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Interview Nouriel Roubini (29.01.2009)Retten um jeden Preis? Die Banken und ihre
toxischen Papiere
Interview mit dem US-amerikanischen Nationalökonom und Professor
an der New Yorker Stern School of Business Nouriel Roubini.
Interview: Jürgen Fränznick
Nouriel Roubini (Übersetzung: MONITOR): „Das Bankensystem in den USA insgesamt ist insolvent, denn die Verluste, die weiter steigen werden, sind größer als das Eigenkapital, das die Banken besitzen. Selbst wenn die Regierung also die Banken mit Kapital versorgt, wird das nicht reichen, denn die Banken werden dieses Geld für zukünftige Verluste brauchen. So wird die Regierung vermutlich noch einmal eine Billion Dollar an Kapital bereitstellen müssen, bevor die Banken sich so sicher fühlen, dass sie wieder Geld verleihen. Das heißt im Grunde nichts anderes, als einen beträchtlichen Teil des US-Finanzsystems zu verstaatlichen.“
„Natürlich ist Verstaatlichung keine Lösung auf Dauer, natürlich will man, dass die Banken langfristig wieder privat geführt werden. Aber in einer Systemkrise wie auch damals in Schweden ist es manchmal die beste Lösung, dass die Regierung die Banken vorübergehend übernimmt, dort aufräumt und sie zwei, drei Jahre später an private Investoren wieder verkauft. Nun besteht immer ein Risiko bei der Verstaatlichung von Banken, man kann sie nicht dauerhaft unter der Kontrolle der Regierung halten, doch angesichts der Schwere der Finanzkrise lässt sich eine beträchtliche Einflussnahme durch die Regierung bis hin zur Übernahme einiger Finanzinstitute gar nicht verhindern. Das ist in diesem Moment zwar nicht ideal, aber wohl unvermeidlich.“
„Es gibt verschiedene Modelle zur Lösung der Bankenprobleme, eines davon besteht darin, die guten Vermögenswerte und die schlechten Vermögenswerte einer Bank zu nehmen und sie voneinander zu trennen, und dann die gute Bank mit neuem Kapital, von der Regierung oder von privaten Investoren, zu versorgen. Das bedeutet dann, dass die gegenwärtigen Anteilseigner vollständig aus der Bank verdrängt werden, weil sie für die schlechten Vermögenswerte der Bank verantwortlich sind. Diese Trennung ist eine Möglichkeit, die Finanzkrise zu lösen, und sie funktioniert auch. Gegenwärtig herrscht zu viel Optimismus, dass die gelockerte Geld- und Steuerpolitik uns schon in der zweiten Jahreshälfte aus der Rezession, die die USA und die Welt erfasst hat, führen wird. Ich bin da wesentlich pessimistischer, ich glaube, dass die weltweite Rezession im ganzen Jahr 2009 andauern wird, und selbst wenn das Wachstum 2010/2011 wieder anzieht, wird es nur schwach sein, denn meines Erachtens kann man das Problem nicht lösen, indem man einfach riesige Mengen Geld in die Banken pumpt. Die Probleme des Finanzsystems zu lösen wird Jahre dauern. In einer Bankenkrise gibt es eine Kreditklemme und einen Abschwung, die sich gewöhnlich über drei oder vier Jahre erstrecken. Ich glaube, dass die Märkte eine einfache Lösung oder Reparatur erwarten, aber diese Dinge brauchen Zeit, selbst mit dem besten Team und der besten Politik wird die Lösung dieses Problems Jahre in Anspruch nehmen.“
„Zuallererst müssen Sie die Banken, die nicht mehr liquide sind und nicht ausreichend Kapital haben, aber solvent werden, sobald man sie mit frischem Kapital versorgt, von denen trennen, die so kaputt sind, dass man sie nur noch schließen kann. Selbst wenn man diese insolventen Banken am Leben erhielte, wären sie nicht in der Lage, ihre Aufgaben zu erfüllen, nämlich Geld zu verleihen. Daher ist die Trennung von guten und schlechten Banken ganz wichtig, man muss die schlechten schließen, um die anderen zu retten. Um die guten Banken zu erhalten, muss man an dieser Front richtig hart arbeiten, außerdem muss man jede einzelne Bank daraufhin überprüfen, wie man ihre Schulden umstrukturieren kann, wie viel Liquidität noch vorhanden ist, wie viel Kapital nötig sein wird, bis sie wieder in der Lage ist, Geld zu verleihen. All das geht nicht von heute auf morgen, es gibt in den USA über 8500 Banken. Einige davon haben riesige Probleme, um sie zu lösen braucht man Zeit, es genügt nicht, mit Geld um sich zu werfen, man muss sich jeder einzelnen Bank widmen, um deren Probleme in den Griff zu bekommen.“
