10.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

Nr. 590

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Monitor Nr. 590 vom

Warnsignale ungehört

Stadt Köln war frühzeitig vor Einsturzgefahr beim Kölner U-Bahnbau gewarnt



Video der Sendung

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Bericht: Markus Schmidt, Boris Kartheuser

Sonia Mikich: "Willkommen. Winnenden gleich, erst Köln. Sie haben es in den Nachrichten mitbekommen, ein zweiter Toter in der Kölner Trümmerwüste. Köln - Klüngel. Köln - Katastrophe. Köln - U-Bahn-Bau. Erst Kostenexplosion auf inzwischen eine Milliarde Euro und jetzt - unbezahlbar - zwei Tote und eine zerstörte Stadtgeschichte. Unabwendbarer Schicksalsschlag? Markus Schmidt, Georg Wellmann, Boris Kartheuser und Ralf Hötte haben neue Fakten herausgebuddelt, aus einem Schutthaufen von verweigerten Interviews, verzögerten Stellungnahmen und bislang unbekannten Gutachten."

Partystimmung bei der U-Bahn-Taufe Rechte: WDR Bild vergrößern

U-Bahn-Taufe im Mai 2006

Mai 2006, da war noch Partystimmung. Der neue Kölner U-Bahn-Bau wurde getauft. Angelika, so heißt auch die Frau des Ministerpräsidenten. Mit der neuen Trasse soll der Fahrweg vom Dom in die Kölner Südstadt um acht Minuten verkürzt werden. Nun ist der Bau teilweise gestoppt. Im Herzen der Stadt ein klaffendes Loch, in dem das Stadtarchiv verschwunden ist. Zwei Tote, geschätzte Schadenssumme mehrere 100 Millionen. Wie konnte das passieren? Wurde bei Planung und Bau der U-Bahn geschlampt? Hat man etwa am falschen Ende gespart?

Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister Köln (am 7. März 2009): "Wenn da Vernachlässigungen, Versäumnisse, Fehler herausgefunden werden, die dann dargestellt werden, wird das Gericht, dann wird die Staatsanwaltschaft das schon offenlegen und dann wird das auch Konsequenzen haben müssen."

Konsequenzen auch für Fritz Schramma als Chef der Verwaltung? Schließlich war die Stadt bis Januar 2002 Bauherrin der U-Bahn. Danach ihre Tochter, die Kölner Verkehrs-Betriebe, KVB. Und es wurde schon frühzeitig Alarm geschlagen. MONITOR liegt dazu exklusiv ein Dokument des KVB-Vorstandes von August 2007 vor. Darin wird gewarnt vor:

"... Verbruch, großflächige Deformationen und Absackungen an der Gelände-Oberfläche. Eventuell sogar verbunden mit Personen- und Sachschäden."

U-Bahnbau in Köln Rechte: WDR Bild vergrößern

U-Bahnbau in Köln

Die Blaupause für eine Katastrophe? Das Problem verborgen im Untergrund der Stadt. Die vielen Hohlräume, mittelalterlichen Brunnen, römische Fundamente, in Sand und Kies unter den Häusern. Die hat die Stadt Köln bei der Planung der U-Bahn offenbar völlig unterschätzt. Anstatt im Boden unter den Häusern zu suchen, befragte die Stadt Köln die Anlieger, ob sie irgendetwas von Hohlräumen unter ihren Häusern wüssten. Das Ergebnis, so heißt es rückschauend im KVB-Dokument, war nicht aussagekräftig, nicht ausreichend. Ein vernichtendes Urteil. So wurde in Köln mit dem Bohren unter Tage begonnen, und das aufgrund offensichtlich fehlerhafter Annahmen. Für ausgewiesene Bauexperten ein Unding.

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW Rechte: WDR Bild vergrößern

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW: "Wenn Sie in einem Gelände arbeiten, was vollständig bebaut ist, was auch eine Geschichte hat, eine alte Geschichte hat, dann werden Sie über Anwohner oder über Personen nie stichhaltige Argumente finden, die ausreichen sicher bauen zu können."

Trotzdem wurde ab 2002 munter drauflos gebaut. Und man stieß auf massive Probleme. Erst jetzt, mitten in der Bauphase und Jahre nach der Genehmigung begann die KVB intensiver nach den gefährlichen Hohlräumen zu suchen. Und man fand 250 Verdachtsfälle. Erstaunlich, bis Mitte 2007 werden dann aber nur 25 unbedingt notwendige Bodensicherungs-Maßnahmen durchgeführt. Laut KVB wurde nicht auf Kosten der Sicherheit gespart.

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW: "Wenn diese Zahlen so stimmen, dann hat man ja plötzlich gemerkt, man hat eine völlig falsche Einschätzung des Umfeldes dort getroffen. Die Informationen, die dann da waren aus der Bevölkerung heraus, die haben überhaupt nicht das Bild abgedeckt, was sich wirklich dort vor Ort findet. Und man hätte spätestens dann sagen müssen, haben wir denn jetzt alle Stellen gefunden oder sind womöglich noch mehr da?"

