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Rückschau
Sendung vom 05.11.2009Monitor Nr. 599 vom
Bericht: Markus Schmidt, Markus Zeidler
Sonia Mikich: "Kundus in Afghanistan im September. Ein deutscher Oberst befiehlt die Bombardierung von zwei von den Taliban entführten Lastwagen, Zivilisten sterben dabei. Bis heute wissen wir nicht, was wirklich passierte. Zeugenaussagen fehlen, Berichte liegen nicht vor, die Wahrheit hat scheinbar viele Schattierungen. Um die Wahrheit bei einem anderen, bislang unbekannten Vorfall in Afghanistan geht es auch im folgenden Film von Markus Schmidt und Markus Zeidler, den sie mit Kollegen der niederländischen Sendung Argos recherchiert haben. Verschwundene Berichte. Geheimgehaltene Berichte. Irreführende Berichte. Stoff für einen investigativen Krimi."
Es begann mit dieser CD, die uns vor über zwei Jahren zugespielt wurde. Auf der CD finden wir Hunderte von Fotos. Wir sehen Bilder von deutschen und niederländischen Soldaten bei gemeinsamen Einsätzen in Afghanistan. Und dann entdecken wir diese Bilder. Bilder von Leichen. Keine Uniformen, keine Waffen. Getötet durch Kopfschüsse. Bilder einer Hinrichtung? Wir fragen uns: Was haben diese Bilder mit den anderen Bildern auf der CD zu tun, mit den Soldaten aus den Niederlanden und Deutschland. Es beginnt eine Recherche, die heute - zwei Jahre später - die Regierung in Den Haag beschäftigt. Nicht nur die Opposition stellt dort bohrende Fragen.
Mariko Peters, GroenLinks und ehem.
Diplomatin in Kabul (Übersetzung MONITOR): "Ich weiß, dass
es sich um eine Exekution in Afghanistan handelt, eine kaltblütige
Erschießung. Ich weiß, dass sie in einer Zeit passiert ist, als
niederländische Soldaten unter deutscher Führung in dem Gebiet
Verantwortung trugen."
Vor zwei Jahren hatten wir nur die CD. Eines der Bilder zeigt einen
Achim. Dieser Mann heißt auch Achim. Achim Wohlgethan. Und er hat -
so erfahren wir von ihm - die gleiche CD wie wir. Heute ist Achim
Wohlgehtan Buchautor. Er hat über seine Zeit als deutscher
Elitesoldat in Afghanistan geschrieben; über seine Zeit bei einer
ganz besondern Einheit, dem KCT. Das sind seltene Archivbilder
eines Kampfeinsatzes dieser Truppe. Das KCT, die niederländische
Eliteeinheit, für besonders heikle Einsätze. Vergleichbar den
Deutschen Kommando-Spezialkräften. Im Jahr 2002 stand dieses KCT in
Afghanistan unter dem Oberbefehl eines deutschen Generals. Etwa 30
Mann, unter ihnen bis zu fünf Bundeswehr-Soldaten, erzählt uns
Wohlgethan. Deutsche Soldaten bei Einsätzen einer niederländischen
Spezial-Einheit. Das niederländische Verteidigungsministerium
bestätigt uns diese Geschichte Wohlgethans. Aber was ist mit diesen
Bildern? Was haben sie mit Wohlgethan und seinem KCT zu tun? Eine
wichtige Spur: Das Aufnahmedatum der Bilder. Angeblich der 7.
August 2002. 7. August 2002? Im seinem Buch berichtet Achim
Wohlgethan von einem Vorfall an genau diesem Tag. Eine Geschichte,
wie er und sein KCT fliehende Banditen verfolgte.
Achim Wohlgethan, 6. Jan. 2008:
"Irgendwann hörten wir mal Schüsse, in der Entfernung. Und sahen
dann halt auch nur, wie vereinzelt Punkte vor uns den Abhang
runterrollten und in einer Senke verschwanden. Uns wurde gesagt,
eigene Leute im Vorfeld. Und mehr ... da müssen noch irgendwo
welche gewesen sein, davon gehe ich aus. Aber gesehen habe ich die
nicht."
