fotos gemacht, um die Toten nachträglich identifizieren und zuordnen zu können."

Zwei Versionen zu einer Geschichte. Wohlgethan betont. Die Buch-Version stimme. Zu seinen Widersprüchen wollten wir ihn nochmals interviewen. Für uns jedoch ist er nicht mehr zu erreichen.

Lagebesprechung in der Redaktion. Unser Kronzeuge verstrickt sich in Widersprüche. Aber in einem Punkt ist er klar und eindeutig: Er und sein KCT waren damals im Gefecht. Genau das wird vom Verteidigungsministerium dementiert. Bestätigt wird: Es gab an jenem August-Tag einen Vorfall mit 12 Toten. Also bleibt die Frage. Warum will Achim Wohlgethan auf einmal keine Leichen mehr gesehen haben. Hat er Angst, die ganze Wahrheit zu sagen? Wir legen unsere Fotos einem international renommierten Team von Forensikern vor. Ihre Einschätzung: Es muss ein Gefecht gegeben haben. Doch einige der Opfer wurden nicht während des Gefechts getötet, sondern kurze Zeit später.

Selma Eikelenboom, Independant Forensic Services Rechte: WDR Bild vergrößern

Selma Eikelenboom, Independant Forensic Services

Selma Eikelenboom, Independant Forensic Services (Übersetzung MONITOR): "Da sind keine Schleifspuren. Wir nennen so etwas einen Tatort, an dem noch nichts verfälscht wurde. Wir sehen keine Waffen. Einige Tote haben nicht mal Schuhe an. Wir sehen Schüsse bewusst und gezielt aus der Nähe in den Kopf. Das sieht aus wie ein Tot durch Exekution."

Eine Exekution? Wurden Deutsche und Niederländer Zeugen eines Kriegsverbrechens? Und welche Rolle spielt die Elite-Einheit von Achim Wohlgethan? Wir brauchen Fakten. Und wir suchen noch einmal auf der CD. Und wir finden Bilder, auf denen die Elitesoldaten ihre Ausrüstung fotografiert haben. Besondere Bedeutung hat dieses Foto. Es zeigt eine Sony MVC-FD73. MVC, dieses Kürzel finden wir unter den meisten Aufnahmen, die von den Elitesoldaten gemacht wurden. Und wir finden es unter allen Fotos der Leichen. MONITOR gibt ein Gutachten in Auftrag. Danach ist sicher: Die Aufnahmen der Soldaten und die Fotos der Leichen sind mit demselben Kamera-Typ der Marke Sony aufgenommen. Und mehr noch: Alle untersuchten Bilder weisen denselben Farbquerfehler auf. Für den Gutachter kein Beweis - Aber:

"Ein Indiz dafür, dass es sich um die selbe Kamera handelt."

Niederländischer Hörfunk-Kollege von der Sendung Argos Rechte: WDR Bild vergrößern

Niederländischer Hörfunk-Kollege von der Sendung Argos

War das KCT also doch da? Diese Frage beschäftigt auch Huub Jaspers. Einen niederländischen Hörfunk-Kollegen von der Sendung Argos. Anderthalb Jahre nach Beginn unserer gemeinsamen Recherchen erzielt er einen wichtigen Teilerfolg. Das niederländische Verteidigungsministerium muss mehrere Dokumente freigeben. Jetzt erfahren wir: Der Vorfall wurde damals von Deutschen und Niederländern untersucht, die Ergebnisse geheim gehalten. Wir lernen, die Leichenfotos auf unserer CD waren Bestandteil der Untersuchung. Die Militärpolizei schrieb damals einen Bericht. Das Original ist verschwunden. Uns liegt ein Regierungsdokument vor, das den Bericht zusammenfasst.

"In diesem Bericht wird davon ausgegangen, dass die Toten Kriegsgefangene waren, die, nachdem sie sich ergeben hatten, exekutiert wurden".

