10.02.2012

Das Erste ist das Fernsehen
Frau Mikich vor dem Monitor-LogoHomepage des WDR

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Interview Meinhard Miegel (30.11.2009)

Vorstandsvorsitzender DenkwerkZUKUNFT-Stiftung kulturelle Erneuerung


Video der Sendung

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Besser statt mehr: Wirtschaftswachstum radikal anders
MONITOR-Interview mit Meinhard Miegel, Vorstandsvorsitzender DenkwerkZUKUNFT-Stiftung kulturelle Erneuerung.

Sonia Seymour Mikich: In den letzten Jahrzehnten wurde der Begriff „Wachstum“ überwiegend über Geldwert definiert, d.h. immer mehr war auch immer besser. Und Ökonomie war Markt plus Geld. Ist das das große Missverständnis unserer Zeit?

Meinhard Miegel: Heute ist es ein Missverständnis. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten war es durchaus sinnvoll so zu sprechen, denn wir müssen uns ja vor Augen führen, dass wir vor 50, 60 Jahren eine, nach heutigen Maßstäben, arme Gesellschaft waren und dass sich damals die Menschen darauf fokussiert haben, die wirtschaftliche Seite ihres Lebens zu stärken, ist ganz einsichtig. Nur mittlerweile ist das überholt. Mittlerweile haben wir einen materiellen Lebensstandard erreicht, der so viel höher ist als der Lebensstandard der übrigen Menschheit, dass es nicht mehr sinnvoll sein kann, weiter in diese Richtung zu marschieren, sondern andere Dinge, immaterielle Dinge, sind mittlerweile sehr viel wichtiger geworden als das in der Vergangenheit der Fall war. Und abgesehen davon ist es gar nicht mehr möglich, diese Art von materiellem Wachstum immer weiter zu treiben: die natürlichen Ressourcen fallen aus, die Energie fällt aus, die Umweltbelastung hinzu. Wir müssen also Abschied nehmen von dem ursprünglich mal sinnvollen, aber mittlerweile überholten Konzept.

Sonia Seymour Mikich: Dennoch wird der Begriff ja geradezu fetischisiert. Wir hören von den Politikern unterschiedlicher Couleur immer wieder: „Wir brauchen mehr Wachstum“. Wir haben jetzt ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Wie bewerten Sie das?

Meinhard Miegel: Die Beschwörung des Wachstums ist ein Nachhall vergangener Zeiten. Das ist heute nicht mehr sinnvoll, was da gemacht wird. Und wenn wir ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz haben, dann zeigt das, wie hinterwäldlerisch die Politik ist. Sie hat gar nicht begriffen, was heute Not tut, sondern sie versucht mit ganz einfachen Instrumenten neue Herausforderungen zu bewältigen. Und das kann nicht funktionieren, es wird auch nicht funktionieren.

Sonia Seymour Mikich: Welche Art von Wachstum würden Sie gerne an der Stelle sehen, wie würden Sie Wachstum der Zukunft definieren?

Meinhard Miegel: Wohlstand der Zukunft besteht zu einem guten Teil, neben den vielen materiellen Dingen, die wir selbstverständlich auch künftig benötigen werden, aus einer guten Bildung, aus Gesundheit, aus sozialer Einbindung, aus der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit. Die Menschen sind ja kollektive Wesen. Und das ist in der Vergangenheit nicht hinreichend berücksichtigt worden. Die Gesellschaft ist in großen Teilen zerfallen. Wenn ich mir anschaue, wie sich gerade die kleinsten Einheiten, die Familien, entwickelt haben oder auch in vielen anderen Bereichen können wir heute nur noch sagen, unterm Strich zähle ich. Das hat sich schon sehr ausgeprägt. Und das ist ja nicht sehr förderlich für Gesellschaft. Wohlstand, Wachstum der Zukunft wird diese Elemente sehr viel stärker beinhalten als jetzt. Wir hören viel über das Schrumpfen von Wachstum oder sogar Nullwachstum. Kann man das kommunizieren, nachdem die Menschen Jahrzehnte lang Wachstum mit etwas Positivem, Hoffnungsvollen, Zukunftsgerichteten verknüpft haben?

Die Situation in der wir uns heute befinden, ist alternativlos. Wir müssen den Menschen klipp und klar sagen, so wie wir es bisher gemacht haben, können wir es in Zukunft nicht machen. Es ist schlechterdings ausgeschlossen. Es fehlen die natürlich Ressourcen, es fehlt die Möglichkeit der Absenkung von Schadstoffen und anderes mehr. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass der materielle Wohlstand auf keinen Fall weiter zunimmt, sondern wahrscheinlich sinken wird. Und jetzt machen wir uns einmal gemeinsam Gedanken, wie diese Veränderung im materiellen Bereich nicht zu Zufriedenheitseinbußen führt, wie wir trotzdem gute, runde Leben leben können, obwohl wir nicht mehr die materiellen Güter haben, die wir mal gehabt haben.

