25.05.2012

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Nr. 630

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Monitor Nr. 630 vom 02.02.2012

Die Legende vom Strompreis

Warum der Strom wirklich teurer wird



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Bericht: Jan C. Schmitt, Christof Schneider

Monika Wagener: "Vielleicht haben sie auch in den letzten Wochen Post von Ihrem Stromanbieter bekommen und vielleicht stand da auch, man müsse leider, leider den Preis erhöhen, vor allem wegen Fukushima und wegen der Energiewende. Da hat man natürlich Verständnis. Und wer kann so eine Stromrechnung schon nachvollziehen, wenn da die Rede ist von Netzentgelten, Netzgebühren, Beschaffungspreisen und EEG-Umlagen. Dabei steckt in den spröden Zahlen der Stromrechnung politischer Sprengstoff. Es geht um Umverteilung - von den Großen zu den Kleinen."

Energiewende lässt Strompreise explodieren. Das ist die Legende vom Strompreis. Nach Fukushima waren sich Politiker und Versorger einig; das Reaktorunglück hat die Preise hochgetrieben. Wir sind bei den Schaffraths in Köln. Strom für die Friseur von Kathrin Schaffrath, Strom für seinen Staubsauger. 800,- € zahlt die vierköpfige Familie im Jahr für den Strom, und jetzt scheint die Prophezeiung der Politiker wahr zu werden: Denn ab April will der Stromversorger noch mal 70,- € mehr. Hunderte Stromversorger erhöhen in diesen Monaten ihren Strompreis: um 4, 6 oder 8 %. Bei der RheinEnergie, dem Versorger der Schaffraths, sind es sogar 9 % mehr. Die RheinEnergie erklärt das ihren Kunden so:

Zitat: "Unsere Bezugskosten sind - insbesondere durch den Atomunfall in Fukushima und die folgende Energiewende - gestiegen. Und außerdem wurden die "Netzentgelte deutlich angehoben."

Würden die Schaffraths wegen der Energiewende mehr für den Strom zahlen? Katrin Schaffrath: "Okay wäre es für uns, wenn wir wüssten, dass diese 60,-, 70,- € bei den erneuerbaren Energien landen."

Frank Schaffrath: Dann, ... dann ist das ein Beitrag, bei dem ich mich sehr gut fühlen würde."

Laut RheinEnergie sollen also Fukushima, die Energiewende und gestiegene Netzentgelte schuld sein am Preisanstieg. Wirklich? Wir gehen der Sache nach. Ist der Atomunfall in Fukushima wirklich der Grund für die Preiserhöhung? Hier an der Leipziger Börse wird der Strompreis gemacht. Und hier stellt man seit Jahren fest: Die erneuerbaren Energien lassen den Strompreis sinken, weil sie unendlich zur Verfügung stehen. Welchen Einfluss hat nun Fukushima auf den Preis? Ein kurzer Anstieg im März nach der Reaktorkatastrophe - dann sank der Strompreis an den Börsen im Sommer wieder deutlich. Bei der Verbraucherzentrale in Berlin lassen wir uns das genauer erklären. Gab es einen großen Preissprung durch Fukushima ? Eher nein.

Frauke Rogalla, Bundesverband Verbraucherzentrale Rechte: WDR Bild vergrößern

Frauke Rogalla, Bundesverband Verbraucherzentrale

Frauke Rogalla, Bundesverband Verbraucherzentrale: "Es hat aber vielmehr eine Entwicklung dazu gegeben, dass insgesamt das Strompreisniveau nach unten gegangen ist. Es gibt Ausschläge an der Börse, wie an jedem Börsenhandel. Aber auch nach Fukushima ist das stabil geblieben im Schnitt. Und wir hatten im Januar sogar Preise, die unter dem Niveau von Fukushima gelegen haben."

RheinEnergie wollte MONITOR keine Zahlen nennen. Also rechnen wir selbst. Die Schaffraths könnte der kurze Preisanstieg nach Fukushima 10,71 € kosten. Das nächste Argument: Ist die Energiewende der Grund für die Preiserhöhung? Seit 2010 zahlt jeder Stromverbraucher für die Umstellung auf erneuerbare Energien eine Umlage. Nur die größten Stromschlucker müssen weniger bezahlen, zu Lasten der kleinen Stromverbraucher wie den Schaffraths. Für die Umlage der erneuerbaren Energien muss die Familie 2,14 € mehr bezahlen. Und schließlich das dritte Argument: Die gestiegenen Netzentgelte. Treiben sie den Preis in die Höhe? Bundeswirtschaftsminister Rösler hat genau die Unternehmen davon befreit, die am meisten Strom verbrauchen. Über die Freude, die das bei der Industrie ausgelöst hat, konnte MONITOR schon im Oktober berichten.

