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Sendung vom 15.09.2011Monitor Nr. 625 vom 15.09.2011
Bericht: Isabel Schayani, Andreas Orth, Frank Konopatzki
Sonia Seymour Mikich: "Die IAA, die supercoole Leistungsshow der Auto-Industrie, hat heute in Frankfurt begonnen. Und werbewirksam geben sich die Hersteller als Umweltwohltäter mit ihren sparsamen Motoren, mit ihren besseren CO²-Bilanzen. Fast alle neuen Modelle haben natürlich eine Klimaanlage, und auch die trägt zur Öko-Bilanz bei. Die EU hatte die Hersteller gezwungen, ab diesem Jahr ein umweltfreundliches Kältemittel einzuführen. Doch das Kältemittel, das die Autoindustrie will, ist für den Menschen ein hochexplosiver Giftcocktail!"
Er untersucht einen Stoff, der demnächst in den Klimaanlagen aller neuen Automodelle eingesetzt wird - R1234yf. Wenn er brennt, wird er hochgiftig. Es bildet sich Flusssäure, also Fluorwasserstoffsäure. Sie verätzt nicht nur diese Glasscheibe, sondern auch Atemwege und Haut.
Prof. Andreas Kornath, Chemiker LMU München: "Ein Gramm Fluorwasserstoff ist für den Menschen schon tödlich."
Ein Autotempel auf der IAA. Wir wollen wissen, warum die Automobilindustrie auf R1234yf setzt? Und fragen. Dieses Jahr dreht sich hier alles um die Umwelt. Die Klimaanlagen machen bislang rund 15 % der CO²-Bilanzen eines Autos aus. Es gibt ja kaum noch eines ohne. Unsere kritischen Fragen nach dem neuen Kältemittel sind hier aber eher ein Stimmungskiller. Leider keiner da, keine Informationen, zu speziell. Besonders elegantes Schweigen bei Benz. Wir sollen uns doch an den VDA wenden, den Verband der Automobilindustrie. Er beantwortet für die Hersteller die lästigen Fragen.
Hans-Georg Frischkorn, Verband der Automobilindustrie: "Die deutsche Automobilindustrie hat sich für R1234yf - fürchterlicher Name, aber so heißt dieses neue Kältemittel - entschieden, weil es einen erheblichen Vorteil Richtung Klimafreundlichkeit bietet, und wir diesen Vorteil realisieren wollen."
Das neue Kältemittel ist also klimafreundlicher. Und was ist mit dem Menschen? Was, wenn es tropft, wenn es gewechselt wird, was passiert bei Unfällen mit R1234yf? Genau hier beginnt das Problem.
Gabriele Hoffmann, Umweltbundesamt: "1234yf halten wir vom Umweltbundesamt für problematisch, da es ein brennbarer Stoff ist. Das Problem ist, dass er schon bei relativ niedrigen Temperaturen auch ohne Brand an heißen Oberflächen zerfallen kann, in gefährliche Flusssäure. Und dass er bei relativ niedrigen Temperaturen eben auch schon selbst brennt. Das heißt beim Unfall kann es zu einem Brand kommen."
Die Bundesanstalt für Materialforschung hat das Kältemittel monatelang im Auftrag des Bundesumweltamtes untersucht. Und stellt fest:
Zitat: "In fast allen Tests, wo das Kältemittel freigesetzt wurde, wurden kritische Mengen für die menschliche Gesundheit erreicht. Es kann (…) zu irreversiblen Gesundheitsschäden kommen."
Wir fragen nach bei den Autofirmen nach auf der Messe.
Christian Bangemann, Audi AG: "Wir setzen derzeit auf R1234y-Mittel wie alle im VDA organisierten Hersteller, wie alle Hersteller weltweit."
Reporterin: "Und was sagen Sie zu der Risikoeinschätzung in der Unfallsituation?"
Christian Bangemann, Audi AG: "Bei Audi werden wir natürlich alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, und wir werden die Risiken, soweit es irgend möglich ist, ausschließen."
Aber auch Audis machen mal Unfälle. Und wenn sich dann das Kältemittel entzündet und Flusssäure entsteht? Und wenn diese Flusssäure auf den Menschen, auf Gewebe trifft? Chemieprofessor Andreas Kornath zeigt es uns an einer Schweinehaxe. Ergebnis: Die Flusssäure verätzt das Gewebe, als würde es gekocht. Das könnte bei einem Unfall passieren. Ist den Herstellern die Gefahr für den Menschen nicht so wichtig?
Christian Buhlmann, Volkswagen AG: "Der Deutsche Feuerwehrverband hat das ausführlich getestet und hat eben die Unbedenklichkeit entsprechend auch bescheinigt."
Unbedenklichkeit? Die Feuerwehr schreibt lediglich: Der Verband der Automobilindustrie hat den deutschen Feuerwehrverband umfassend über R-1234yf informiert. Aber eigene Tests mit dem Mittel hat der Feuerwehrverband gar nicht gemacht.
Reporterin: "Was sagen Sie zu der Einschätzung vom Umweltbundesamt?"
Christian Buhlmann, Volkswagen AG: "Die Gesundheitsschädlichkeit von Flusssäure, die ist unbestritten."
Reporterin: "Die Schädlichkeit von Flusssäure, die auftritt, wenn dieses Mittel eingesetzt wird und bei einem Brand entsteht?"
Christian Buhlmann, Volkswagen AG: "Sie sehen das als gegeben an, dass das dabei wirklich entsteht, kann eben nur bei diesen Temperaturen entstehen. Und die haben wir bei dem Fahrzeugcrash in dieser Umgebung nicht, die erreichen sie eben erst bei diesen hohen Temperaturen von 450 °C."
Reporterin: "Und so warm wird es bei VW bei den Unfällen nicht?"
Christian Buhlmann, Volkswagen AG: "So warm wird es bei den realen Unfällen eben nicht."
Es wird noch viel wärmer. Bei einem Motorbrand sind es mindestens 600 °C. Auch bei einem VW. Für Mensch und Umwelt ungefährlich ist das Kältemittel CO². Ganz natürlich. Bieten auch bekannte Zulieferer an.
Georg Wolf, Ixetic: "Wir hatten vor einigen Jahren das Thema schon serienreif gehabt, für ein normales Werkzeug. Es war auch vom VDA mitentschieden und empfohlen, CO² als natürliches Kältemittel einzusetzen."
Aber keiner hat es gemacht. CO² habe sich in anderen Ländern nicht durchsetzen lassen, sagen die Hersteller.
Hans-Georg Frischkorn, Verband der Automobilindustrie: "Wir wollen keine nationale Insellösung, sondern wir wollen weltweit ein und dasselbe Kältemittel einsetzen, in der gesamten Automobilindustrie. Und dieser weltweite Standard ist nun eben R1234yf."
Das Argument leuchtet ein. Aber es ist ziemlich gefährlich.
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