10.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

Nr. 598

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Monitor Nr. 598 vom

Afghanistan

Auf zum letzten Gefecht?



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Bericht: Georg Restle, Jan Schmitt, Markus Gürne

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Grafik Vereinte Nationen

Sonia Mikich: "Im Dezember entscheidet das neue Parlament über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Was genau wollen wir weiterhin am Hindukusch? Die Antwortfloskel ist ja bis heute: den Krieg gegen die Taliban gewinnen, um eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Viele Tote kostet das."

"2.118 Zivilisten starben letztes Jahr in Afghanistan. So viele wie noch nie seit Beginn des Krieges." Was wollen die Afghanen selbst? Diese Frage richten wir nicht - wie sonst oft - an Machthaber oder Nutznießer des Krieges. Georg Restle, Jan Schmitt und Markus Gürne finden Antworten in der "Zivilgesellschaft". Um die es uns ja angeblich geht und für die Soldaten und Zivilisten sterben."

Fatima Wardak Rechte: WDR Bild vergrößern

Fatima Wardak

Es ist ein Fest des Friedens und der Versöhnung. Am Sonntag feierten hunderte Afghanen das Ende des Fastenmonats Ramadan, unter ihnen Ärzte, Journalisten, Rechtsanwälte. Nein, dies ist nicht Kabul, sondern Hürth bei Köln. Sie leben in Deutschland und fühlen mit ihren Familien in Afghanistan. Täglich verfolgen sie die Nachrichten und zweifeln am Sinn eines blutiger werdenden Militäreinsatzes.

Fatima Wardak: "Am Anfang war es nicht so, aber es wird immer mehr als Besatzung gesehen. Weil eben viel passiert. Also dadurch, dass eben viele zivile Opfer zu Schaden kommen durch Bombardements, oder wie auch immer. Dass die Menschen, die Leute immer mehr ... also die Präsenz der Truppen immer mehr als Besatzung sieht, und nicht mehr so als Helfer. Weil eben diese Hilfe konkret nicht ankommt bei dem Einzelnen."

Kanishka Wiar Rechte: WDR Bild vergrößern

Kanishka Wiar

Yama Said: "Die Präsenz der deutschen Truppen, der internationalen Truppen, die führt einfach dazu, dass Angst und Schrecken verbreitet wird. Anstatt das unterstützt wird. Und somit darf man womöglich auch davon ausgehen, dass der Zulauf zu den Taliban von Tag zu Tag immer größer wird."

Kanishka Wiar: "Im Grunde genommen ist es so, dass die Menschen zwischen den Taliban und zwischen der internationalen Gemeinschaft stehen und von beiden Seiten bedroht werden."

Männer tragen einen Toten davon Rechte: WDR Bild vergrößern

Angriff auf die beiden Tanklaster in der Nähe von Kunduz

Diese Bilder sind es, über die sie diskutieren. Der Angriff auf die beiden Tanklaster in der Nähe von Kunduz, befohlen von einem Oberst der deutschen Bundeswehr. Mindestens 30 Zivilisten verbrannten hier am 4. September, Frauen, Kinder. Opfer, wie diese, die vom deutschen Verteidigungsminister tagelang verschwiegen wurden.

Verbranntes Kind im Krankenhaus (Übersetzung MONITOR): "Wir wollten doch nur Benzin holen. Ich hatte noch kein Benzin in den Kanister getan. Als ich es einfüllen wollte, stand ich ganz in der Nähe. Und dann sind wir im Feuer verbrannt."

Khushal Rohi Rechte: WDR Bild vergrößern

Khushal Rohi

Auch in Kabul ging letzte Woche der Ramadan zu Ende. Die Menschen hier haben die Bilder von Kunduz gesehen. Wir treffen uns mit einem Arzt, der sich für den zivilen Wiederaufbau Afghanistans einsetzt und die Arbeit von Hilfsorganisationen koordiniert.

Khushal Rohi, Koordinator afgh. Nichtregierungsorganisationen (Übersetzung MONITOR): "In Kunduz haben die Menschen zum ersten Mal wahrgenommen, dass Deutschland bei einem Bombardement beteiligt war. Bis dahin wurden die Deutschen in den Herzen und Köpfen der Afghanen immer als gute Freunde betrachtet. Aber dieses Ereignis hat das Bild, das wir Afghanen von Deutschland hatten, sehr negativ verändert."

