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Rückschau
Sendung vom 24.09.2009Monitor Nr. 598 vom
Bericht: Georg Restle, Jan Schmitt, Markus Gürne
Sonia Mikich: "Im Dezember
entscheidet das neue Parlament über den Afghanistan-Einsatz der
Bundeswehr. Was genau wollen wir weiterhin am Hindukusch? Die
Antwortfloskel ist ja bis heute: den Krieg gegen die Taliban
gewinnen, um eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Viele Tote kostet
das."
"2.118 Zivilisten starben letztes Jahr in Afghanistan. So viele wie
noch nie seit Beginn des Krieges." Was wollen die Afghanen selbst?
Diese Frage richten wir nicht - wie sonst oft - an Machthaber oder
Nutznießer des Krieges. Georg Restle, Jan Schmitt und Markus Gürne
finden Antworten in der "Zivilgesellschaft". Um die es uns ja
angeblich geht und für die Soldaten und Zivilisten sterben."
Es ist ein Fest des Friedens und der Versöhnung. Am Sonntag
feierten hunderte Afghanen das Ende des Fastenmonats Ramadan, unter
ihnen Ärzte, Journalisten, Rechtsanwälte. Nein, dies ist nicht
Kabul, sondern Hürth bei Köln. Sie leben in Deutschland und fühlen
mit ihren Familien in Afghanistan. Täglich verfolgen sie die
Nachrichten und zweifeln am Sinn eines blutiger werdenden
Militäreinsatzes.
Fatima Wardak: "Am Anfang war es
nicht so, aber es wird immer mehr als Besatzung gesehen. Weil eben
viel passiert. Also dadurch, dass eben viele zivile Opfer zu
Schaden kommen durch Bombardements, oder wie auch immer. Dass die
Menschen, die Leute immer mehr ... also die Präsenz der Truppen
immer mehr als Besatzung sieht, und nicht mehr so als Helfer. Weil
eben diese Hilfe konkret nicht ankommt bei dem Einzelnen."
Yama Said: "Die Präsenz der
deutschen Truppen, der internationalen Truppen, die führt einfach
dazu, dass Angst und Schrecken verbreitet wird. Anstatt das
unterstützt wird. Und somit darf man womöglich auch davon ausgehen,
dass der Zulauf zu den Taliban von Tag zu Tag immer größer
wird."
Kanishka Wiar: "Im Grunde genommen
ist es so, dass die Menschen zwischen den Taliban und zwischen der
internationalen Gemeinschaft stehen und von beiden Seiten bedroht
werden."
Diese Bilder sind es, über die sie diskutieren. Der Angriff auf
die beiden Tanklaster in der Nähe von Kunduz, befohlen von einem
Oberst der deutschen Bundeswehr. Mindestens 30 Zivilisten
verbrannten hier am 4. September, Frauen, Kinder. Opfer, wie diese,
die vom deutschen Verteidigungsminister tagelang verschwiegen
wurden.
Verbranntes Kind im Krankenhaus
(Übersetzung MONITOR): "Wir wollten doch nur Benzin holen.
Ich hatte noch kein Benzin in den Kanister getan. Als ich es
einfüllen wollte, stand ich ganz in der Nähe. Und dann sind wir im
Feuer verbrannt."
Auch in Kabul ging letzte Woche der Ramadan zu Ende. Die
Menschen hier haben die Bilder von Kunduz gesehen. Wir treffen uns
mit einem Arzt, der sich für den zivilen Wiederaufbau Afghanistans
einsetzt und die Arbeit von Hilfsorganisationen koordiniert.
Khushal Rohi, Koordinator afgh.
Nichtregierungsorganisationen (Übersetzung MONITOR): "In
Kunduz haben die Menschen zum ersten Mal wahrgenommen, dass
Deutschland bei einem Bombardement beteiligt war. Bis dahin wurden
die Deutschen in den Herzen und Köpfen der Afghanen immer als gute
Freunde betrachtet. Aber dieses Ereignis hat das Bild, das wir
Afghanen von Deutschland hatten, sehr negativ verändert."
Stimmen aus der afghanischen Mittelschicht. Wenn man von so etwas
hier überhaupt reden kann. Auch Sanjar Sohail lebt in Kabul. Er ist
Herausgeber und Chefredakteur einer afghanischen Tageszeitung.
Sanjar Sohail, Chefredakteur "Haschte Sobh" (Übersetzung MONITOR): "Von 2002 bis heute hat sich die Sicherheitslage immer weiter verschlechtert. Und das kommt daher, dass niemand über eine klare, hilfreiche und wirkungsvolle Strategie für Afghanistan nachdenkt."
Eine neue Strategie für Afghanistan? Die Bundeswehr fordert
jetzt mehr schweres Gerät und mindestens eine neue
Infanteriekompanie, weil ansonsten - Zitat - "eine Lageverbesserung
nicht zu erreichen" sei. Es klingt weniger nach Strategie als nach
einer Kapitulation vor der Gewalt der Taliban. Auch dieser Mann
fordert mehr internationale Truppen ins Kriegsgebiet. General
Stanley McChrystal, Kommandeur der ISAF-Truppe hat jetzt seine neue
Strategie für Afghanistan vorgestellt. In seinem vertraulichen Bericht an den US-Präsidenten (PDF) fordert er
einen drastischen Kurswechsel.
"Wir müssen die Dinge radikal verändern, selbst wenn es unbequem
wird."
Konkret heißt das:
"Aufstockung aller Koalitionstruppen."
Das Ziel: Flexiblere Bodentruppen, um zivile Opfer zu vermeiden
und die afghanische Armee zu unterstützen. Weniger Opfer durch mehr
Militär? Zumindest in der Vergangenheit ging diese Rechnung nicht
auf. Die Zahlen zeigen: Während die Stärke der internationalen
Truppen in den letzten Jahren auf über 60.000 anwuchs, stieg auch
die Zahl der zivilen Opfer durch Gefechte und Anschläge dramatisch
an: Offiziell auf weit über 2.000 allein im Jahr 2008. Dieses Jahr
voraussichtlich sogar noch mehr. Geht es nach General Mc Chrystal,
würde sich der Afghanistan-Einsatz auch für die Bundeswehr radikal
verändern. Unter amerikanischem Oberbefehl müssten deutsche
Soldaten dann nicht nur im Norden, sondern auch im Süden und Osten
des Landes kämpfen, mitten in den am schwersten umkämpften
Gebieten. Sollte sich der US-General mit seinen Vorstellungen
durchsetzen, wäre es wohl endgültig vorbei mit dem Mythos vom
„Aufbauhelfer Bundeswehr“. In Afghanistan denken die Menschen jetzt
über ganz andere, neue Lösungen nach.
Khushal Rohi, Koordinator afgh.
Nichtregierungsorganisationen (Übersetzung MONITOR): "Es
wäre auch möglich, Soldaten aus anderen islamischen Ländern zur
Friedenssicherung nach Afghanistan zu holen. Sie könnten zunächst
die NATO-Truppen unterstützen. Und später, falls es dann zu Unruhen
kommt, die NATO Truppen ganz ersetzen."
Zurück in Hürth. Einige hier sind deutsche Staatsbürger und werden
am Sonntag zur Wahl gehen. Und sie hoffen auf einen schnellen
Rückzug, auch der deutschen Truppen aus einem Land, das seit
Jahrzehnten nur Krieg und Gewalt kennt.
Sonia Mikich: "Auf unsere Anfrage wollte sich das Verteidigungsministerium noch nicht zum Strategiepapier von General McChrystal äußern. Klar, ist ja auch vor dem Wahlsonntag."
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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