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Interviews
Saskia Sassen (02.04.2009)Finanzgipfel: Nebelkerzen statt
Neustart
Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der University of
Chicago, über die Logik des Finanzsystems, das traditionelle
Bankgeschäft und mögliche Wege aus der Finanzkrise.
MONITOR: "Das neue Mantra der G20-Länder in dieser schweren Krise ist offenbar, dass wir ein wenig mehr Regulierung brauchen, staatliche Regulierung, dass wir den Kapitalismus ein Stück weit zügeln. Aber geht das überhaupt, wenn dieselben Spieler auf dem Feld sind?"
Saskia Sassen (Übersetzung: MONITOR): "Im Moment haben wir doch folgende Situation: Wirtschaftsminister, Finanzminister, Politiker und Banker, sie alle sehen das Geschehen nur aus dem Blickwinkel des Finanzsystems, nicht aus dem der Realwirtschaft. Für mich besteht ein großer Unterschied zwischen dem Finanzsektor und der Realwirtschaft. Wenn sich jemand wirklich ändern und eine andere Perspektive einnehmen könnte, dann wäre es im Prinzip möglich, mit diesen Leuten weiterzumachen, aber eine solche Umstellung, die bekommen sie nicht hin, das ist das Problem. Eine gewisse Logik, die Finanzweltlogik, hat sich in dem System breit gemacht hat und ist besonders in den letzten 20 Jahren beherrschend geworden. Und darin hängen wir nun fest. Deshalb werden wir mit einer finanzwirtschaftlichen Lösung in dieser Finanzkrise kaum weiter kommen, das kann nicht wirklich die Lösung sein."
MONITOR: "Was ist denn die Logik des Finanzsystems?"
Saskia Sassen (Übersetzung: MONITOR): "Das Finanzsystem ist seinem Wesen nach gezwungen, sich auf andere Wirtschaftsbereiche ausdehnen, es ist gefräßig, es muss da rein gehen und sie sich einverleiben. Als letztes hat es die Hypotheken von Geringverdienern übernommen. Stellen Sie sich vor, das wäre der letzte Bereich, den die Finanzbranche besetzen, wo sie sich breit machen könnte. Jetzt allerdings ist auch noch die letzte Bastion gefallen, Steuergeld. Steuerzahler, das sind wir alle, und auf unser Geld hat es die Finanzbranche nun abgesehen. Das Problem besteht, dass die Finanzbranche die ihr innewohnende Logik, besonders in den letzten zehn Jahren, auf die Spitze getrieben und missbraucht hat, indem sie jeden Wirtschaftsbereich okkupiert hat, Bergbau, das produzierende Gewerbe, schließlich die Hypotheken, und jetzt ist die Finanzbranche allgegenwärtig, zumindest in den USA, jeder Bereich ist von ihrer Logik durchsetzt, sie macht aus einem Gebäude, einer Fabrik, oder Gold ein Finanzinstrument, das sich immer wieder aufs neue weiterverkaufen lässt."
MONITOR: "Man kann die Finanzkrise nicht allein über den Finanzsektor lösen, die Weltmächte werden auch kaum einen Systemwechsel ernsthaft in Erwägung ziehen, sondern eher Zwischenlösungen anstreben?"
Saskia Sassen (Übersetzung: MONITOR): "Ich glaube, dass sich das Finanzsystem teilweise neu erfinden wird. Eine Lösung für das Finanzsystem kann nicht allein im Finanzsektor liegen. Richtig wäre ein Mix aus finanztechnischen Elementen und solchen Elementen, die mit dem Finanzsystem nichts zu tun haben. Zu letzteren gehört Geld, Geld in seiner alten Form, und Regulierung, wir müssen den Finanzsektor gegenüber dem Bankensystem wieder neu aufstellen, indem wir das traditionelle Bankgeschäft stärken. In den USA gibt es 6000 kleine Banken, sie sind wirtschaftlich gesund, die Einlagen sind gestiegen, wohlgemerkt im traditionellen Bankgewerbe. Und das ist mit Filialen im ganzen Land vertreten. Wenn Sie eine Billion in dieses System stecken, würden Sie kleine Unternehmen, Haushalte, lokale Pensionsfonds erreichen. So könnte ein erster Lösungsansatz aussehen."
MONITOR: "Was empfehlen Sie den führenden Mächten in Europa, wie sähe eine ‘to-do-Liste” aus, was wären Projekte für die nähere Zukunft?"
Saskia Sassen (Übersetzung: MONITOR): "Lassen Sie uns dieses Zeitfenster nutzen, um den Umweltschutz mit Nachdruck anzugehen. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen, das können wir nicht allein den Märkten überlassen. Wir befinden uns in einer Notlage, nutzen wir sie, um Umwelttechnologien zu entwickeln. Wie wäre es , wenn wir nicht Billionensummen, zumindest in den USA, für die Rettung von Zombie-Banken, also todgeweihten Instituten ausgeben, sondern lieber Geld in die kleinen Banken und ernstzunehmende Umweltprojekte stecken?"
MONITOR: "Der Wert der Arbeit ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter gesunken, die Lücke zwischen Armen und Reichen hat sich, selbst in stabilen Ländern wie Deutschland, dramatisch vergrößert, mit welchen Mitteln ließe sich der Reichtum gerechter verteilen?"
Saskia Sassen (Übersetzung: MONITOR): "Wir befinden uns wirklich in einer neuen Ära, früher war Wachstum, etwa beim Brutto-Inlandsprodukt, gleichbedeutend mit dem Anwachsen der Mittelklasse, das galt bis in die 80er Jahre, heute bedeutet Wachstum zweierlei: Am oberen Rand der Gesellschaft nimmt der Reichtum zu, während unten die Zahl der Geringverdiener ansteigt. Dieses Phänomen ist inzwischen klar belegt. Es gibt für mich keinen nachvollziehbaren Grund, dass in den USA, ohne Zweifel das Extrembeispiel, so viele Berufstätige trotz Vollzeitjob nicht genug verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das halte ich für einen Skandal, wir müssen daher den Mindestlohn erhöhen, die echte Herausforderung für die USA liegt darin, ein Niveau festzulegen, unter das Familien und Berufstätige nicht fallen dürfen. Wir brauchen ein besseres Sozialsystem, mehr öffentlichen Nahverkehr, Gesundheitsversorgung etc. Das kann bestimmt nicht schaden, das Problem in liberalen Demokratien besteht in der Umsetzung solcher Veränderungen. Und so gesehen ist die Krise auch eine Chance, denn die Regierung kann nun in Bereichen tätig werden, wo sie in den letzten 20 Jahren immer zu hören bekam, halt dich da raus, da hast du nichts verloren."
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24.05.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten
Donnerstag, 24.05.2012
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Freitag, 25.05.2012
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Samstag, 26.05.2012
08:20 Uhr - WDR

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