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Rückschau
Sendung vom 24.09.2009Monitor Nr. 598 vom
Bericht: Andreas Orth, Kim Otto, Markus Schmidt, Markus Zeidler
Sonia Mikich: "7,3 Billionen Euro
soll die Krise, selbst nach Schätzungen von Bankern kosten. Allein
bis Ende diesen Jahres."
"In Pittsburgh, USA, doktern gleich die Chefs der G20-Länder an den
Symptomen der Finanzkrise herum. Ein bisschen die Manager-Boni
stutzen, mehr Eigenkapital für die Banken vorschreiben, ein paar
Behörden einrichten. Ob der Finanzkapitalismus aber dadurch gezähmt
wird? Weltweit verbindliche Regeln, strenge Verbote, effiziente
Kontrollinstrumente, sie sind in Pittsburgh weiche Absicht, nicht
harte Tatsache. Und in Deutschland? Markus Schmidt, Andreas Orth
und Kim Otto berichten, wie luftig-leicht es bislang mit der
Kontrolle geht. Insider erzählen von der … Bankenaufsicht
light."
Angela Merkel, soeben in Pittsburgh gelandet. Zum
G20-Finanzgipfel. Wichtigstes Thema: Nie wieder soll die Kontrolle
der Finanzmärkte versagen. So der Anspruch hier, so die Beteuerung
der Kanzlerin seit Wochen und Monaten.
Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin, 7.
Oktober 2008: "Wir brauchen eine vorausschauende Aufsicht,
die rechtzeitig sich aufbauende Fehlentwicklungen erkennt und dann
auch handelt."
Doch wurde die Aufsicht tatsächlich verbessert? Nein, sagt dieser
Mann. Günter Hofmann war bis vor kurzem Chef-Revisor bei einer
internationalen Großbank. Er weiß, was passiert, wenn die externen
Kontrolleure kommen. Die externen Kontrolleure, das sind in
Deutschland zum einen die privaten Wirtschaftsprüfer. Sie
kontrollieren die jährlichen Bilanzen. Die externen Kontrolleure,
das sind aber auch die Beamten der staatlichen Aufsicht. Und Günter
Hofmann ist der Ansicht, dass weder die einen noch die anderen
wirklich taugen.
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Jede
ein, zwei Jahre war eine neue Prüfungsmannschaft, ein neuer
Prüfungsleiter vorhanden, dem man wieder erstmal erklären musste,
was überhaupt die Bank macht. So, die hatten keine ... die hatten
nicht so viel Ahnung und deswegen mussten wir ihnen einfach alle
Dinge ein-, zwei-, dreimal wieder zeigen."
Reporter: "Aber können die dann
wirklich richtig prüfen?"
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Wie
wollen sie da wirklich prüfen?"
Eine Einzelbeobachtung? Die Liste der Krisenbanken. Jede dieser
Banken wurde von einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen geprüft, mit
einem Gütesiegel versehen, dem Testat. Bis unmittelbar zum Crash.
Heute müssen die Steuerzahler mit mindestens 140 Milliarden für
diese Banken bürgen.
Prof. Karl-Joachim Schmelz,
Bankenrechtler: "Die Erfahrungen in der Finanzkrise zeigen
ja gerade, dass die Testate der Wirtschaftsprüfer eigentlich
wertlos sind, wenn wenige Wochen vor dem Zusammenbruch noch
bestätigt wurde, dass alles in Ordnung sei. Das hängt im Kern
natürlich damit zusammen, dass die Wirtschaftsprüfer von den
Unternehmen, von den Banken, bezahlt werden."
Politische Konsequenzen daraus? Bislang keine. Im Gegenteil. Das
zeigt sich hier. Hier bei der BaFin - der Finanzaufsicht - der
staatlichen Kontroll-Säule. Interne Papiere des Verwaltungsrates
offenbaren, warum auch die BaFin bei der Kontrolle der Banken
versagte. Sparen war hier oberste Maxime. Für 2008, als die Krise
auf den Höhepunkt zulief, forderte die BaFin geradezu verzweifelt
mehr Planstellen. Bewilligt wurden: "... statt der ursprünglich
beantragten 34,5 Stellen nur noch eine Stelle. Und fünf Stellen für
den Betrieb der Kindertagesstätte."
Erst nachdem die Banken zusammengebrochen waren, bekam
BaFin-Chef Sanio 20 neue Stellen für die Bankenaufsicht. Seiner
Meinung nach viel zu wenig, um optimale Arbeit zu machen.
Jochen Sanio, Präsident BaFin, 2. Juni
2009: "Vom Personal her sind wir im Vergleich hoffnungslos
unterbesetzt. Alles, was wir schaffen können, ist, uns an den
gewünschten Zustand anzunähern, das Optimum werden wir nie
erreichen."