Merkwürdig. Ursprünglich hatte Wohlgethan die Geschichte viel
konkreter erzählt. MONITOR liegt die nie veröffentlichte
Vorabversion seines Buches vor. Darin beschreibt Wohlgethan, wie
seine KCT-Truppe eine Gruppe von 12 Flüchtenden südlich von Kabul
in ein Gefecht verwickelt.
"Alle waren tot. (…) Wir trugen die leblosen Körper
zusammen."
Dann - so steht es im nie veröffentlichen Manuskript - sei der CIA
am Ort erschienen. Der CIA-Mann habe gefragt, ob Fotos gemacht
worden seien. Nein, habe man geantwortet. Und dann schreibt
Wohlgethan wörtlich weiter:
"In Wahrheit hatten wir sehr wohl Fotos gemacht, um die Toten
nachträglich identifizieren und zuordnen zu können."
Zwei Versionen zu einer Geschichte. Wohlgethan betont. Die
Buch-Version stimme. Zu seinen Widersprüchen wollten wir ihn
nochmals interviewen. Für uns jedoch ist er nicht mehr zu
erreichen.
Lagebesprechung in der Redaktion. Unser Kronzeuge verstrickt sich in Widersprüche. Aber in einem Punkt ist er klar und eindeutig: Er und sein KCT waren damals im Gefecht. Genau das wird vom Verteidigungsministerium dementiert. Bestätigt wird: Es gab an jenem August-Tag einen Vorfall mit 12 Toten. Also bleibt die Frage. Warum will Achim Wohlgethan auf einmal keine Leichen mehr gesehen haben. Hat er Angst, die ganze Wahrheit zu sagen? Wir legen unsere Fotos einem international renommierten Team von Forensikern vor. Ihre Einschätzung: Es muss ein Gefecht gegeben haben. Doch einige der Opfer wurden nicht während des Gefechts getötet, sondern kurze Zeit später.
Selma Eikelenboom, Independant Forensic
Services (Übersetzung MONITOR): "Da sind keine
Schleifspuren. Wir nennen so etwas einen Tatort, an dem noch nichts
verfälscht wurde. Wir sehen keine Waffen. Einige Tote haben nicht
mal Schuhe an. Wir sehen Schüsse bewusst und gezielt aus der Nähe
in den Kopf. Das sieht aus wie ein Tot durch Exekution."
Eine Exekution? Wurden Deutsche und Niederländer Zeugen eines
Kriegsverbrechens? Und welche Rolle spielt die Elite-Einheit von
Achim Wohlgethan? Wir brauchen Fakten. Und wir suchen noch einmal
auf der CD. Und wir finden Bilder, auf denen die Elitesoldaten ihre
Ausrüstung fotografiert haben. Besondere Bedeutung hat dieses Foto.
Es zeigt eine Sony MVC-FD73. MVC, dieses Kürzel finden wir unter
den meisten Aufnahmen, die von den Elitesoldaten gemacht wurden.
Und wir finden es unter allen Fotos der Leichen. MONITOR gibt ein
Gutachten in Auftrag. Danach ist sicher: Die Aufnahmen der Soldaten
und die Fotos der Leichen sind mit demselben Kamera-Typ der Marke
Sony aufgenommen. Und mehr noch: Alle untersuchten Bilder weisen
denselben Farbquerfehler auf. Für den Gutachter kein Beweis -
Aber:
"Ein Indiz dafür, dass es sich um die selbe Kamera handelt."
War das KCT also doch da? Diese Frage beschäftigt auch Huub
Jaspers. Einen niederländischen Hörfunk-Kollegen von der Sendung
Argos. Anderthalb Jahre nach Beginn unserer gemeinsamen Recherchen
erzielt er einen wichtigen Teilerfolg. Das niederländische
Verteidigungsministerium muss mehrere Dokumente freigeben. Jetzt
erfahren wir: Der Vorfall wurde damals von Deutschen und
Niederländern untersucht, die Ergebnisse geheim gehalten. Wir
lernen, die Leichenfotos auf unserer CD waren Bestandteil der
Untersuchung. Die Militärpolizei schrieb damals einen Bericht. Das
Original ist verschwunden. Uns liegt ein Regierungsdokument vor,
das den Bericht zusammenfasst.
