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Rückschau
Sendung vom 12.03.2009Monitor Nr. 590 vom
Bericht: Georg Restle, Andreas Orth, Kirsten Rulf
Sonia Mikich: "Jahrelang blühten die Steueroasen. Denn das Finanzkapital mag es nun mal frei und unreguliert. Und wer das kritisierte, war ein Kommunist. Doch jetzt trägt sogar Finanzminister Steinbrück Kapitalismus-Kritik: die Steueroasen müssen ausgetrocknet werden, nächste Woche will er dazu im Bundeskabinett einen Gesetzentwurf vorlegen. Kirsten Rulf, Georg Restle und Andreas Orth haben recherchiert, ob der Entwurf taugt. Und fanden heraus: ausgerechnet Landesbanken sind in solchen Steueroasen zuhause."
Anflug auf eine Steueroase. Die Cayman-Inseln in der Karibik, einer der wichtigsten Fluchtpunkte für internationales Kapital. Geschäfte macht man hier zum steuerlichen Niedrigsttarif, keine Bankenaufsicht, keine störenden Regeln. Ein Tummelplatz für Hedgefonds und Spekulanten. Und mittendrin: Fast alle großen deutschen Banken, die sich hier zum Teil an hochriskanten Geschäften beteiligt haben. Grenzenlose Diskretion unter Palmen. Was genau sich in den karibischen Schließfächern befindet, soll kein Finanzamt je erfahren. Steueroasen wie die Cayman-Inseln, sie spielen eine Schlüsselrolle in der jetzigen Finanzkrise.
Das weiß keiner so genau wie John Christensen. Er hat die
Regierung einer anderen Steueroase über viele Jahre als
Finanzexperte beraten, auf der Kanalinsel Jersey.
John Christensen, ehem. Regierungsberater Jersey (Übersetzung
MONITOR): "Die Steueroasen stehen im Zentrum der
Finanzkrise. Und das nicht nur, weil sie mit niedrigsten
Steuersätzen locken und damit Steuervermeidung begünstigen. Sondern
auch vor allem deshalb, weil sie eine sehr lasche Finanzaufsicht
haben. Das heißt, dass Banken, Hedgefonds und Spekulanten die
Steueroasen vor allem auch dazu nutzen, um riesige Geldsummen
zusammenzutreiben in einem völlig unregulierten Markt."
Mehr als 50 Steueroasen gibt es weltweit, vor allem in der Karibik,
in Europa und auf Inseln im Pazifik. Die sollen jetzt trockengelegt
werden, geht es nach einem Gesetzentwurf, den das
Bundesfinanzministerium vorgelegt hat. Das Ziel des Finanzminsters:
Wer Geld in ausländischen Steueroasen anlegt, soll künftig im
Inland höher besteuert werden. Und auch beim G20-Gipfel in London
will Peer Steinbrück den Steueroasen den Kampf ansagen.
Peer Steinbrück, SPD,
Bundesfinanzminister: "Selbstverständlich spielt in London
auch das Thema der Steueroasen eine Rolle, unter dem Gesichtspunkt
des Steuerbetruges und der Steuerhinterziehung. Wir reden auch über
Steueroasen, als Standort von nicht regulierten
Finanzmarktaktivitäten."
Klingt gut, ist es das aber auch? Wir fliegen nach Jersey,
Steueroase mitten im Ärmelkanal. Hier braucht man Peer Steinbrück
nicht zu fürchten, denn Jersey ist von der Liste der Steueroasen
gestrichen worden. Diskrete Finanzgeschäfte mitten auf dem Rollfeld
sind damit auch in Zukunft möglich. Weil Jersey, wie viele andere
Steueroasen, ein Informationsaustausch-Abkommen unterzeichnet hat.
Freie Fahrt ins Steuerparadies also auch für die Deutsche Bank, die
hier schon in der Flughafen-Lobby grüßt. Doch wie viel wert sind
solche Abkommen überhaupt?
John Christensen, ehem. Regierungsberater
Jersey (Übersetzung MONITOR): "Als abschreckende Maßnahmen
gegen Steuervermeidung haben diese Abkommen überhaupt keine
Wirkung. Denn die deutschen Steuerfahnder müssen die meisten
Informationen über Steuersünder schon selbst ermittelt haben, bevor
sie zu den Gerichten von Jersey gehen können. Und die Regierung von
Jersey hat eindeutig klar gemacht, dass sie für eine Zusammenarbeit
extrem hohe Hürden ansetzen wird, bevor sie überhaupt mit der
Steuerfahndung irgendeines anderen Landes zusammenarbeiten
wird."
