Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Rückschau
Sendung vom 11.06.2009Monitor Nr. 594 vom
Bericht: Isabel Schayani, Georg Wellmann, Georg Restle
Sonia Mikich: "Sie konnten schlichtweg die üppigen Mieten für die Kaufhäuser nicht mehr zahlen, die Arcandor-Manager. Und auch deswegen ist Karstadt pleite und auch deswegen zittern Zehntausende, wie viele Arbeitsplätze unbeschadet von der Insolvenz bleiben. Über diese horrenden Mietschulden - insgesamt 3,6 Milliarden bis jetzt - hörte man hier und da einen Satz, wir wollten es präziser wissen. Und zeigen Ihnen, wie sich Manager und Investoren bei umstrittenen Immobiliengeschäften miteinander verbandelt und gute, teure Geschäfte gemacht haben. Georg Wellmann, Georg Restle und Isabel Schayani haben Einsicht genommen in interne Dokumente. Hier ihre Ergebnisse."
Werbevideo: Bilder aus den seligen Zeiten vor
der Insolvenz. Luxus, Lifestyle, Lebenslaune.
Erst letztes Jahr eröffnete Karstadt seine frisch sanierte
Nobel-Filiale in München. Die gutgelaunten Firmenbosse feierten
damit auch den Abschluss eines Deals, der Karstadt teuer zu stehen
kommen sollte. Mit eingefädelt hatte ihn dieser Mann: Josef Esch,
der vom Maurermeister zum umstrittenen Immobilienmogul aufgestiegen
ist. Der Geschäftsmann ist eng verbunden mit der vornehmen
Privatbank Oppenheim, eine der beiden Haupteigentümerinnen von
Arcandor. Esch managt die sogenannten Oppenheim-Esch-Fonds, immer
auf der Suche nach lukrativen Immobilien für vermögende Kunden. Für
Karstadt war Wolfgang Urban an den Geschäften mit den
Oppenheim-Esch-Fonds beteiligt: Bis 2004 Vorstandsvorsitzender -
und bestens bekannt mit Josef Esch. Als Privatmann hatte er Geld
bei Oppenheim-Esch angelegt. Und Josef Esch ist sogar der Vermieter
von Urbans Privatvilla bei Köln. Karstadt wollte mit Hilfe von Esch
groß ins Immobiliengeschäft einsteigen - und dafür verkaufte
Karstadt fünf seiner Häuser an die Fonds von Oppenheim und Esch, um
sie dann wieder zurück zu mieten. Es ging um Häuser in besten
Innenstadtlagen, in Potsdam, München, Wiesbaden, Karlsruhe und
Leipzig. Geschäfte zu bemerkenswerten Konditionen. Wie hier in
Leipzig, wo sich Karstadt sein Kaufhaus von Oppenheim-Esch
"luxus-sanieren" ließ. Schöner shoppen auf vier Etagen.
Sylvia Jahnel, Verkäuferin: "Also
das schönste Haus am Platz, das ist das Wichtigste, das Neueste.
Mit einem superschönen Springbrunnen, der alle halbe Stunde angeht.
Ansonsten gibts alles, was das Herz begehrt."
Einen wahren Konsumtempel ließ Oppenheim-Esch für den künftigen
Mieter Karstadt bauen. Dafür investierte der von Esch gemanagte
Immobilienfonds über 120 Millionen Euro - gemäß Investitionsplan.
Damals ein gutes Geschäft für Oppenheim-Esch. Denn laut
Kaufvertrag, der MONITOR exklusiv vorliegt, hatte der Fonds das
Haus von Karstadt für gerade mal 10,4 Millionen Euro gekauft. Ein
Preis, der sogar unter dem äußerst niedrig angesetzten Buchwert des
Objektes lag, wie Experten festgestellt haben.
Prof. Klaus Feinen,
Immobilienexperte: "Wenn ich unter Buchwert ein Objekt an
einen Investor abgebe, wo ich dann später als Rückmieter sozusagen
mich wieder einbinde, dann gehe ich doch davon aus, dass ich diesen
Vorteil auch einer günstigeren Miete wieder realisiere."
Reporter: "Und ist das hier der
Fall?"
Prof. Klaus Feinen,
Immobilienexperte: "Das scheint hier, augenscheinlich, nach
den von Ihnen mir vorgestellten Zahlen nicht der Fall zu sein.
Sondern eher das Gegenteil."
Tatsächlich wurden in Leipzig üppige Mieten vereinbart. 11,3
Millionen im Jahr. Laufzeit 20 Jahre mit steigenden Mieten. Doch
warum zahlte Karstadt so viel, obwohl das Haus zuvor auffällig
günstig verkauft wurde? Eine Erklärung ist: Nicht nur die teure
Sanierung ließ den Mietzins nach oben schnellen. Im internen
Investitionsplan, der MONITOR vorliegt, tauchen zusätzlich noch
eine ganze Reihe sogenannter "weicher Kosten" auf. Insgesamt über
40 Millionen Euro. Darunter Millionen für die Geschäftsführung von
Josef Esch. Außerdem: "Weiche Kosten" für die Mietervermittlung.
Das verwundert. Schließlich stand Karstadt als Mieter von Anfang an
fest. Am Ende summierten sich die Investitionskosten auf über 180
Millionen Euro. Was sagen Experten dazu?
Prof. Klaus Feinen,
