Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Rückschau
Sendung vom 13.08.2009Monitor Nr. 597 vom
Bericht: Kim Otto, Markus Schmidt
Georg Restle: "Von den Gewinnern der Gesundheitsreform zu den Gewinnern der Wirtschaftskrise. Die Konjunkturdaten, die heute veröffentlicht wurden, nähren bei manchen ja schon wieder leise Zukunftshoffnungen. Vor allem zwei deutsche Großunternehmen haben zurzeit aber so richtig Grund zur Freude: Die Deutsche Bank und die Allianz machen schon wieder Milliardengewinne, so, als ob es nie eine Krise gegeben hätte. Dabei sind es ja gerade auch diese beiden Unternehmen, die von den Steuermilliarden für die Pleitebank HRE erheblich profitiert haben. Kim Otto. Markus Schmitt und Katja Garmasch zeigen Ihnen, wie aus den Mitverursachern der Krise ihre größten Profiteure wurden. Und wer in einer der langen Nächte der Entscheidungen eigentlich das Sagen hatte."
Goran Baric ist so genannter Headhunter. Er sucht die besten
Köpfe, um sie gegen Provision zu vermitteln. Besonders gesucht sind
zurzeit wieder - Banker, Investmentbanker. Krise, welche Krise? Die
Finanzwetten laufen wieder - und auch die Boni fließen wieder
reichlich - wie ehedem.
Goran Baric, Headhunter: "Ich sehe,
dass wir wieder Geld verdienen. Ich sehe, dass wir wieder Erträge
reinholen, aus Erträgen werden die Boni kalkuliert. Ansonsten
werden diese Mitarbeiter sich umschauen und gegebenenfalls zu
Konkurrenz wechseln."
Krise, welche Krise? Auch in Deutschland wird wieder sehr gut
verdient. Deutsche Bank und Allianz lieferten dieser Tage
hervorragende Quartalszahlen: 1,1 Milliarden Gewinn bei der
Deutschen Bank, 1,9 Milliarden bei der Allianz. Hohe Verluste
dagegen bei der Hypo Real Estate, der Bank die verstaatlicht wurde
und nur dank Steuermilliarden überlebt. Gewinne privatisieren,
Verluste den Steuerzahler tragen lassen. Das ist ungerecht, findet
Professor Blum, ein angesehener, ein konservativer Ökonom. Er
leitet das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle:
Prof. Ulrich Blum,
Wirtschaftsforschungsinstitut Halle: "Die Verursacher der
Krise drohen zu den Gewinnern der Krise zu werden. Und der Bürger
zahlt die Zeche. Wenn wir überhaupt über Gerechtigkeit sprechen
wollen, ist das zutiefst ungerecht."
Rückblende: Voriges Jahr - Krisensitzung. Damals stand der
Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate vor dem Aus. Es drohte die
Kernschmelze des Deutschen Finanzsystems, so erzählen Teilnehmer
der Sitzung. Gefeilsche bis spät in die Nacht. Wer trägt die
Risiken? Die Eigentümer und Gläubiger der HRE - so wie in einer
Marktwirtschaft eigentlich vorgesehen - oder der Steuerzahler?
Einigung in letzter Minute. Der Chef der Deutschen Bank Josef
Ackermann telefoniert mit der Kanzlerin: Der Staat steigt ein, bis
heute mit nahezu 100 Milliarden, Banken und Versicherungen geben
Kredite in Höhe von 30 Milliarden.
Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin
22.03.2009 bei "Anne Will": "Bei Hypo Real Estate haben
Pensionsfonds und Rentenversicherungen Ihr Geld angelegt, wir
können die nicht einfach vom Markt verschwinden lassen. Was wir
nicht können ist, mit viel Geld die Aktionäre aufpäppeln, damit die
zum Schluss wieder ein tolles Geschäftsmodell haben und der
Steuerzahler hat alles bezahlt."
Gerhard Schick (Bündnis 90/Die Grünen),
Mitglied des HRE-Untersuchungsausschuss: "Das was Frau
Merkel eigentlich vermeiden wollte, nämlich dass die
Steuerzahlerinnen und Steuerzahler die Zeche zahlen, die Aktionäre
aufpäppeln, und nachher alles weitergeht wie vorher, das ist doch
genau das, was wir heute beobachten."
Gerhard Schick vertritt die Grünen im HRE-Untersuchungsausschuss in
Berlin. Gemeinsam mit seinem Kollegen Wissing von der FDP versuchen
sie die Entscheidungen von damals nachzuvollziehen. Es geht um die
Frage, wer von dem Deal vor allem profitiert hat. MONITOR liegt die
geheime Liste der Gläubiger vor, die damals mit am Abgrund standen.
Eine lange Liste großer deutscher Versicherungen, Landesbanken,
Privatbanken. Allein der Allianz schuldete die HRE 5,6 Milliarden
Euro, der deutschen Bank gut eine Milliarde. Zusammengerechnet mehr
als 50 Milliarden, eine Summe für die heute der Steuerzahler
garantiert - ohne Gegenleistung - eine Subvention für die
geretteten Gläubiger der HRE. Hat sich die Bundesregierung über den
Tisch ziehen lassen? Und hat der Chef der Deutschen Bank sogar mit
falschen Zahlen operiert, um die zögerliche Kanzlerin mit ins Boot
zu ziehen? Klar ist: Die Banken, die Deutsche, die Commerzbank