Stimmen aus der afghanischen Mittelschicht. Wenn man von so etwas hier überhaupt reden kann. Auch Sanjar Sohail lebt in Kabul. Er ist Herausgeber und Chefredakteur einer afghanischen Tageszeitung.

Sanjar Sohail Rechte: WDR Bild vergrößern

Sanjar Sohail

Sanjar Sohail, Chefredakteur "Haschte Sobh" (Übersetzung MONITOR): "Von 2002 bis heute hat sich die Sicherheitslage immer weiter verschlechtert. Und das kommt daher, dass niemand über eine klare, hilfreiche und wirkungsvolle Strategie für Afghanistan nachdenkt."

General Stanley McChrystal, Kommandeur der ISAF-Truppe Rechte: WDR Bild vergrößern

General Stanley McChrystal, Kommandeur der ISAF-Truppe

Eine neue Strategie für Afghanistan? Die Bundeswehr fordert jetzt mehr schweres Gerät und mindestens eine neue Infanteriekompanie, weil ansonsten - Zitat - "eine Lageverbesserung nicht zu erreichen" sei. Es klingt weniger nach Strategie als nach einer Kapitulation vor der Gewalt der Taliban. Auch dieser Mann fordert mehr internationale Truppen ins Kriegsgebiet. General Stanley McChrystal, Kommandeur der ISAF-Truppe hat jetzt seine neue Strategie für Afghanistan vorgestellt. In seinem vertraulichen Bericht an den US-Präsidenten (PDF) fordert er einen drastischen Kurswechsel.

"Wir müssen die Dinge radikal verändern, selbst wenn es unbequem wird."

Konkret heißt das:

"Aufstockung aller Koalitionstruppen."

Das Ziel: Flexiblere Bodentruppen, um zivile Opfer zu vermeiden und die afghanische Armee zu unterstützen. Weniger Opfer durch mehr Militär? Zumindest in der Vergangenheit ging diese Rechnung nicht auf. Die Zahlen zeigen: Während die Stärke der internationalen Truppen in den letzten Jahren auf über 60.000 anwuchs, stieg auch die Zahl der zivilen Opfer durch Gefechte und Anschläge dramatisch an: Offiziell auf weit über 2.000 allein im Jahr 2008. Dieses Jahr voraussichtlich sogar noch mehr. Geht es nach General Mc Chrystal, würde sich der Afghanistan-Einsatz auch für die Bundeswehr radikal verändern. Unter amerikanischem Oberbefehl müssten deutsche Soldaten dann nicht nur im Norden, sondern auch im Süden und Osten des Landes kämpfen, mitten in den am schwersten umkämpften Gebieten. Sollte sich der US-General mit seinen Vorstellungen durchsetzen, wäre es wohl endgültig vorbei mit dem Mythos vom „Aufbauhelfer Bundeswehr“. In Afghanistan denken die Menschen jetzt über ganz andere, neue Lösungen nach.

Khushal Rohi Rechte: WDR Bild vergrößern

Khushal Rohi

Khushal Rohi, Koordinator afgh. Nichtregierungsorganisationen (Übersetzung MONITOR): "Es wäre auch möglich, Soldaten aus anderen islamischen Ländern zur Friedenssicherung nach Afghanistan zu holen. Sie könnten zunächst die NATO-Truppen unterstützen. Und später, falls es dann zu Unruhen kommt, die NATO Truppen ganz ersetzen."

Zurück in Hürth. Einige hier sind deutsche Staatsbürger und werden am Sonntag zur Wahl gehen. Und sie hoffen auf einen schnellen Rückzug, auch der deutschen Truppen aus einem Land, das seit Jahrzehnten nur Krieg und Gewalt kennt.

Sonia Mikich: "Auf unsere Anfrage wollte sich das Verteidigungsministerium noch nicht zum Strategiepapier von General McChrystal äußern. Klar, ist ja auch vor dem Wahlsonntag."

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 631

    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • BLOG!

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    Wulff - Soap, nicht Krise
    Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben." [mitbloggen]

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