Immobilienexperte: "44 Millionen weiche Kosten, die nicht
durch einen realen Aufwand begründbar sind, verteuern die
Gesamtprojektkosten um 25 Prozent unnötig. Und erhöhen damit
natürlich auch unnötigerweise die darauf basierenden zukünftigen
Mietbelastungen für die Karstadt AG."
Und diese Mietbelastungen hatten es in sich. So fraß die Miete in
Leipzig insgesamt mindestens 16,5 Prozent des Umsatzes auf. Mehr
als doppelt soviel wie üblicherweise, meinen Experten.
Prof. Klaus Feinen, Immobilienexperte: "Bei Warenhäusern
entscheidend abhängig vom Standort sind Mieten bezogen auf den
Bruttoumsatz von fünf bis acht Prozent denkbar und auch noch so
kalkulierbar, dass das Warenhaus profitabel arbeiten kann. Aber für
Leipzig eine Mietbelastung von 16,5 Prozent auf den Umsatz halte
ich nicht für rentabel. Dieses Warenhaus kann bei dieser Belastung
aus meiner Bewertung niemals schwarze Zahlen erwirtschaften."
Teure Mieten durch aufgeblähte Kosten? Josef Esch will sich uns
gegenüber nicht zu den Karstadt-Deals äußern, weder schriftlich
noch vor der Kamera. Ex-Karstadt-Vorstand Urban antwortet, es hätte
sich beim Kaufpreis um den Verkehrswert gehandelt, und die Mieten
entsprächen bei allen fünf Objekten den Marktmieten. Und Arcandor
erklärt uns, man habe durch die höheren Miete eigene Investitionen
einsparen können. Eigenartig ist das schon, denn bereits 2004
warnte Karstadt-Quelle selbst in einem Verkaufsprospekt für
Aktionäre vor den Folgen der hohen Mietzinsen. Darin heißt
es:
Zitat: "Gleichwohl ist bereits derzeit absehbar,
dass aus den langfristigen Mietverpflichtungen nicht unerhebliche
Risiken resultieren."
Insgesamt rechnete selbst Karstadt mit drohenden Verlusten allein
durch die Mietzinsen in Höhe von 125,7 Millionen Euro.
2004 betrat ein neuer Mann die Bühne: Thomas Middelhoff wurde Top-Manager bei Karstadt-Quelle. Von den zweifelhaften Immobiliendeals erfuhr Middelhoff durch ein internes Gutachten. Darin wird gerügt, dass weder die Kaufpreisfestsetzung noch Teile der so genannten weichen Kosten nachvollziehbar seien. Außerdem standen Forderungen von Karstadt gegen Josef Esch in dreistelliger Millionenhöhe im Raum. Doch Middelhoff verzichtete auf eine Klage gegen Esch. Warum? Auffällig ist jedenfalls: Middelhoff ist selbst über private Geschäfte eng mit dem Fonds-Manager verbunden. So hatte er Josef Esch schon vor vielen Jahren zu seinem persönlichen Vermögensverwalter gemacht und besitzt selbst Anteile an fast allen Oppenheim-Esch-Fonds, die mit Karstadt die Geschäfte gemacht hatten. Rund 7,4 Millionen Euro hat Middelhoff allein für Karstadt in Leipzig angelegt, noch mal 7,4 Millionen seine Ehefrau. Thomas Middelhoff weist jede Interessenskollision zurück. Die Anteile bei den Oppenheim-Esch-Fonds habe er schon vor seiner Tätigkeit bei Karstadt-Arcandor gezeichnet und dies auch im Konzern mitgeteilt. Die Staatsanwaltschaft in Essen sieht das möglicherweise anders und prüft jetzt ein Ermittlungsverfahren gegen Thomas Middelhoff wegen des Verdachts der Untreue.
Angelika Matthiesen, Staatsanwaltschaft Essen: "Es geht um den Vorwurf der Beteiligung an einem Immobilienfond. Hintergrund ist die Übertragung von Immobilien, die vormals der Firma Karstadt-Arcandor gehörten, an diesen Fond und dann die Beteiligung des Herrn, des früheren Vorstandsvorsitzenden von Karstadt-Arcandor daran. Es soll zu Unregelmäßigkeiten bei Ausgleichszahlungen gekommen sein."
Und die Verkäuferinnen bei Karstadt? Sie haben bis zuletzt
gekämpft und müssen jetzt ihren Kopf hinhalten. Auch für die
Millionendeals von einigen Wenigen?
Reporterin: "Können sie mir zwei Worte
zu ihrer eigenen Befindlichkeit sagen?"
Sylvia Jahnel, Verkäuferin:
"Hoffnung. … Nein, also dazu kann ich nichts weiter sagen, möchte
ich auch nichts jetzt weiter sagen, weil das wird mir jetzt ein
bisschen ... ne, nichts weiter, ne.
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben."
[mitbloggen]

MONITOR zum Mitnehmen
Der VideoPodcast für unterwegs!

Armut trotz Arbeit
MONITOR-Beiträge über den Alltag von Arbeitnehmern, Arbeitslosigkeit, Mobbing und Altersvorsorge.
[mehr]

Umwelt- und Klimapolitik
Das Ende einer Energie-Epoche.
[mehr]

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2012