Annette Loske Rechte: WDR Bild vergrößern

Annette Loske

Annette Loske (27.10.2011), Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft: "Über diese Entlastung waren wir sehr überrascht, ja das ist richtig."

Reporter: "Freudig überrascht."

Annette Loske (27.10.2011), Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft: "Man wird auch manchmal freudig überrascht, das ist richtig."

Für diese Geschenke an die energieintensiven Unternehmen zahlen die Verbraucher schon jetzt Milliarden - versteckt sind sie in ihren Stromrechnungen. Prof. Uwe Leprich ist Gutachter der Bundesregierung. Für ihn ist die Subventionierung der Unternehmen in dieser Höhe nicht gerecht.

Prof. Uwe Leprich Rechte: WDR Bild vergrößern

Prof. Uwe Leprich

Prof. Uwe Leprich, Hochschule für Technik und, Wirtschaft, Saarbrücken: "Das ist uns solidarisch, meiner Ansicht nach. Wir können das Brett Energiewende als Gesellschaftswerk glaube ich nur stemmen, wenn alle mitmachen. Und da wäre auch die Politik gefordert, ja diesem Ausklammern der Industrie aus der Energiewende einen Riegel vorzuschieben."

Halten wir fest: Für das Netzentgelt-Geschenk an die Industrie zahlen Schaffraths 5,35 € mehr im Jahr. Die Politik hat noch was versäumt, bei den Netzgebühren. Was den Schaffraths weitere 22,35 € beschert. Wir rechnen: Börsenpreis, Umlage für erneuerbare Energien, Netzgebühren und Steuern. Das macht zusammen 40,55 €. Die Schaffraths sollen aber 70,- € bezahlen. Und der nicht ganz kleine Rest von 29,45 €? Darüber gibt RheinEnergie keine Auskunft. Jedenfalls bestreitet sie MONITOR gegenüber, einen Gewinn machen zu wollen. Und was hat die Preiserhöhung jetzt mit der Energiewende zu tun?

Frauke Rogalla, Bundesverband Verbraucherzentrale: "Die Preissteigerungen, die wir jetzt zum Anfang 2012 hatten, die haben erst mal noch nichts mit der Energiewende zu tun. Insofern ist es gerade jetzt ungerecht, das als Argument zu benutzen und vorzuschieben, das ist wirklich nicht nachvollziehbar."

Milliarden für die Großindustrie zulasten kleiner Stromkunden. Und Wirtschaftsminister Rösler hat schon das nächste Geschenk parat. Denn er plant für die Großindustrie eine weitere Entlastung. Ein Entwurf seines Ministeriums sieht vor, bis zu 102 Millionen Euro sollen die Großunternehmen bekommen, als Vorsorge für eventuelle Stromengpässe im Netz. 100 Millionen Euro mehr als nach einem Gutachten ursprünglich dafür veranschlagt waren. Auch diese Mehrkosten werden Kunden wie die Schaffraths demnächst auf ihren Stromrechnungen wiederfinden. Sie sollen lieber nicht erfahren, dass die Strompreiserhöhungen kaum etwas mit der Energiewende zu tun haben. Dafür sorgen wohl eher die Geschenke an die Großindustrie.

Frank Schaffrath: "Das ist ja ein Schlag ins Gesicht ..., dass ich denen Dinge bezahle, die anders abgesprochen und anders in den Medien auch vermittelt werden und ich vielleicht sogar noch guten Gewissens dieses Geld bezahlen würde. Und nachher kommt raus, nie, ist gar nicht, sondern die Großen subventionieren sich da."

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Monitor - weitere Informationen zur Sendung

  • Sendetermin

    MONITOR Nr. 634

    24.05.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

  • Wiederholungen

    Donnerstag, 24.05.2012
    23:30 Uhr - tagesschau24

    Freitag, 25.05.2012
    05:00 Uhr - ARD
    08:35 Uhr - RBB
    20:15 Uhr - EinsExtra

    Samstag, 26.05.2012
    08:20 Uhr - WDR

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