Zwischenfazit: Spätestens ab August 2007 konnte und sollte Oberbürgermeister Schramma wissen, dass seine Verwaltung bei der Planung der U-Bahn schlecht gearbeitet hatte. Und dass es beim Bau erhebliche Gefahren gab, wenn die Bohrer unter Tage auf Hohlräume stießen. MONITOR liegt die Liste der zusätzlichen unbedingt notwendigen Baumaßnahmen an der Severinstraße vor. Ein Hohlraum unter oder vor dem Stadtarchiv war bis Mitte 2007 nicht dabei.

Ur-Kataster der Stadt Köln 1836 Rechte: WDR Bild vergrößern

Ur-Kataster der Stadt Köln 1836

Wir recherchieren in historischen Dokumenten. Gab es am Stadtarchiv möglicherweise doch Hohlräume? Alte verschüttete Brunnen, die von den Planern übersehen wurden? Und - wir werden fündig. Auf der Severinstraße war im Mittelalter ein Stadtbrunnen. Pütz gleich Brunnen. Und diesen Brunnen finden wir auch im Kölner Ur-Kataster. Er lag unmittelbar an der Baugrube, vor dem heutigen Stadtarchiv. Nach Angaben der KVB wurde hier kein Brunnen baulich gesichert, Reste eines Brunnens seien hier nicht gefunden worden. Bilder aus dem Keller des Stadtarchivs, als es noch stand. Während des U-Bahn-Baus traten erste Risse auf. Die Archivare schlugen Alarm. Aber es dauerte Monate, bis der Schaden im Auftrag der Stadt begutachtet wurde. Die Risse stünden möglicherweise mit der U-Bahn im Zusammenhang, noch seien sie unbedenklich, schreibt der Gutachter drei Monate vor dem Einsturz. Aber, er war sich offensichtlich seiner Sache nicht sicher.

"Um ... weitere Schäden am Gebäude zu vermeiden, empfehle ich Ihnen einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für Bauwerksschäden einzuschalten."

Der erschien bis zum Einsturz nicht.

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW Rechte: WDR Bild vergrößern

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW: "Also mit dem Hinweis ist natürlich denn, wenn man nachher gemacht hat, da schon eine tragische Verkettung der Umstände. Und wenn schon die Vermutung auch in dieser Stellungnahme stand, dass die U-Bahn-Röhre damit in Verbindung zu bringen ist, dann hätte man von dort aus sicher sagen müssen, da haben wir eine gefährliche, ja, Zeitbombe stehen."

Während unter dem Stadtarchiv die Zeitbombe tickte, häuften sich in den U-Bahn-Schächten die Probleme mit dem Grundwasser. Während des Baus mussten sogar Taucher eingesetzt werden, um unter Wasser die Spundwände zu sichern. Nur rund einen Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Dort waren die Probleme so schwerwiegend, dass man zusätzliche Pumpen tief in den Boden baute, um noch mehr Grundwasser abpumpen zu können. Diese Sicherungsmaßnahmen an der Baugrube fanden im Dezember 2008 statt, also weniger Monate vor dem Einsturz.

Heinrich Bökamp, Vizepräsident Ingenieurkammer NRW: "Wasser stellt im Grunde für jede Baumaßnahme im Boden ein Problem dar. Wenn Sie aber hingehen und immer mehr Wasser entnehmen, dann führen Sie natürlich auch in den Boden Bewegungen rein. Der Grundwasserstrom wird halt eben beschleunigt oder es kommt mehr Wasser zu dieser Stelle. Und jede Bewegung im Boden führt dazu, dass Sie da Erdmassen unter Umständen von einem Hohlraum in den nächsten befördern und dann nicht mehr sicher sein können, dass eine Stelle, die vorher standsicher war, auch nachher noch standsicher ist."

KVB, Stadt und Baufirmen wollten MONITOR keine Interviews geben. Die Ursachen des Unglücks seien noch nicht geklärt. Klar ist, die Stadt hat den Untergrund unter dem Stadtarchiv während der Planung nicht beproben lassen. Trotzdem, der Oberbürgermeister, der das Milliardenprojekt mit auf die Schiene gebracht hat, sieht sich und die Stadt nicht in der Verantwortung.

Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister Köln Rechte: WDR Bild vergrößern

Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister Köln

Fritz Schramma, CDU, Oberbürgermeister Köln (am 7. März 2009): "Die Stadt kann sich nicht entschuldigen, weil die Stadt derzeit nicht als Schuldige dasteht. Es ist ja ... muss ja erst mal jemand schuldig sein, dann kann man sich entschuldigen."

Schlamperei - oder fahrlässiger Umgang mit der Sicherheit, um Kosten einzusparen? Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachtes auf fahrlässige Tötung gegen unbekannt.

Sonia Mikich: "Es war nicht Vater Rhein. Es war nicht das Schicksal. Aber - typisch kölsch - niemand ist für nix verantwortlich. Nicht die KVB, nicht der Oberbürgermeister, nicht die Baufirmen. Ja, aber wie kam das Loch in die Erde? Es ist unverschämt und unwürdig, sich so vor der Verantwortung zu drücken."

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

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    MONITOR Nr. 631

    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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    Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben." [mitbloggen]

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