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Rückschau
Sendung vom 02.07.2009Monitor Nr. 595 vom
Bericht: Gabi Probst, Monika Wagener
Sonia Mikich: "Wie fühlt sich ein Stasi-Opfer, wenn es fast 20 Jahre nach der Wende seinen ehemaligen Peiniger wieder trifft - in einer bundesdeutschen Polizeiuniform? Hauptamtliche Stasi-Offiziere - also keine kleinen Leuchten und keine gewöhnlichen Spitzel, sondern ehemalige aktive eines Unterdrückungsapparates - sie arbeiten in großer Zahl im Landeskriminalamt Brandenburg, haben Karriere gemacht. Auch in sensiblen Bereichen wie Terrorbekämpfung, Spionage, Abwehr von Rechtsradikalen. Da wünscht man sich eine felsenfeste demokratische Haltung. Gabi Propst und Monika Wagener haben recherchiert, ob danach gefragt wurde."
Es war ihr ein Anliegen. Angela Merkel vor wenigen Wochen im
ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Wer hier einsaß, den
hatte die Stasi erwischt, als er das Regime kritisiert hatte oder
weil er die DDR verlassen wollte. Man dürfe nie vergessen, sagt die
Bundeskanzlerin, dass die DDR ein
Unrechtsregime war. Dann lässt sie einen Kranz niederlegen für die
Opfer der Gewaltherrschaft.
Angela Merkel, Bundeskanzlerin (am 5. Mai
2009): "Es ist ganz, ganz wichtig, auch in dem Maße, wie die
Zeit in der DDR ja Geschichte wird, dass wir dieses Kapitel der
DDR-Diktatur nicht ausblenden, nicht vergessen."
Nicht vergessen, nicht ausblenden. In Brandenburgs Polizei geht
man mit der DDR-Vergangenheit etwas anders um. Hunderte
hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit
wurden nach der Wende in den Polizeidienst übernommen, in der Regel
ohne genaue Prüfung ihrer Stasi-Vergangenheit. Die Bilder
sind vielen noch gut in Erinnerung. Mitarbeiter der
Staatssicherheit drangsalieren Andersdenkende. Und nun erfahren die
Opfer, dass so mancher Handlanger der Diktatur nahtlos zum Freund
und Helfer in der Demokratie wurde.
Prof. Klaus Schröder, Forschungsverbund
SED,
FU Berlin: "Das liegt daran, dass viele West-Beamte, die
nach 1990 in die neuen Länder kamen, dass denen vorgegaukelt wurde,
hier wurde Kriminalarbeit wie anderswo auch getan, was natürlich
völliger Quatsch ist. Diese Leute haben Prozesse gegen politisch
Andersdenkende vorbereitet, haben sie inszeniert, haben den ganzen
Ablauf dieser Prozesse vorbereitet. Die Justiz war sozusagen nur
verlängerter Arm der Stasi, wie generell die Stasi ganz andere
Funktionen hatte als ein Geheimdienst in einem demokratischen Land,
das vergisst man immer."
Rückblende. September 1986, die DDR wird es nur
noch drei Jahre geben. Ein junger Mann fährt in Potsdam zu einer
Straßenbahnhaltestelle und kritzelt "staatsfeindliche" Parolen auf
die Fahrpläne: "Raketen raus. Volk befragen", schreibt er. "Peace
please" und "Ich bin sauer auf die Mauer". Später wird er für seine
Kritzeleien zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt.
Die Ermittlungen geführt hat zu DDR-Zeiten dieser Oberleutnant der
Staatssicherheit. Er verfasst auch die "politische und
strafrechtliche Einschätzung" des Delinquenten. Heute arbeitet der
Stasi-Mann hier: bei der Kriminalpolizei Potsdam - im gehobenen
Dienst. Kein Einzelfall. Auf Anfrage von MONITOR bestätigt das
Innenministerium, dass auch im Landeskriminalamt Brandenburg 58
Beamte arbeiten, die früher hauptamtlich bei der Stasi waren. Nach
MONITOR-Recherchen sind es noch mehr. Das aber findet nur heraus,
wer akribisch die Gehaltsliste der Stasi vergleicht mit der Liste
der heutigen LKA-Beamten. Danach gibt es mehr als einhundert
LKA-Beamte,
die früher hauptamtlich für die Stasi gearbeitet haben. Mindestens
13 von ihnen sind im LKA inzwischen Dezernatsleiter, neun sind
sogar als Staatsschutz-Beamte tätig. Polizeigewerkschafter finden
das mehr als problematisch.
Rainer Wendt, Deutsche
Polizeigewerkschaft (DPolG): "Das
Landeskriminalamt ist eine Landesoberbehörde, die in den Bereichen
Staatsschutz von überregionaler Bedeutung und auch in den Bereichen
organisierter Kriminalität ermittelt. Dort gibt es viele
Schnittstellen zur Spionage, aber auch zur Vorbereitung
terroristischen Aktivitäten. Hier brauchen wir Ermittlungskräfte,
die überhaupt keinen Zweifel an ihrer rechtsstaatlichen Gesinnung
lassen."