Die Sache wurde damals hoch aufgehängt. Der afghanische Präsident Karsai wurde informiert. Der deutsche Befehlshaber der deutsch-niederländischen KCT lässt den Vorfall untersuchen. Unstrittig laut Dokumentenlage: 13 Gefangene sind ausgebrochen. Sie fliehen in die Berge. Afghanische Sicherheitskräfte nehmen ihre Verfolgung auf. Internationale ISAF-Truppen werden alarmiert und auch das KCT. ISAF-Soldaten beobachten aus der Ferne, wie die Flüchtenden von zwei Seiten gestellt werden. 8.05 Uhr - ein kurzes Gefecht. 10 Mann ergeben sich und werden der Reihe nach aufgestellt und exekutiert. Laut Untersuchungsbericht gibt es für die Exekution keine direkten Augenzeugen unter deutschen und niederländischen Soldaten. Deshalb wurde nicht weiter ermittelt. Gekämpft hätten alleine die afghanischen Einheiten. Der Vorfall sei somit allein Sache der Afghanen.

Nach unseren Recherchen könnte es aber auch so gewesen sein. Das KCT ist um 8.05 Uhr mit im Gefecht. Und fotografiert gegen 8.51 Uhr die Leichen. Somit wären die KCT-Soldaten wichtige Augenzeugen eines Kriegsverbrechens.

Bemerkenswert, welche Dokumente bis heute nicht herausgegeben, als geheim eingestuft werden. Diese Liste stammt vom Verteidigungsministerium in Den Haag. Sie zählt alle Dokumente auf, die zum Vorfall gehören. Ganz oben auf der Liste: Der Patrouillenreport 411. 411 - Das ist das Kürzel von Achim Wohlgethans KCT. KCT - In einem anderen Dokument finden wir diese Buchstaben sogar. Fast alles ist geschwärzt. Sichtbar ist die Betreff-Zeile: Fotos - Schietincident en KCT. Fotos - Schussvorfall und KCT.

Lagebesprechung in Den Haag. Wir haben ein Kriegsverbrechen aufgedeckt! Beweise, dass das KCT darin verstrickt ist, haben wir nicht. Aber Hinweise, dass sie Augenzeugen sein könnten. Und das deutsche Verteidigungsministerium? Das sagt uns erst, das KCT habe die Leichen vorgefunden. Dann wird dies zurückgezogen.

Es geht um jene Spezialeinheit, die mit einer Kamera unterwegs war, die zu unseren Fotos passt. Einer Truppe, die an jenem Tag unter deutschem Oberbefehl mit mindestens drei Bundeswehr-Soldaten im Einsatz war.

Letzte Woche, wir fahren wieder nach Den Haag. Wir wollen die niederländische Militärpolizei mit unserer Recherche konfrontieren. Hat sie damals schlampig ermittelt? Wichtige Zeugen nicht verhört? Von der Militärpolizei bekommen wir kein Interview. Stattdessen will die Staatsanwaltschaft mit uns reden.

Johan Klunder, Staatsanwaltschaft Arnheim Rechte: WDR Bild vergrößern

Johan Klunder, Staatsanwaltschaft Arnheim

Johan Klunder, Staatsanwaltschaft Arnheim (Übersetzung MONITOR): "Die Informationen von Argos und MONITOR nehmen wir sehr ernst. Und darum haben wir die Militärpolizei beauftragt zu überprüfen, ob es Anhaltspunkte gibt, diese Informationen zu untermauern."

Ton Heerts, Justizpolitischer Sprecher „Partij van de Arbeid“ (Übersetzung MONITOR): "Und in dieser Untersuchung ist es sehr wichtig, dass die Informationen, die es in Deutschland gibt, einbezogen werden. Die deutsche und die niederländische Justiz müssen zusammenarbeiten. Und auch in Deutschland sollten die Justizbehörden nun tätig werden."

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