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Rückschau
Sendung vom 13.08.2009Monitor Nr. 597 vom
Bericht: Ralph Hötte
Georg Restle: "In unserem nächsten Film geht es um eine der großen Lebenslügen dieser Republik. Und das bei einer ihrer wichtigsten Institutionen, der deutschen Polizei. Bis heute glaubt man dort daran, dass deutsche Schutzpolizisten im Nationalsozialismus reine Befehlsempfänger waren, die weder über den Ort noch die Zeit ihres Einsatzes entscheiden konnten. Neueste Forschungen zeigen jetzt, dass mit dieser Lebenslüge wohl endgültig aufgeräumt werden muss. Sie belegen, mit welch brutalem Einsatzeifer Schutzpolizisten bei der Deportation von Juden in die Konzentrationslager beteiligt waren. Diese Polizisten wurden nie strafrechtlich verfolgt. Jahrzehntelang hat die deutsche Justiz weggeschaut. Und viele der Polizisten haben in der Bundesrepublik sogar Karriere gemacht. Ralph Hötte hat eine der Überlebenden der Deportationszüge besucht - und einen der damaligen Polizisten."
23. März 1943. In einem Deportationszug bringen die Nazis Juden aus dem besetzten Frankreich in ein Vernichtungslager. Bewacht werden die Züge während der Fahrt, was kaum einer weiß, nicht mehr von Wehrmacht oder SS, sondern von deutschen Schutzpolizisten. Als ein Jude flüchten will und vom Zug springt, wird er von einem Polizisten bemerkt. Im Polizeibericht heißt es später:
Zitat: "Zugwachtmeister der Schutzpolizei K. gab einige Schüsse mit der MP ab, die jedoch ihr Ziel verfehlten. Er zog die Notbremse, worauf der Zug nach etwa 600 Metern hielt. K. lieh sich ein Rad von einer zufällig des Weges kommenden Frau und fuhr dem Juden nach."
Kurz bevor der Flüchtende einen Fluss durchschwimmen wollte, wurde er eingeholt.
Zitat: "Diesen Augenblick nützte K. geistesgegenwärtig aus und gab mehrere Schüsse auf den Juden ab. Als K. an die Stelle kam, an der der Jude über das Ufergelände gesehen hatte, sah er die Leiche in einer großen Blutlache im Wasser liegen. Gez. Uhlemann, Oberstleutnant der Schutzpolizei."
Es hat sie gegeben und gar nicht so selten. Fluchtversuche von Deportationszügen der Nazis. Viele Flüchtende sind erschossen worden, aber manche haben es geschafft. Régine Krochmal sollte damals aus Belgien in ein Vernichtungslager gebracht werden, mit einem Zug der Nazis, der während der Fahrt von deutschen Schutzpolizisten bewacht wurde.
Régine Krochmal (Übersetzung MONITOR): "In dem Moment, als wir losfuhren haben uns die Deutschen zugerufen, falls jemand zu fliehen versucht, werden wir alle im Waggon töten."
Régine Krochmal schaffte es, vom Zug zu springen, die Polizisten zogen die Notbremse und schossen um sich.
Régine Krochmal (Übersetzung MONITOR): "Ich steckte mir Erde in den Mund, um nicht zu schreien und kauerte mich auf dem Boden. Es war taghell, wegen des Vollmondes. Einfach grauenhaft, immer wieder Schüsse und Schüsse, und überall Menschen, die vor Schmerzen schrien."
Tanja von Fransecky. An der TU Berlin untersucht sie gerade Fluchtversuche von Deportationszügen. Ihre Arbeit bringt dabei etwas völlig Neues ans Tageslicht, die tatsächliche Rolle deutscher Schutzpolizisten bei den Deportationen. Ein besonderer Eifer wie bei dem Polizisten, der noch mit dem Fahrrad hinterherfuhr, ist kein Einzelfall.
Tanja von Fransecky, TU Berlin: "Auch in anderen Fällen kann man sehen, dass das eigene Engagement wirklich ein Eifer war, der Schutzpolizisten dazu getrieben hat, den flüchtenden Juden mit hohem Aufwand, mit hohem eigenen Willen, nachzustellen. Das ist auch vielfach dokumentiert, also das kann man diesen Dokumenten auf alle Fälle entnehmen."