Sonia Seymour Mikich: Sie sprechen einen Bewusstseinswandel an. Wer soll aber der Motor sein? Clinton hat einmal gesagt „It’s the economy“, die Wirtschaft formt die Gesellschaft. Heute würde man sich wünschen, dass die Politik sich wieder repolitisiert und sie den Input gibt. Auf wen setzen Sie eigentlich?

Meinhard Miegel: Es sind viele hunderttausend Menschen, die tiefer schürfen, die weiter blicken, die die Verantwortung haben, zu ihren Mitmenschen zu sagen, ihre Arbeitskollegen, ihren Nachbarn: „Hör mal, es ist eine Periode zu ende gegangen, und es beginnt eine neue außerordentlich spannende“. (…) Der Mensch ist nicht nur ein Vernunft-, sondern auch ein Gefühlswesen. Und man kann häufig über seine Gefühle mehr transportieren als über seine Vernunft. Und wenn Menschen das Gefühl haben, die Art und Weise wie wir hier jetzt leben, wenn wir uns anschauen, was um uns herum passiert, wenn wir auf unsere Kinder und unsere Enkel schauen, dann müssen wir an unseren eigenen Leben etwas verändern. Dann brauche ich gar nicht so sehr die Vernunft ansprechen, sondern dann ist das schon ein sehr wirkungsvolles Instrument, um Verhaltensänderungen herbei zu führen. Im gewissen Umfange kann man die Verhaltensänderungen ja heute schon beobachten. Wir befinden uns in sofern in einer sehr schwierigen Situation als ja ein großer Teil der Politik, auch der Medien, suggeriert, „ihr könnt alles lassen wie es ist, wir schaffen das schon wieder“. Politische Parteien treten an und sagen, „wir können die Verhältnisse der 70er Jahre wieder herstellen“. Und dass das Menschen gerne hören und sagen, „aha, das war nur ein kleiner Durchhänger, jetzt kehren wir wieder zu dem früheren zurück“, das verstehe ich, das ist außerordentlich menschlich. Wenn aber diejenigen, die Meinungen, öffentliche Meinungen machen, an einem Strang ziehen und sagen, „Leute wir müssen wirklich umdenken, wir müssen umfühlen“, dann wird das auch geschehen.

Sonia Seymour Mikich: Wenn Sie, letzte Frage, wenn Sie Politikern in der Verantwortung jetzt eine Liste, eine to-do-Liste schreiben würden, was würde da ganz oben stehen?

Meinhard Miegel: Ohne Verzicht wird es nicht gehen und man muss das aussprechen. Man soll nicht immer so tun, als könne man die Dinge im großen und ganzen so belassen, wie sie sind. Das funktioniert nicht. Allerdings wäre schon sehr, sehr viel gewonnen, wenn die Menschen nur auf das verzichteten, was ihnen keineswegs gut tut, sondern, im Gegenteil, sogar schadet. Wenn man sich den Lebensmittelkonsum in Deutschland anschaut, wenn man sich vor Augen führt, welch hohe Anteile dessen, was wir produzieren, in der Mülltonne landet, wenn wir uns vor Augen führen, was in den Kühltruhen der Bevölkerung vergammelt. Das sind alles ungeheure Mengen an materiellen Wohlstand. Wenn man sich die Mobilität der Gesellschaft vor Augen führt, die zu einem guten Teil völlig unsinnige Mobilität. Das sind Beispiele dafür, wo wir Einschränkungen vornehmen könnten. Ich wage sogar eine Zahl in den Raum zu stellen, wir könnten auf ungefähr 30% der Dinge verzichten, ohne dass wir irgendwelche Armutsgefühle entwickeln würden. Die Menschen in 50 Jahren werden mit deutlich weniger materiellen Gütern leben als gegenwärtig. Sie werden lokalproduzierte Produkte kaufen und verzehren. Sie werden ihre Mobilität eingeschränkt haben und sie werden damit nicht unglücklicher sein. Denn sie werden alternative Formen entwickelt haben, die sie mindestens so befriedigen, wie das, was sie gegenwärtig haben. Allerdings zucke ich nicht zurück vor dem Begriff des Verzichts. Was ist eigentlich so schlimm am Verzicht. Wenn ein Mensch, der 20 Kilo Übergewicht hat, auf 20 Kilo verzichtet, ist das ein Verlust oder ist das ein Gewinn?

Der erste Schritt ist, dass die Politiker der Bevölkerung die Wahrheit sagen, dass sie nicht sagen, wir können durch unsere politischen Maßnahmen im wesentlichen die Dinge erhalten wie sie gegenwärtig sind oder mehr noch, wir können Verhältnisse herstellen, wie sie mal waren. Es wird nicht gehen und in sofern ist es außerordentlich verhängnisvoll, wenn eine Regierung antritt und sagt, Wachstum und dann wird das alles schon irgendwie gehen. Nein, es muss umgekehrt gestaltet werden. Die Koalitionsvereinbarung hätte beginnen müssen mit dem Wort „Zusammenhalt, Bildung und dann wollen wir mal weitersehen“.

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    01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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