Zweifel an so mancher rechtsstaatlichen Gesinnung gibt es auch in
den eigenen Reihen. Aus Angst vor Repressalien will sich dieser
Kriminalbeamte aber nur verdeckt äußern. Er erzählt von einem
starken Corpsgeist unter ehemaligen Stasi-Leuten im
Landeskriminalamt. Wer das kritisiere, dem werde mit Konsequenzen
gedroht.
Insider: "Auffällig ist die
Konzentration von ehemaligen Stasi-Leuten in den einzelnen
Abteilungen des LKA. Man kann sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass einer den anderen hinterher zieht.
Man kann auch von Seilschaften sprechen, wo auch Druck auf
Mitarbeiter ausgeübt werden kann."
Dass ehemalige Stasi-Offiziere heute im LKA
sogar politische Delikte bearbeiten, stört ihren obersten
Dienstherrn offenbar nicht. Brandenburgs Innenminister Jörg
Schönbohm verweist auf die Überprüfungen der vergangenen Jahre, die
hätten ausgereicht. Im Übrigen seien viele der Stasi-Offiziere noch
jung gewesen.
Jörg Schönbohm, Innenminister
Brandenburg: "Es kann auch sein, dass MfS-Angehörige
30 Leute führen, natürlich. Die sind überprüft worden und dann sind
sie Beamte des Landes Brandenburg, und mit allen Rechten und allen
Pflichten. Und wenn die arglistig getäuscht haben, werden sie
entlassen."
Arglistige Täuschung oder Desinteresse der Politik? Das Problem
ist doch, dass man offenbar nicht wirklich in die Akten geschaut
hat. Wie sonst konnte dieser Stasi-Leutnant, der unter anderem in
der Elite-Abteilung IX gearbeitet hat, im LKA Karriere machen?
MONITOR fand seine Akte in der STASI-Unterlagenbehörde. Aus seinem
Vorgangsheft geht hervor: Als Führungsoffizier führte er viele
IMs,
also Spitzel und war mitverantwortlich, dass Menschen ins Gefängnis
mussten, wie bei der Stasi-Operation "Fiber", nur weil sie die DDR
verlassen wollten. Und auch dieser Mann arbeitet heute im LKA als
Dezernatsleiter. Er war Vernehmer, auch in der Abteilung IX der
Stasi, der Abteilung, die die Prozesse für die politischen
Häftlinge inszenierte. Tausende dieser Vernehmerprotokolle lagern
in der Stasi-Unterlagenbehörde. Auch Berichte über die Schicksale
der Opfer. Dass Stasi-Vernehmer aus der Abteilung IX heute im
LKA
Dezernate leiten, kann man hier kaum glauben.
Roger Engelmann, Forschungsprojektleiter
Stasi-Unterlagenbehörde, Berlin: "Ja, also ich habe es
bisher für nicht möglich gehalten, dass ehemalige
Untersuchungsführer des MfS heute in ähnlichen Funktionen, also
etwa im Polizeidienst, tätig sein könnten. Ich dachte, die seien
rechtzeitig herausgesiebt worden. Ich bin der Ansicht, dass jemand,
der Untersuchungsführer im MfS war, sich für eine Tätigkeit im
demokratischen Staat, im Polizeidienst des demokratischen Staates
vollkommen disqualifiziert hat, sowohl politisch als auch
moralisch."
Rainer Wendt, Deutsche Polizeigewerkschaft
(DPolG): "Es
war niemand verpflichtet, für die Staatssicherheit zu arbeiten. Es
gibt viele auch positive Beispiele, wo sich Leute verweigert haben.
Aber wer freiwillig dort mitgemacht hat und seine Mitbürgerinnen
und Mitbürger drangsaliert hat, der hat so viele charakterliche
Mängel, er ist eben in Führungsfunktion und in
sicherheitsrelevanten Bereichen völlig falsch aufgehoben."
"Völlig falsch aufgehoben" sind diese Stasi-Leute wohl auch bei
ihr. Angela Merkel weiß wahrscheinlich nicht, wer unter ihrem
Parteifreund Schönbohm in der Brandenburger Polizei verantwortlich
ist für die Bewachung ihres Wochenendhauses - und das 24 Stunden.
Verantwortlich dafür ist der "Schutzbereich Uckermark". Pikant:
Auch hier gibt es zwei ehemalige Stasi-Offiziere in
Leitungsfunktionen. Einer war jahrelang in der Stasi-Abteilung III,
die war unter anderem zuständig für das Abhören von
Telefongesprächen aus dem Westen.
Sonia Mikich: "Na dann, Frau Merkel, ein schönes und beschütztes Wochenende!"
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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