Die Polizisten hatten bei Fluchtversuchen Schießbefehl, doch was sie in den Berichten über die Deportationen immer wieder findet, geht über Befehl und Gehorsam weit hinaus: Notbremsungen des ganzen Zuges beim Absprung eines Einzelnen, kilometerweites Hinterherlaufen, regelrechte Jagden auf einen einzigen Flüchtling. Der Dienstausweis des Polizisten K., der sich extra das Fahrrad geliehen hatte, um hinterherzufahren. Nach dem Krieg wurde lediglich das Hakenkreuz ausradiert. Schutzpolizist K. wurde problemlos entnazifiziert und wechselte direkt in ein Diebstahldezernat der Polizei in NRW. Und das, obwohl seine Tat weit über Befehl und Gehorsam hinausgeht, selbst aus der Sicht heutiger Polizisten.
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Das hat nichts mehr mit dem Bewachen dieses Zuges zu tun. Das hat damit zu tun, dass ich jetzt einen Entschluss fasse, dieser Mensch muss vernichtet werden. Und das tut er dann ja auch, er erschießt den ja anschließend und meldet seinem Vorgesetzten Vollzug."
Reporter: "Ist so ein besonderer Eifer der Polizei schon aufgearbeitet?"
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Nein."
Wir sind eingeladen, uns im Keller des Düsseldorfer Polizeipräsidiums eine Ausstellung zur NS-Vergangenheit der Polizei anzusehen. Dass Schutzpolizisten am Holocaust beteiligt waren, das wird nicht mehr geleugnet. Aber bisher ging man bei der Polizei davon aus, dass die Beamten auf Befehl handelten und Ort und Zeit ihrer Taten nicht selbst bestimmten. Genau dies wird nun durch die neueren Forschungsergebnisse widerlegt. Und auch die nahtlose Übernahme in die bundesdeutsche Polizei gab es viel häufiger als bisher bekannt.
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Die sind übernommen worden, in den drei West-Zonen sind ungefähr 90 Prozent aller Polizisten, auch die, die im auswärtigen Einsatz waren, wieder in den Polizeidienst übernommen worden."
Reporter: "Also die, die Deportationszüge begleitet haben?"
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Unter anderem."
Tanja von Fransecky will wissen, wer von den Polizisten, die damals mit besonderem Eifer gehandelt haben, lebt heute noch? Sie fährt zur Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin. Hier erfährt sie, dass viele schon tot sind. Doch es gibt auch Spuren, die zu noch Lebenden führen. Ein archiviertes Schreiben zum 60. Gewerkschaftsjubiläum der Polizei - mit kompletter Adresse: Der ehemalige Schutzpolizist K. lebt noch. In einer deutschen Kleinstadt. Und zwar hier. Seine Familie ist bereit, sich die NS-Dokumente mit uns anzusehen und uns die Gelegenheit zu geben, ihn dazu zu befragen. Doch der heute 94-jährige ist an schwerer Demenz erkrankt und kaum ansprechbar, als wir da sind. Befragen können hätten ihn Staatsanwaltschaft oder Polizei schon vor über 30 Jahren. Von der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen erfahren wir, dass der Fall K. der Polizei schon 1971 bekannt war.
Tanja von Fransecky, TU Berlin: "Es ist sehr erstaunlich, dass es damals nicht zu Ermittlungen gekommen ist. Aber ich denke, es ist auch typisch für die mangelnde Aufarbeitung der NS-Verbrechen insgesamt und natürlich auch für den mangelnden Aufklärungswillen innerhalb der Polizei, gegen die eigenen Kollegen zu ermitteln."
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Vielleicht hats viele gegeben, die gesagt haben, es hat zwischen 33 und 45 hier auch Polizei gegeben, Punkt. Und dann das Mäntelchen des Vergessens drübergepackt. Ich will noch nicht mal sagen, dass die aktiv was dagegen getan haben. Man hats dann vielleicht einfach wirklich vergessen."
Reporter: "Oder man hat auch nicht danach suchen wollen?"
Klaus Dönecke, Leitungsstab "Polizeigeschichte", PP Düsseldorf: "Oder so."
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01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

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