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Rückschau
Sendung vom 06.11.2008Monitor Nr. 586 vom
Bericht: Frank Berger, Isabel Schayani
Georg Restle: "Die US-Wahl, das Desaster der SPD in Hessen, die Wirtschaftskrise – das waren die großen Themen der Woche. Wer interessierte sich da schon für eine Pressekonferenz des Außenministeriums, in der es um schier unfassbares Unrecht ging? Um das Leiden einiger hundert Menschen, die als Kinder fast alles verloren haben, was ein Kinderleben braucht? Ihre Eltern, ihre Geschwister, die Heimat. Die Rede ist von den Opfern grausamster SS-Massaker in Italien und Griechenland. Diese Menschen kämpfen seit Jahrzehnten um eine kleine Anerkennung ihres Leidens durch die Bundesregierung. Es geht nicht um Milliarden, den Opfern der Dörfer Distomo und Civitella geht es um eine kleine Geste. Offensichtlich zuviel verlangt, wie Frank Berger und Isabel Schayani berichten."
Bruder und Schwester. Argyris und Gundiliya überlebten das Massaker von Distomo. Seitdem lebt sie in Pflegeheimen.
Er (Übersetzung MONITOR): "Kannst du dich erinnern, wie Mutter sang?"
Sie (Übersetzung MONITOR): "Ich kann mich an nichts erinnern. Mein Verstand ist
stehengeblieben."
Er (Übersetzung MONITOR): "Wann?" Sie
(Übersetzung MONITOR): "Als ich klein war. Seit dem
Massaker."
Der Tag des Massakers von Distomo, der 10. Juni 44. Die SS rückt ein, der vierjährige Argyris Sfountouris versteckt sich mit zwei Schwestern oben im Haus. Die Deutschen setzen es in Brand. Argyris weiß noch nicht, dass die Eltern schon ermordet sind. Als die Kinder den Rauch entdecken, suchen sie verzweifelt nach dem Vater, schleichen zum Gartentor. Davor stehen SS-Männer. Sie können gerade noch fliehen. Zwei Häuser weiter rennt Argyris' Cousine mit ihrem Bruder Heim. Sie ist vier. Der Vater liegt auf dem Bett, die Mutter lehnt reglos an der Wand, das Baby Niko liegt auf dem Boden. Die Kinder rufen:
Cousine (Übersetzung MONITOR): "Mama? Papa? Niko? Sie gaben keine Antwort. Das Baby
hatten sie aufgeschlitzt und der Mutter vor die Füße geworfen. Mit
dem Gesicht nach unten. Mein großer Bruder bückte sich und hob Niko
auf. Woraufhin alle Eingeweide auf meinen Bruder fielen."
218 Menschen tötete die 4. SS Division. Innerhalb von zwei Stunden. Sechs Säuglinge, 45 Kinder, 53 Frauen, 75 Greise. Eine Vergeltungsaktion für den Angriff von Partisanen, heißt es offiziell. Obwohl das Dorf damit nichts zu tun hat. Ein SS-Soldat erinnert sich.
Ehemaliger SS-Soldat am Telefon:
"Na ja, als wir denn da ankamen, schwärmten die
Soldaten aus und haben die Häuser angesteckt und … die …
Zivilbevölkerung eben, wo sie sie erwischen konnten, umgelegt. Das
war grässlich, war das. Ein Bild kommt mir nicht aus dem Sinn: Da
war eine Frau mit einem Baby auf dem Arm … die wahrscheinlich um
Gnade gebettelt hatte, aber … die wurde auch erschossen."
War Distomo ein ganz normales Kriegsverbrechen, Kriegsalltag? Mit welchen moralischen Kategorien kann man das fassen? Mit welchen rechtlichen entschädigen? Argyris Sfountouris hat nie eine Entschädigung erhalten. Als 1960 die Bundesrepublik 115 Millionen D-Mark an Griechenland zahlte, wurden damit Juden und politisch Verfolgte entschädigt. Aber nicht Opfer von Massakern, wie Sfountouris. Er wuchs in einem Schweizer Waisenheim auf, spricht perfekt deutsch. Mit seinen Schwestern klagt er seit Jahren auf Schadensersatz. Der Rechtstreit hat ihn ernüchtert, verhärtet - radikal ist er nicht.
