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Rückschau
Sendung vom 03.07.2008Monitor Nr. 580 vom
Bericht: Jochen Leufgens, Markus Zeidler
Sonia Mikich: "Und weiter im Schwerpunkt: Explodierende Energiepreise, gefährlicher Klimawandel - da werden die Befürworter der Atomkraft hellwach. Sie hoffen auf ein Comeback der Atomenergie und schauen munter über das zentrale Problem hinweg: Wie hierzulande den Atommüll endlagern? Im Versuchslager Asse bei Braunschweig wurde jahrzehntelang getestet, was in einem Endlager Gorleben umgesetzt werden könnte. Der Pilotversuch sozusagen. Aber dann neulich eine Nachricht, die in der Fußball-Euphorie schnell wieder verschwand: Der Schacht Asse droht abzusaufen. Markus Zeidler und Jochen Leufgens waren im Schacht und fanden Gefahren, die von den Atomlobbyisten ausgeschlossen wurden für Jahrmillionen."
Was sich hier abspielt, hätte nie passieren dürfen. Hier - oder besser 750 Meter tiefer. Im früheren Salzbergwerk Asse II in Niedersachsen droht der Atomlobby eines der größten Desaster. Wir fahren unter Tage. Bis 1978 wurde hier schwach- und mittelradioaktiver Müll deponiert, über 120.000 Fässer. Offiziell diente alles nur der Forschung. Die Asse sollte mit beweisen, dass Atom-Müll im Salz zu entsorgen sei, abgeschirmt vom Grundwasser, sicher für Jahrmillionen. Eine Art Blaupause für ein Atom-Endlager in Gorleben. Soweit die Theorie. Die Praxis in der Asse sieht für die Mitarbeiter unter Tage anders aus. Dramatisch anders. Die Bergleute zeigen uns, was sie täglich mit ansehen müssen. Wasser läuft von außen in die Grube, bis zu 12.000 Liter Salzlauge - täglich - seit Jahren - unaufhaltsam.
Harald Hegemann, Betriebsführer Asse II: "Die Lauge macht uns deswegen Sorge, weil die Zutrittsmenge sich erhöhen könnte in der Zukunft. Es könnte zu einem Zustand kommen, dass sie schwieriger beherrschbar ist - unbeherrschbar ist, dass wir sie nicht mehr komplett wegpumpen können, dass sie mit Gesteinsschichten in Berührung kommt, die angelöst werden könnten. Das heißt, unser Grubengebäude könnte sich stellenweise letztendlich auflösen, und die Hauptsorge ist natürlich, das sie mit den radioaktiven Abfällen in Berührung kommen könnte und diese teilweise dann vielleicht sogar in Lösung gehen."
In Lösung gehen - das heißt, es entstünde eine radioaktiv verseuchte Brühe. Und die könnte an die Erdoberfläche gedrückt werden. Der schlimmste anzunehmende Störfall in einem Endlager. Bislang dachten Atomaufsicht und Öffentlichkeit, der Betreiber habe die Lage im Schacht Asse im Griff. Doch nun kommen Zweifel auf. Wir sind vor "Kammer 12". Hier dürfen wir nicht weiter. Hinter dieser Salzwand lagert Atommüll. Vor der Salzwand ist Feuchtigkeit. Alte Lauge, sagt man uns. Doch die ist radioaktiv verseucht. Der Grenzwert bei Cäsium wird überschritten um das bis zu Achtfache. Der Betreiber der Asse, eine Tochter von Bund und dem Land Bayern, weiß das seit über vier Jahren. Die Öffentlichkeit erfährt es erst jetzt. Erklärungsversuche:
Heinz-Jörg Haury, Helmholtz Zentrum München: "Wir, die dort Beschäftigten, haben es nicht für nötig befunden, aus den wie besagten Gründen, dass niemand gefährdet wird, weder innerhalb noch außerhalb des Bergwerks, das der Öffentlichkeit kund zu tun."
Keine Gefährdung? Rolf Bertram ist Professor für physikalische Chemie. Und er ist einer der Sachverständigen, die im Auftrag des Landkreis Wolfenbüttel die Lage im Versuchsendlager analysieren. Er warnt: Auch wenn keine akute Gefahr bestanden habe, seien die Grenzwertüberschreitungen hoch bedenklich.
Rolf Bertram, Professor für Physikalische Chemie: "Es ist ein Hinweis dafür, dass sich diese Prozesse im Laufe der Jahre - im Laufe der Jahrzehnte - verstärken können, und dass wir dann vielleicht in zehn, 20 oder 50 Jahren wirklich vor einer Situation stehen, die dann die Biosphäre schon bedrohen, und nicht erst in 1.000 Jahren, sondern in wesentlich kürzeren Zeiten."
