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Interview Tim Jackson (07.01.2010)Besser statt mehr: Wirtschaftswachstum
radikal anders
MONITOR-Interview mit Tim Jackson, Regierungsberater von Gordon
Brown.
Sonia Seymour Mikich: In westlichen Gesellschaften gibt es geradezu ein Mantra vom Wachstum. Wachstum ist gut. Ist das erklärbar aufgrund des real erfahrenen Wohlstands oder haben wir es mit einer Art Gehirnwäsche zu tun, die von führenden Wirtschaftsexperten und Regierungen ausgeht?
Tim Jackson: Es ist nicht nur ein Mantra. Unsere Wirtschaftsordnung ist unabdingbar auf stetiges Wachstum angelegt. Und eins wissen wir: ein wirtschaftlicher Zusammenbruch zieht böse Folgen nach sich, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben. Daher müssen wir uns vor einem solchen Zusammenbruch schützen. Und in der Vergangenheit hat sich Wachstum als der beste Schutz bewährt. Es zeichnet sich durch seine eigenartige Dynamik aus, die es zu begreifen gilt. Im Grunde kann man es auf einen einfachen Nenner bringen: unsere Gesellschaft ist auf den technologischen Fortschritt angewiesen, denn nur so lässt sich die Arbeitsproduktivität steigern. Und eine Produktivitätssteigerung hat zur Folge, dass im Jahr darauf wenige Arbeitskräfte eingesetzt werden müssen, um den gleichen Ausstoss zu erzielen. Es sei denn, dass die Wirtschaft weiterhin wächst. Also, das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Beschäftigung spielt hier eine zentrale Rolle. Immer höhere Arbeitsproduktivität führt zur Arbeitslosigkeit, wenn die Wirtschaft nicht weiter expandiert. Beim wirtschaftlichen Stillstand gerät der Arbeitsmarkt also unter Druck. Und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es gibt ja zwei Möglichkeiten: Wir können einfach akzeptieren, dass wir alle weniger arbeiten werden, was ja vorteilhaft wäre, denn dadurch verbessern wir unsere Lebensqualität. Allerdings hat das auch zur Folge, dass die vorhandene Arbeit gleichmässig unter den Erwerbstätigen verteilt werden muss. Dieses Prinzip wäre Grundstein einer neuen Beschäftigungs- und Wirtschaftspolitik. Das ist die eine Lösung. Die andere ist etwas komplexer, spiegelt aber genau das wieder, was in einer Rezession passiert, wenn nicht mehr nach immer höherer Arbeitsproduktivität gejagt wird. Dann werden die Prioritäten dahingehend verschoben, Arbeitsplätze zu retten. Das Ziel der höheren Arbeitsproduktivität wird dann dem Erhalt von Arbeitsplätzen geopfert. Der Erhalt von Arbeitsplätzen und Existenzgrundlagen ist an sich eine strukturelle Antwort auf diese schwierige Wachstumsdynamik und beweist, dass es doch Lösungsansätze gibt. Das Mantra des Wachstums war strukturell gesehen sehr wichtig, aber jetzt geht es darum, die Volkswirtschaft strukturell zu ändern.
Sonia Seymour Mikich: Das mutet ja revolutionär an.
Tim Jackson: Es ist in der Tat revolutionär. Es betrifft im Kern das, was wir als Wachstumsmotor in unserer modernen Volkswirtschaft bezeichnen. Aber wir brauchen einen neuen Motor. Nicht unbedingt einen Wachstumsmotor, vielmehr einen Wirtschaftsmotor, der die Volkswirtschaft ankurbelt. In dieser Übergangsphase geht es jetzt darum in den Erhalt von Arbeitsplätzen zu investieren und sich eine neue Vorstellung vom Wohlstand zu verschaffen, die nicht unbedingt mit stetig steigenden Einkommen verknüpft ist.
Sonia Seymour Mikich: Bisher war die Wirtschaft untrennbar mit Wachstumsraten und finanziellem Wert verbunden. Aber hier geht es um Lebensqualität und gerechte Verteilung. Wie stellen Sie sich diese neue Volkswirtschaft vor?