Argyris Sfountouris: "Es geht bei dieser Klage in erster Linie gar nicht um
Geld. Grundsätzlich geht es um etwas ganz anderes. Einerseits um
die historische Wahrheit. Deutschland hat sich fast 60 Jahre lang
geweigert zu anerkennen, dass es sich bei diesem Massaker von
Distomo um ein Kriegsverbrechen gehandelt hat."
Unrecht soll als Unrecht anerkannt werden. Und das einzige Mittel der Opfer, das zu erzwingen, ist die Forderung nach Entschädigung, als Geste, als Anerkennung des Unrechts. Also klagt Sfountouris sich in Deutschland durch alle Instanzen. Bis zum Bundesverfassungsgericht. Das urteilt vor zwei Jahren: Keine Entschädigung!
Zitat, Bundesverfassungericht, 15.02.2006: "Das Geschen in Distomo ist als formell dem
Kriegsvölkerrecht unterliegender Sachverhalt zu qualifizieren, dem
kein spezifisch nationalsozialistisches Unrecht eigen (…)
ist."
Kein spezifisches NS-Unrecht. Für das höchste deutsche Gericht ist Distomo ganz normaler Krieg. Das oberste griechische Gericht urteilt gänzlich anders: Die Opfer müssen entschädigt werden, die Verbrechen seien derart grausam. Im Jahr 2000 erlaubt es die Pfändung von deutschem Besitz in Griechenland. Das Goethe-Institut in Athen wird bereits vermessen. Die Bundesregierung stoppt das Ganze, pocht auf Staatenimmunität und spricht von einem Verstoß gegen das Völkerrecht. Diplomatischer Druck von höchster Ebene, bis die griechische Regierung die Pfändung schließlich stoppt.
Antonios Beys, ehem. Presseattaché
Griechenland (1995 - 1999): "Sowohl unter Kohl,
als auch unter Schröder und auch eigentlich heute unter Merkel
haben alle deutschen Bundesregierungen versucht Einfluss zu nehmen,
Druck auszuüben auf die griechische Seite. Sowohl auf die
griechische Justiz, als auch auf die griechischen Regierungen, um
zu vermeiden, dass ein Präzedenzfall geschaffen wird, denn in
Griechenland gab es ja mehrere, etwa 60 Massaker im Zweiten
Weltkrieg."
Argyris Sfountouris wird die Erinnerung an das, was in seinem Elternhaus geschah, nicht los und kann sich nicht mit dem Unrecht abfinden. Welche Justiz nimmt es mit Deutschland auf? Italien ist seine Hoffnung. Und tatsächlich bekommt er in diesem Jahr Recht. Das oberste italienische Gericht erlaubt ihm und den anderen Opfern, in Italien deutschen Staatsbesitz zu pfänden, damit sie entschädigt werden. Und Deutschland? Zu groß die Angst der Regierung vor einem Präzedenzfall, dass Tausende wie Argyris auf Entschädigung klagen. Aber keine außergerichtliche Lösung für die Opfer. Stattdessen kündigt das Auswärtige Amt dieser Tage die nächste juristische Instanz an:
Jens Plötner, Sprecher Auswärtiges
Amt: "Ich möchte hier noch mal bestätigen, dass
die Bundesregierung wegen der gegen Deutschland gerichteten
Entschädigungsklagen vor italienischen Gerichten eine Klage beim
Internationalen Gerichtshof in Den Haag einreichen wird."
Argyris Sfontouris erfährt, dass Recht an Grenzen stößt. Und die Politik?
Argyris Sfountouris: "Früher oder später muss die deutsche Politik hier
umdenken und sich flexibler verhalten. Vor allem muss sie
anerkennen, dass sie die Opfer nicht ewig als Opfer behandeln muss
oder darf. Sie muss endlich Respekt und Würde zeigen, den Opfern
gegenüber. Würdelos ist hier einzig und allein die deutsche
Regierung."
Übrigens: Keiner der Täter von Distomo wurde je strafrechtlich belangt.
Georg Restle: "Zuviel
verlangt?"
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