Steueroasen trockenlegen. Vielleicht fällt es auch deshalb so
schwer, weil der Staat jahrelang selbst mitgemacht hat beim
Milliardenpoker in Steueroasen. Über seine Landesbanken.
Staatsbanken auf Jersey, eine schwierige Spurensuche, denn Büros
oder Bankschalter gibt es hier praktisch nicht, nicht mal
Klingelschilder. Wir finden heraus, in diesem Haus einer
kanadischen Bank residieren Gesellschaften der Westdeutschen
Landesbank, die zu großen Teilen dem Land Nordrhein-Westfalen
gehört. Zwei Straßen weiter, wieder ein Gebäude ohne
Klingelschilder. Die Adresse eines Unternehmens der Bayerischen
Landesbank, die Hypo Alpe Adria Bank, für deren Milliardenverluste
im Ost-Europa-Geschäft der Steuerzahler jetzt geradestehen muss.
Für die dubiosen Milliardengeschäfte der Landesbanken braucht es
offenbar weder viel Personal noch größere Büros. Staatliche Banken,
finanziert mit Steuergeldern in einer Steueroase? Insgesamt stoßen
wir in Jersey und anderen Kanalinseln auf Dutzende Gesellschaften
deutscher Landesbanken. Auch die Baden-Württembergische und die HSH
Nordbank machten hier weit verzweigte Geschäfte.
Prof. Rudolf Hickel,
Wirtschaftswissenschaftler: "Also erst mal ist es ja ein
Riesenskandal, der jetzt so in der Finanzmarktkrise aufgedeckt
wird, dass Landesbank, also öffentliche Banken, dass die im Grunde
genommen auch die Steueroasen, etwa die Cayman-Islands oder aber
Bermuda und vieles andere schlichtweg genutzt haben, um
Steuerhinterziehung zu organisieren, um dubiose Geschäfte, toxische
Produkte über die Steueroasen zu lenken, das ist ein
Skandal."
Was treiben Landesbanken in Steueroasen wie Jersey? Die Bayerische
Landesbank erklärt uns, ihre Geschäfte seien absolut „marktüblich“
gewesen. Auf Jersey ginge es um „Export- und Handelsfinanzierung“.
Und die Westdeutsche Landesbank? Schriftlich teilt man uns mit, es
habe keine Steueroptimierung auf Jersey gegeben. Zweck sei der
„Zugang zu internationalen Refinanzierungsmöglichkeiten“. Und auch
die HSH Nordbank weist Steuervorteile weit von sich. Jersey sei
wichtig für „Shipping, Transport und Immobilien“.
Schiffsfinanzierung, ausgerechnet auf Jersey?
Prof. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler: "Wenn man
sich das Geschäft der Schiffsfinanzierung von deutschen Banken
anschaut, dann gibt es überhaupt keinen spezifischen Grund zu
sagen, dafür brauchen wir einen Standort auf Jersey. Das ist ein
völliger Unfug und der Verdacht liegt doch nahe: Wenn man Jersey
wählt als Standort für Schiffbau-Finanzierung, dann liegt der
Verdacht nahe, dass man die Chancen der Steuerhinterziehung nutzen
will. Man kann so was am Standort in Deutschland etwa in Hamburg
machen. Man kann, wenn man näher an die Kunden will, beispielsweise
es auch von London aus machen."
Den Vorwurf der Steuerhinterziehung weist die Nordbank zurück.
Allersdings gerade die hochriskanten Geschäfte auf Jersey
verursachten bei der Staatsbank riesige Verluste, für die jetzt der
Steuerzahler einstehen muss. Auch deshalb fordern Finanzexperten
deutlich strengere Regeln als die von Peer Steinbrück.
John Christensen, ehem. Regierungsberater
Jersey (Übersetzung MONITOR): "Die EU müsste ganz neue
Standards einführen, um internationale Banken und Konzerne zu
zwingen, getrennte Konten für jedes einzelne Land und jede
Steueroase vorzulegen. Dann könnte man nämlich sehr genau sehen,
wie zum Beispiel die deutschen Banken ihre Gewinne in Steueroasen
umbuchen. Das ist es, was wir brauchen: Ein neues automatisiertes
Auskunftssystem, um diese Informationen öffentlich zu
machen."
Zurück auf Jersey. Die Finanzkrise, sagen die Politiker uns hier,
werde irgendwann schon wieder vorbeigehen. Jersey sei flexibel, man
freue sich schon auf neue Kunden aus Deutschland.
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