Tim Jackson: Das Modell ist ja neu wegen seiner Struktur und der zugrundeliegenden Bemessungsgrundlage. Die Bemessung der volkswirtschaftlichen Leistung bezieht sich bislang lediglich auf das Wachstum, und daher hat sie eine sehr begrenzte Aussagekraft. Es wird quasi nur die „Betriebsamkeit“ der Wirtschaft bemessen, und nicht inwieweit die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen befriedigt werden, oder wie gerecht die Waren und Dienstleistungen unter der Bevölkerung verteilt sind. Dafür wären andere Massstäbe nötig. Ebenso müsste man sich genau überlegen, was Wohlstand eigentlich heisst, wer und unter welchen Voraussetzungen daran teilhaben kann. Andere Indikatoren wie Bildungschancen, Gesundheitsniveau und Lebensqualität der Bevölkerung müssen auch mit einbezogen werden, neben Zufriedenheit und Wohlergehen. Dazu gehören auch die Verteilung der Einkommen und der Verbrauch von ökologischen Ressourcen. Und dadurch ergeben sich ganz neue wirtschaftliche Rahmenbedingungen und ein neues, höchst anspruchsvolles Bilanzierungssystem. Es bedarf einer volkswirtschaftlichen Rechnungslegung, die zukunftsfähig ist.
Sonia Seymour Mikich: Das heißt: ein neues Konzept, eine neue Definition von nationalen Ökonomien, die weit über Statistiken und Zahlen, Börsenwerte und Profitstreben und so weiter hinausgeht. Welchem Zweck dient in Ihrer Sicht eine Volkswirtschaft?
Tim Jackson: Die Volkswirtschaft steht im Dienste der Gesellschaft, sie sichert den sozialen Zusammenhalt. Sie soll die Mittel für einen gerechten und dauerhaften Wohlstand bereitstellen.
Sonia Seymour Mikich: Wie sieht das Wirtschaftsmodell der Zukunft aus?
Tim Jackson: Seit jeher sorgt die Volkswirtschaft für den sozialen Zusammenhalt und den gesellschaftlichen Wohlstand. Das war immer ihre Existenzberechtigung, so soll es bleiben. Und dort, wo sie diese Aufgabe nicht erfüllt hat, soll jetzt angesetzt werden. Das heisst, den Begriff Wohlstand neu zu überdenken und ihn neu zu bemessen. Also: der allgemeine Gesundheitszustand, das Bildungsniveau, die Lebenszufriedenheit, die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und der soziale Zusammenhalt sollen in diese Gesamtbilanz mit einbezogen werden. Dabei sollen auch diejenigen Mittel im Vordergrund stehen, mit denen wir diese Leistungen tatsächlich erbringen; nämlich, der Verbrauch von Naturkapital – eine Art Ökobilanz also. Unser wirtschaftliche Bedarf an Ressourcen und die Auswirkungen unserer gegenwärtigen Aktivitäten auf künftige Generationen müssen mit einkalkuliert werden. Das ist eine grosse Herausforderung, eine Vision, die wir aus einer Vielzahl von Gründen dringend brauchen.
Sonia Seymour Mikich: Sie nennen künftige Generationen, aber die Probleme, die uns bedrohen, müssen jetzt in Angriff genommen werden. Wie wollen Sie diesen Spagat überbrücken? Visionen sind ja schön und gut, aber wie sieht es konkret in den nächsten zwei bis drei Jahren aus? Nehmen wir an, Sie sind Berater der europäischen Union: Was wäre der erste Schritt, den Sie empfehlen würden?
Tim Jackson: Nun, es gibt etwas Interessantes namens Investition. Interessant, weil es erstens die wirtschaftliche Leistung fördert, und zweitens, weil es die Gegenwart mit der Zukunft verbindet. Gerade diese Verbindung ist ja uns abhanden gekommen. Denn von unseren Investitionen erwarten wir immer kurzfristigere Renditen und haben dabei die wichtigen, langfristigen Vorteile aus den Augen verloren. Also im Grunde ist das Rezept aus volkswirtschaftlicher Sicht ganz einfach: die Idee der langfristigen Investitionen wiederaufleben lassen. Wir müssen in Naturkapital, in die ökologische Aufwertung, in kohlenstoffarme und nachhaltige Technologien, in neue Infrastrukturen, in das Gemeinwesen investieren - genau dort, wo es möglich ist, dass sich Menschen auf umweltschonende Art und Weise entwickeln können. Und um diese Investitionen möglichst breitflächig zu tätigen, muss die Regierung eben diese Verbindung zwischen der Gegenwart und der Zukunft dringend neu gestalten.
Sonia Seymour Mikich: Bei Karl Marx hingen Investitionen unmittelbar mit Kapitalertrag und Profiten zusammen. Wie wollen Sie eine Gesellschaft oder ihre Wirtschaftskapitäne von Investitionen überzeugen, die nicht nach drei Monaten Rendite abwerfen?