Ein Zustand, der politisch gewollt war, auch das steht in den
Protokollen des Verwaltungsrates. Statt die eigenen Staatsprüfer zu
schicken, setzte die Bundesregierung vermehrt auf private Prüfer.
MONITOR liegt die interne Anweisung des zuständigen Staatssekretärs
im Finanzministerium Asmussen vor. Danach gilt für die BaFin ab
2007 die Vorgabe:
ZITAT: " Die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer
sollen stärker genutzt werden, um damit weniger Prüfungen durch die
BaFin zu haben."
In der Praxis bedeutet das bis heute auch: Outsourcing. Statt die
Unterlagen der Banken selbst vor Ort zu prüfen, schickte die BaFin
jedes Jahr in Dutzenden von Fällen private Prüfer in die
Bank-Büros. Beauftragt werden die Wirtschaftsprüfer von der BaFin.
Bezahlt werden sie von der zu prüfenden Bank.
Prof. Karl-Joachim Schmelz,
Bankenrechtler: "Die Tatsache, dass die BaFin bei Problemen
Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mit Sonderprüfungen beauftragt,
ist natürlich ein völliges Unding, ist ein Skandal. Die BaFin
müsste selber in der Lage sein, personell und in kompetenzmäßiger
Hinsicht diese Prüfungen vorzunehmen. Das läuft auf eine
Privatisierung der Aufsicht hinaus."
Günter Hofmann hat solche Prüfungen im Auftrag der BaFin selbst
erlebt. Er weiß, wie Bankvorstände versuchen, kritische Passagen in
den Prüfberichten glattzubügeln.
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Wenn
die Bücher fertig sind, schreiben Sie einen Berichtsentwurf, der
dann der Bank ausgeliefert wird. Die Bank, die verschiedenen
Abteilungen der Bank, schauen sich diesen Bericht an und versuchen,
irgendwelche negativen Sätze, die möglicherweise enthalten sind, zu
analysieren, zu erkennen und schreiben die dann um.
Reporter: "Das heißt, die Bank
überarbeitet noch den Bericht der Prüfer?"
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Ja, das
ist üblich.
Reporter: " Bevor er zur BaFin
geht?"
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Das ist
sehr üblich."
Reporter: "Und haben Sie schon einmal
erlebt, dass wesentliche schlechte Formulierungen nicht
rausgestrichen wurden?"
Günter Hofmann, Bankrevisor: "Noch
nie, noch nie."
Schwere Vorwürfe. Dazu der Dachverband der Wirtschaftsprüfer: Das Berufsethos der Wirtschaftsprüfer, die Verpflichtung zur Unabhängigkeit, sichere ein neutrales Urteil, es sei üblich, dass die geprüfte Bank Gelegenheit zur Stellungnahme habe. Immer sauber geprüft? Beispiel Zusammenbruch der Sachsen-LB im Jahr 2007. Noch kurz vor dem Crash hatten die Wirtschaftsprüfer von PWC die Bank testiert. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft, und das Land Sachsen prüft Schadensersatzforderungen gegen PWC. Mehrere Bilanzen der Sachsen-LB wurden gerichtlich für nichtig erklärt. PWC ist überzeugt, korrekt gearbeitet zu haben. Ebenfalls als Prüfer in der Sachsen-LB damals eine andere große Prüfungs-Gesellschaft, KPMG als Sonderprüfer für die BaFin. MONITOR liegt der geheime Prüfbericht vor. Die KPMG-Prüfer stellten erhebliche Mängel im Risikomanagement fest und schlugen vor, dafür zusätzliche 38 Millionen Euro in der Bilanz zurückzustellen. Das tatsächliche Risiko betrug dann später beim Crash das Zigfache - Milliarden. Der Verfassungsgerichtshof des Landes Sachsen stellte dazu vor wenigen Tagen fest. Die 38 Millionen waren viel zu wenig. Die Maßnahmen ... "... waren evident nicht geeignet, die angesprochenen Risiken vollständig abzudecken." KPMG sagt dazu: Es sei nicht ihr Auftrag gewesen, die Subprime-Risiken zu prüfen." Subprime - das sind Risikopapiere.
Prof. Karl-Joachim Schmelz,
Bankenrechtler: "Die Beurteilung durch den
Verfassungsgerichtshof ist für die Wirtschaftsprüfer vernichtend.
Denn das Urteil bestätigt ihnen, dass sie ein ganz wesentliches
Risiko, dass aus der Marktsituation ein Zusammenbruch des Marktes
folgen könnte, für die Bewertung dieser Papiere überhaupt nicht
gesehen und auch darauf nicht hingewiesen."
Die Bundesregierung wird in Pittsburgh weitreichende Reformen, auch
der Bankenkontrolle fordern. Daheim wurde die versprochene
Neuorganisation der Bankenkontrolle im Streit zwischen
Finanzminister und Kanzlerin zerrieben und verschoben. Den Banken
Paroli bieten? Hausaufgaben nicht gemacht.
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
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