"In diesem Bericht wird davon ausgegangen, dass die Toten
Kriegsgefangene waren, die, nachdem sie sich ergeben hatten,
exekutiert wurden".
Die Sache wurde damals hoch aufgehängt. Der afghanische Präsident
Karsai wurde informiert. Der deutsche Befehlshaber der
deutsch-niederländischen KCT lässt den Vorfall untersuchen.
Unstrittig laut Dokumentenlage: 13 Gefangene sind ausgebrochen. Sie
fliehen in die Berge. Afghanische Sicherheitskräfte nehmen ihre
Verfolgung auf. Internationale ISAF-Truppen werden alarmiert und
auch das KCT. ISAF-Soldaten beobachten aus der Ferne, wie die
Flüchtenden von zwei Seiten gestellt werden. 8.05 Uhr - ein kurzes
Gefecht. 10 Mann ergeben sich und werden der Reihe nach aufgestellt
und exekutiert. Laut Untersuchungsbericht gibt es für die Exekution
keine direkten Augenzeugen unter deutschen und niederländischen
Soldaten. Deshalb wurde nicht weiter ermittelt. Gekämpft hätten
alleine die afghanischen Einheiten. Der Vorfall sei somit allein
Sache der Afghanen.
Nach unseren Recherchen könnte es aber auch so gewesen sein. Das
KCT ist um 8.05 Uhr mit im Gefecht. Und fotografiert gegen 8.51 Uhr
die Leichen. Somit wären die KCT-Soldaten wichtige Augenzeugen
eines Kriegsverbrechens.
Bemerkenswert, welche Dokumente bis heute nicht herausgegeben,
als geheim eingestuft werden. Diese Liste stammt vom
Verteidigungsministerium in Den Haag. Sie zählt alle Dokumente auf,
die zum Vorfall gehören. Ganz oben auf der Liste: Der
Patrouillenreport 411. 411 - Das ist das Kürzel von Achim
Wohlgethans KCT. KCT - In einem anderen Dokument finden wir diese
Buchstaben sogar. Fast alles ist geschwärzt. Sichtbar ist die
Betreff-Zeile: Fotos - Schietincident en KCT. Fotos - Schussvorfall
und KCT.
Lagebesprechung in Den Haag. Wir haben ein Kriegsverbrechen
aufgedeckt! Beweise, dass das KCT darin verstrickt ist, haben wir
nicht. Aber Hinweise, dass sie Augenzeugen sein könnten. Und das
deutsche Verteidigungsministerium? Das sagt uns erst, das KCT habe
die Leichen vorgefunden. Dann wird dies zurückgezogen.
Es geht um jene Spezialeinheit, die mit einer Kamera unterwegs
war, die zu unseren Fotos passt. Einer Truppe, die an jenem Tag
unter deutschem Oberbefehl mit mindestens drei Bundeswehr-Soldaten
im Einsatz war.
Letzte Woche, wir fahren wieder nach Den Haag. Wir wollen die
niederländische Militärpolizei mit unserer Recherche konfrontieren.
Hat sie damals schlampig ermittelt? Wichtige Zeugen nicht verhört?
Von der Militärpolizei bekommen wir kein Interview. Stattdessen
will die Staatsanwaltschaft mit uns reden.
Johan Klunder, Staatsanwaltschaft Arnheim
(Übersetzung MONITOR): "Die Informationen von Argos und
MONITOR nehmen wir sehr ernst. Und darum haben wir die
Militärpolizei beauftragt zu überprüfen, ob es Anhaltspunkte gibt,
diese Informationen zu untermauern."
Ton Heerts, Justizpolitischer Sprecher
„Partij van de Arbeid“ (Übersetzung MONITOR): "Und in dieser
Untersuchung ist es sehr wichtig, dass die Informationen, die es in
Deutschland gibt, einbezogen werden. Die deutsche und die
niederländische Justiz müssen zusammenarbeiten. Und auch in
Deutschland sollten die Justizbehörden nun tätig werden."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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