Tim Jackson: Indem man ihnen ausmalt, was auf sie zukommt. Und das, was auf sie zukommt, sind wachsende Ressourcenknappheit, auseinanderbrechende Gesellschaften, der Klimawandel und eine dahinschwindende Artenvielfalt. Die Grundlagen des Wirtschaftslebens werden förmlich ausgehöhlt. Wenn man keine Mittel in das eigene Naturkapital steckt, verkommt es und wirft gar keine Rendite mehr ab, es versickert einfach. Zwar sind sich viele Unternehmen und Firmen dessen bewusst, aber sie haben den Sinn dafür verloren, was richtige Investitionen und Renditen sind, und worauf es aus sozialer und ökologischer Sicht nun ankommt. Also, betriebswirtschaftlich ist der Gedanke nicht revolutionär, aber in Bezug auf Struktur und Art der Investition sehr wohl. Darüber besteht kein Zweifel, denn die zu erwartenden Renditen würden nicht denjenigen entsprechen, die der Markt anstrebt. Und daher ist es höchste Zeit über die Rolle des Marktes, des Staats und des Privatkapitals nachzudenken und sie in einem neuen Licht zu betrachten. Das ist nicht revolutionär aber immerhin schon radikal im Ansatz. Und die letzten Jahren lehren, dass diese Debatte unbedingt eröffnet werden soll.
... Regierungen sollen diese langfristige Perspektive fördern, sie sind das bindende Element. Wir Individuen denken immer sehr kurzfristig und sind sogar bereit, die eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen, um einen kurzfristigen Vorteil zu ergattern. Allein der gesellschaftliche Konsens hindert uns daran, unsere eigene Zukunft gegen einen kurzfristigen Gewinn einzutauschen. Er hält uns davon ab, die Gesellschaftsordnung aufgrund individualistischer Vorteile auszuhöhlen. Die Regierung hat die Aufgabe, die Gesellschaft vor sehr kurzfristig ausgelegten, materialistischen und individualistischen Interessen zu schützen, und zwar langfristig. Das ist die Kernaufgabe des Staates. Paradox: die Regierungen bemühen sich solche Aufgaben wahrzunehmen, wie die aktuellen Klimakonferenzen beweisen. Aber sie erreichen nichts, weil sie gleichzeitig nach Wachstum streben. Aufgrund dieses „Wachstumsfetisches“ befindet sich daher der Staat in einer Art Zwickmühle. Wenn wir endlich darauf verzichteten, könnten wir eine neue Vision heraufbeschwören, die den Staat dazu verpflichtet, unsere langfristigen Interessen zu wahrzunehmen.
Sonia Seymour Mikich: Wie würde sich das konkret auf der politischen Bühne gestalten?
Tim Jackson: Handlungsbedarf besteht auf zwei Gebieten. Zunächst brauchen wir eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik, die diesen Aufgaben gerecht ist. Dem ist zur Zeit nicht so. Zwar wird das Thema Emissionshandel von den Wirtschaftswissenschaftlern inzwischen gern angesprochen. Das liegt aber daran, dass der Handel als solcher in ihr Konzept von Wirtschaft hineinpasst. Anders sieht es beim Thema ökologische Nachhaltigkeit aus, die von der Umwelt auferlegten Grenzen werden noch nicht berücksichtigt. Daher bedarf es dringend einer Wirtschaftspolitik, die diesen Einschränkungen Rechnung trägt. Und parallel zur Tagespolitik muss dazu ein, auch noch so kleiner, intellektueller Freiraum in der Politik, im Finanzministerium geschaffen werden, in dem ein zukunftsfähiges Wirtschaftsmodell entwickelt und durchdiskutiert werden soll. Einen solchen „politischen Raum“ zu schaffen ist von zentraler Bedeutung und gehört zu den Empfehlungen, die aus dem Bericht „Prosperity Without Growth“ (Wohlstand ohne Wachstum) der Sustainable Environment Commission (Nachhaltigkeitskommission) hervorgegangen sind. Dort werden ein Reihe von ernst zu nehmenden Fragen aufgestellt. Der Staat ist aufgefordert, politische Lösungen zu formulieren. Dieser Dialog ist dringend vonnöten.
Sonia Seymour Mikich: Wie war darauf die Resonanz?
Tim Jackson: Nun, es ist ganz merkwürdig, denn unseren Bericht haben wir offiziell den Entscheidungsträgern bei der Regierung vorgelegt. Aber es war sehr schwer, uns dort Gehör zu verschaffen. Bisher habe ich durchaus fruchtbare Diskussionen mit Basisbewegungen geführt, mit Investitions- und Finanzhäusern, mit Unternehmen, Wissenschaftlern und mit Kommunen. Aber am Schwierigsten gestalteten sich die Gespräche bei den zuständigen Stellen der zentralen Regierung.
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24.05.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten
Donnerstag, 24.05.2012
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Freitag, 25.05.2012
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20:15 Uhr - EinsExtra
Samstag, 26.05.2012
08:20 Uhr - WDR

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Am Rhön-Klinikum Hildesheim wurden möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt. Das berichten das ARD-Magazin MONITOR und das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL.
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