hatten schon seit Wochen die HRE auf Herz und Nieren geprüft. Sie
hatten die Hoheit über die Zahlen. Ihre Hauptinteressen: Erstens:
Als Gläubiger möglichst wenig Geld verlieren; Zweitens: Das Risiko
soweit wie möglich auf den Steuerzahler verlagern. Die
Verhandlungstaktik: Druck aufbauen, Lage dramatisieren, indem man
offenbar die Rücklagen der HRE - die sogenannten Assets - klein
rechnete.
Volker Wissing (FDP): "Die
privaten Banken haben die Werte offensichtlich heruntergerechnet,
die Assets waren mehr wert als damals angenommen. Und der Staat hat
den privaten Banken einfach geglaubt, hat die Zahlen nicht infrage
gestellt."
Erst danach hat die Bundesregierung den Wert der Assets überprüfen
lassen. MONITOR liegt dazu der geheime Vermerk vor. Erstaunlich:
Die Gutachter der Bundesregierung kommen, so wörtlich zu „deutlich
höheren Bewertungsergebnissen von knapp 30 Milliarden. Immerhin das
Doppelte der 15, die die Privatbanken angesetzt hatten.
Absicht?
Gerhard Schick (Bündnis 90/Die
Grünen): "Die niedrige Bewertung der Wertpapppiere war ja
das zentrale Argument, warum die Bundesregierung mithelfen musste.
Wenn dann im Nachhinein klar wird, dass die Wertpapiere eigentlich
mehr wert sind, dann wird deutlich, die privaten Banken hätten mehr
davon alleine stemmen können. Die Bundesregierung hätte also
unbedingt nachverhandeln müssen, um die Risiken für
Steuerzahlerinnen und Steuerzahler wieder zu reduzieren, und das
ist unterblieben."
Und mehr noch: Die Nutznießer der Rettung der HRE verdienen auch
noch gutes Geld damit. Sie gaben einen Kredit in Höhe von 30
Milliarden, der hervorragend abgesichert und gut verzinst wird.
Allein die Deutsche Bank verdient daran 100 Millionen Euro. Die
Deutsche Bank weist Vorwürfe, sie habe die Notlage der HRE genutzt,
um sich zu bereichern, als böswillig zurück.
Volker Wissing (FDP): "Banken und
Versicherungen hatten ein großes Interesse daran, dass Hypo Real
Estate gerettet wird, sie hätten ansonsten Milliarden-Verluste
hinnehmen müssen. Sie haben erstaunlich gut verhandelt, haben sehr
geschickt für sich das Maximum rausgeholt. Der Steuerzahler dagegen
war schwach vertreten."
Professor Blum beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Er
schlägt einen Lastenausgleich vor, mit dem sich die Finanzbrache an
den immensen Kosten beteiligen soll.
Prof. Ulrich Blum,
Wirtschaftsforschungsinstitut Halle: "Es gibt Belastete -
das ist der normale Bürger - das ist vor allen Dingen der Staat.
Und es gibt Profiteure - das sind vor allem die geretteten Banken,
die wieder gute Bilanzen schreiben werden in Zukunft. Und die
sollten einen Teil ihres Vermögens abgeben. Wenn wir sagen, dass
wir 300 Milliarden Euro letztendlich an zusätzlicher
Staatsverschuldung irgendwie herein bekommen müssen, damit wären
das rund 40 bis 45 Milliarden Euro pro Jahr und das müsste über
eine Vermögensausgabe von denen bezahlt werden. Und das halte ich
für fair."
Doch die Kanzlerin hört bei solchen Vorschlägen angestrengt weg,
Die Vertreter von Versicherungen und Banken nahmen zwar gerne die
Milliarden-Geschenke entgegen, aber zurückzahlen? Fairer
Lastenausgleich? Für die Regierungsparteien, SPD wie CDU, kein
Thema im Wahlkampf.
Prof. Ulrich Blum,
Wirtschaftsforschungsinstitut Halle: "Es ist völlig klar,
dass man diese Debatte zurzeit scheut wie der Teufel das
Weihwasser, weil natürlich die Debatte dazu führt, dass man sich
fragen muss, mit welchen Machtkonstellationen man in Deutschland
sich letztlich anlegt. Und es ist möglicherweise leichter, eine
Mehrwertsteuererhöhung durchzuziehen und damit die Wirtschaft in
nächster Zeit zu belasten, als mit den Banken hier ins Gespräch zu
kommen, eine irgendwie geartete faire Beteiligung an den Lasten der
Staatsschuld zu organisieren."
Gerechtigkeit, Fairness. Für die Kunden von Goran Baric, den
Headhunter, zählen andere Werte. Die drehen sich um Gewinn, Umsatz,
Rendite.
Georg Restle: "Nach neuesten Meldungen müssen wir Steuerzahler übrigens noch mindestens bis 2012 für die Milliardenverluste der HRE aufkommen. Von den leeren Staatskassen erfahren Sie und wir dann nach der Bundestagswahl. Von wegen, Krise vorbei."
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben."
[mitbloggen]

MONITOR zum Mitnehmen
Der VideoPodcast für unterwegs!

Armut trotz Arbeit
MONITOR-Beiträge über den Alltag von Arbeitnehmern, Arbeitslosigkeit, Mobbing und Altersvorsorge.
[mehr]

Umwelt- und Klimapolitik
Das Ende einer Energie-Epoche.
[mehr]

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2012