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Sendung vom 16.06.2011Monitor Nr. 621 vom 16.06.2011
Bericht: Isabel Schayani
Monika Wagener: "Wer entscheidet in Deutschland eigentlich darüber, was Kunst ist? Die richtig großen Kunstexperten sitzen offenbar nicht im Museum, in Galerien oder Kunsthochschulen. Vergessen Sie das. Sie sitzen - beim Zollamt. Dort wird entschieden, was Kunst und was Ware ist, zumindest steuerrechtlich. Und jetzt raten Sie mal, was Stolpersteine sind? Diese kleinen Gedenksteine, die ins Straßenpflaster eingelassen werden und uns im Alltag immer wieder an die unzähligen Nazi-Opfer erinnern. Ist das Kunst oder Ware? Isabel Schayani über einen wirklich kuriosen Kulturstreit."
Erst sehen sie gleich aus, doch sobald man die Namen liest, beginnen die Stolpersteine zu erzählen. Jeder Stein ein Leben, zum Beispiel das von Karel Jelinek. Wir sind in Prag, vor dem Haus, aus dem Jelinek verschleppt wurde. Einer von sechs Millionen Juden. Statt eines Grabes bekommt Jelinek einen Stolperstein. Das ist die Idee des deutschen Künstlers Gunter Demnig. Jetzt gedenken Menschen des unbekannten Herrn Jelinek, und werden später über seinen Namen "stolpern".
Otto Musil (Übersetzung MONITOR): "Es ist eine Erinnerung an meinen Vater, über den ich nicht viel weiß. Ich war erst acht Jahre alt, als er deportiert wurde nach Theresienstadt."
Viel Medieninteresse an Demnigs Stolpersteinen. Längst ist der Aktionskünstler international eine Figur und Träger des Bundesverdienstkreuzes.
Gunter Demnig: "Es ist ein Projekt für ganz Europa, es sind 10 Länder in Europa. Es sind fast 30.000 Steine."
Demnigs Werk findet bei renommierten Kunstexperten große Beachtung.
Prof. Kasper König, Direktor Museum Ludwig, Köln: "Es ist für mich eine ganz erstaunliche Leistung eines Künstlers, mit minimalen Mitteln, sehr physisch, sehr konkret, an den jeweiligen Straßen, Städten, Orten, eine Erinnerung zu schaffen, die etwas zu tun hat, was unser Trauma ist, zugleich mit einem konkreten Leben, was ausgelöscht wurde."
Nächster Termin auf der anderen Seite der Moldau. Es werden immer mehr, Demnigs Kunstwerk wächst. Kunstwerk! Das Finanzamt Köln-Altstadt sieht das anders. Es meint nämlich, die Stolpersteine seien nur schnöde Hinweisschilder und gar keine Kunst.
Gunter Demnig: "Ich glaube, diejenigen, die das beurteilt haben beim Finanzamt, die hätten dann mal dabei sein müssen bei so einer Verlegung. Und nicht einfach nur sagen, na ja, das ist ja eben ein Stück Blech, was verlegt wird in die Erde. Die haben nie gesehen, was wirklich passiert."
Anfang 2010 stand das Finanzamt vor Demnigs Tor. Mittels Steuerrecht wurden seine 95 € teuren Stolpersteine nun inspiziert, analysiert und kategorisiert. Bislang führt er 7 % Umsatzsteuer ab, ist üblich bei Kunst. Das Finanzamt urteilte, es sei keine Kunst, sondern Ware und er müsse 19 % abführen. Außerdem solle er rückwirkend Steuern nachzahlen, mindestens 150.000 €. Für Demnig würde das bedeuten ...
Gunter Demnig: "... dass praktisch, das was ich mir mal als Altersvorsorge angeschafft habe, plötzlich bei null wäre. Dafür kann ich mir dann hinterher Hartz IV holen. Das wäre wirklich erst mal ein Ruin."
Demnig bekam es detailliert und schriftlich von einem Zolloberamtsrat der Bundesfinanzverwaltung. Der fand heraus, der Stolperstein sei tatsächlich nur eine ...
Zitat: "2 mm starke Messingplatte".
Statt auf einem Betonwürfel, könne sie ebenso gut an jeder Hauswand hängen. Eben wie ein Blechschild.
Prof. Johanna Hey, Steuerrechtsexpertin, Universität Köln: "Die ganze Aktion, die heißt ja Stolpersteine. Das heißt, man kann jetzt nicht einfach nur dieses Metallplättchen sich angucken, was vielleicht wie so eine Hinweistafel wird. Sondern man muss natürlich das Gesamte sehen, und wenn man sich das gesamte Projekt hier anschaut, und natürlich auch den einzelnen Gegenstand, den Stolperstein, dann meine ich nicht, dass man noch sagen kann, das ist ein Gebrauchsgegenstand."
Demnig wehrte sich. Doch auch die Oberfinanzdirektion blieb bei 19 %. Mit 7 % werden nämlich nur ausgewählte Waren gefördert wie Hamsterfutter, Maultiere, Werbebroschüren, Rollrasen, Wurzelknollen und eigentlich auch Kunst. Die Stolpersteine nicht. Der Streit ging in die nächste Runde. Die Entscheidung lag dann beim Finanzminister des Landes.
Norbert-Walter Borjans, Finanzminister NRW: "Das Entscheidende an unserem Steuersystem ist auch, dass es ein Objektives sein muss, dass man nicht nach gut Dünken entscheiden kann, sondern, dass man im Prinzip sich angucken muss, welche Regeln haben wir, was müssen andere tun, die einen Umsatz machen mit ehrlicher Arbeit. Und das müssen wir uns angucken."
Das sagte uns der Minister am Freitag. Irgendwie schien ihm das Interview unangenehm. Gestern traf er eine Entscheidung: Demnig muss die 150.000 € doch nicht zurückzahlen. Aber ab sofort soll er 19 % pro Stein abführen. Das ist jetzt also Ware, keine Kunst. Über den Stein von Heinrich Müller sind wir gestolpert. Er liegt nämlich genau vor Demnigs Finanzamt in Köln.
Monika Wagener: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Demnigs Gesamtkunstwerk, es wächst täglich - trotzdem."
Aktualisierung am 28.6.2011: Der "Stolperstein"-Künstler Gunter Demnig muss nun doch keine höhere Umsatzsteuer für seine Mahnmale abführen. Mit dieser Entscheidung beendete der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) den Streit zwischen dem Künstler und seiner Finanzverwaltung. Die hatte Demnigs Arbeit zuvor als "Handelsware" klassifiziert und festgelegt, dass Demnig statt dem ermäßigten Satz von sieben Prozent 19 Prozent Umsatzsteuer ans Finanzamt abführen sollte. Kurz vor der Ausstrahlung eines Beitrages dazu in MONITOR hatte der Minister schon eine Steuerrückzahlung von rund 150.000 Euro gestoppt. Doch obwohl Walter-Borjans betonte, die Stolpersteine persönlich für Kunst zu halten, war er zunächst der Auffassung der Finanzbehörden gefolgt, dass die Stolpersteine mit 19 Prozent besteuert werden sollten, womit sie steuerrechtlich eben doch keine Kunst gewesen wären. Jetzt ist wohl klar: Stolpersteine sind Kunst - auch steuerrechtlich.
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