Gefahr innerhalb weniger Jahrzehnte? Eigentlich sollte das Salz eines Endlagers eine Million Jahre Sicherheit bieten. Doch in die Asse dringt immer neue Feuchtigkeit.
MONITOR: "Heißt das, es besteht die Gefahr, dass die Asse absäuft?"
Harald Hegemann, Betriebsführer Asse II: "Die Gefahr besteht letztendlich, ja."
Jahrzehntelang hatte der Betreiber der Öffentlichkeit etwas ganz anderes erzählt. Zitat aus seiner offiziellen Publikation "Forschung für die Endlagerung":
Zitat: "Eine zusammenfassende Beurteilung der bisher vorliegenden (…) Untersuchungen führt zu dem Ergebnis, dass ein Wasserzutritt in das Salzbergwerk Asse im höchsten Maße unwahrscheinlich ist."
Noch 1989 wurde diese Aussage vom Betreiber veröffentlicht. Da sprudelte die Lauge bereits seit Monaten im Bergwerk Asse. Eine wissenschaftliche Fehleinschätzung, die Grundlage war für die Genehmigung der Asse. Die zuständige Aufsichtsbehörde liefert eine bemerkenswerte Erklärung.
Stefan Birkner, Staatssekretär, Umweltministerium Niedersachsen: "Die Standards, die damals angelegt worden sind, wären heute völlig inakzeptabel. Das, was man damals gemacht hat, wäre für heutige, nach heutigen Standards nicht zulässig, nicht genehmigungsfähig, und die Asse würde nach heutigen Standards nicht als Ablagerungsort für radioaktive Abfälle genehmigungsfähig sein."
Wissenschaftliche Risikoanalysen für Tausende von Jahren - Von der Wirklichkeit eingeholt schon nach wenigen Jahrzehnten! Doch wie umgehen mit der Altlast? Unter Tage bereitet man sich vor, den Schacht kontrolliert zu fluten. Der Betreiber will so dem Absaufen der Asse zuvorkommen. Der weltweit einmalige Versuch, Atommüll nass zu lagern. Dazu soll die Grube mit einer so genannten Schutz-Flüssigkeit geflutet und der Schacht versiegelt werden. Dabei nimmt der Betreiber in Kauf, dass unter Tage eine radioaktive Brühe entsteht. Allerdings habe die eingeleitete Flüssigkeit eine besondere chemische Zusammensetzung. Diese verhindere, dass die Grube einstürzt. Die radioaktive Strahlung bleibe so im Erdinneren. Genau das aber bezweifeln Wissenschaftler und warnen vor radioaktiven Gefahren für Mensch und Umwelt.
Rolf Bertram, Professor für Physikalische Chemie: "Es kann also diese Lösung entweder ins Grundwasser gelangen, oder es kann, durch den entstehenden Druck im Untergrund, auch nach oben rausgepresst werden. Also es kann nicht nur das Gas rausgepresst werden, es kann auch die Flüssigkeit durch den Gasdruck von innen über entsprechende Wegsamkeiten in die Biosphäre gelangen."
Heinz-Jörg Haury, Helmholtz Zentrum München:"Aber wir hoffen, das wir das Bergwerk so versiegeln können und zuschließen können, dass nur so geringe Mengen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg an die Oberfläche kommen, dass die Bevölkerung, die dort dann leben wird, davon keine über den Strahlenschutzwerten liegende Belastung haben wird."
Das Prinzip Hoffnung im Umgang mit Strahlenmüll. Rainer Hasselmann ist kein typischer Atomkraftgegner. Er ist Bürgermeister und Mitglied der CDU, der Partei der Atombefürworter. Von seiner Gemeinde bis zum Schacht Asse sind es nur rund fünf Kilometer. Dennoch war er lange ein Befürworter. Jetzt hat er Angst, dass das Grundwasser seiner Gemeinde verseucht wird. Aber Hasselmann weiß: Es geht um mehr. Denn die Asse war gedacht als Pilot-Versuch für ein großes Atom-Endlager im Salz - in Gorleben oder anderswo.
Rainer Hasselmann, CDU, Bürgermeister Kissenbrück: "Bei der Endlagerfrage über den Atommüll sehe ich es so, dass wir bei Adam und Eva anfangen, also bei Null stehen und uns wieder neue Gedanken machen müssen, wie wir diese Sache vernünftig und sicher lagern können."
Altlast Asse - 40 Jahre Endlagerforschung mit dem Ergebnis: So wie erhofft, geht es nicht. Schlechte Aussichten für die Lösung des atomaren Endlager-Problems in Deutschland.
Sonia Mikich:"Und auch das noch: Unsere Recherchen ergaben, dass das Bundesumweltministerium inzwischen die Fachkunde und Zuverlässigkeit des Betreibers von Asse in Frage stellt. Na denn."
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben."
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