„Wenn die Regierung Anteilseigner wird, hat sie viele Möglichkeiten, die Banken zu regulieren. Ich denke da zum Beispiel an die unverschämt hohen Abfindungen, die Banker und Händler erhalten und die unbedingt begrenzt werden müssten. Das Risikomanagement ist verbesserungswürdig, und wenn diese Banken in dubiose Aktivitäten verwickelt sind, die zur Steuerhinterziehung oder Ähnlichem führen, dann sollten diese Dinge reguliert werden. Wenn es um Steuergelder geht, sollte man die Gelegenheit ergreifen, das Finanzsystem zu reparieren und so auch einige dieser Tricksereien bis hin zum Betrug verhindern.“
„Viele dieser Bankenkrisen zeichnen sich dadurch aus, dass in den guten Zeiten die Kursgewinne und Erträge privatisiert werden. Wenn es dann zu Fehlentwicklungen kommt, muss man - weil das Funktionieren des Finanzsystem so wichtig ist - den Banken unter die Arme greifen, und die Verluste werden sozialisiert. Deshalb beobachten wir momentan eine Gegenreaktion, viele Menschen sind wütend. Sie fragen sich, warum wir diese Banken eigentlich retten. Das Erste, was der Staat machen muss, ist sicherstellen, dass das Management keine Fehler mehr macht. Dafür sollte er die Vorstände entlassen – und zwar ohne große Abfindungen. Dann muss man die Anteilseigner entmachten. Und für die Zukunft sollte man ein System schaffen, das sicherstellt, dass das viele Geld, das die Regierung den Banken gibt, nicht wieder verzockt wird. Der Finanzmarkt sollte kein Kasino sein, es muss ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Rücklagen und Investitionen bestehen, doch in den letzten Jahren hat sich der Finanzmarkt in den USA zu einem regelrechten Spielkasino entwickelt, und das ist nicht fair, das ist nicht angemessen.“
„In diesem Jahr beobachte ich zu meinem Bedauern eine sehr schwere Rezession, die nach den USA die ganze Welt erfasst hat. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es gleichzeitig in den USA, Europa, Japan, anderen fortgeschrittenen Wirtschaftsnationen und den Schwellenländern einen Abschwung, und dessen Ausmaß ist wahrlich besorgniserregend, die Finanzkrise hat die ganze Welt erreicht. Wir haben es mit einer sehr gefährlichen Situation zu tun, so eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise hat es wahrscheinlich seit der Großen Depression nicht mehr gegeben. Ich bin guter Hoffnung, dass es mit den richtigen politischen Maßnahmen, die zwischen den Ländern koordiniert werden, vielleicht schon 2010 eine leichte Erholung geben wird. Es wird kein großer Wachstumsschub werden, aber immerhin eine Rückkehr zu Wachstum. Wir müssen viel unternehmen, um das System wieder in Ordnung zu bringen, die größte Herausforderung für die Weltwirtschaft seit Jahrzehnten.“
„Geld bedeutet mir so gut wie gar nichts. Ein Wirtschaftssystem ist für mich dann erfolgreich, wenn es in Ausbildung investiert, in menschliches Kapital, Wissenszuwachs und andere Dinge, die die Institutionen fördern und die Gesellschaft voranbringen. Geld sollte der Schmierstoff sein, der es den Menschen ermöglicht, die richtigen Dinge umzusetzen. Geld kann nicht selbst das Ziel sein, wenn es gleichzeitig dazu dient, die Gesellschaft besser zu machen. Leider haben sich in der Wall Street und im Finanzsystem Gier und Arroganz breitgemacht und dazu geführt, dass Geld zum Selbstzweck und nicht mehr Mittel zum Zweck wurde. Wir müssen im Finanzsystem wieder ein Gleichgewicht herstellen zwischen der realen Wirtschaft und dem Geld. Das Finanzsystem sollte der Realwirtschaft dienen, denn wenn das Finanzsystem aus dem Ruder läuft und verrückt wird, dann führt das zu einer Krise mit schlimmen Kollateralschäden für die Realwirtschaft. Wir müssen deshalb die produktive Rolle des Geldes im Finanzsystem neu überdenken.“
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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