Sie befinden sich hier:
Monitor - Startseite
Monitor
Monitor Extra
Interviews
Interview Chris Goodall(19.11.2009)Klimakatastrophe - warum die Menschheit
scheitern wird
MONITOR-Interview mit dem Klimaforscher Chris Goodall.
(Übersetzung: MONITOR)
Sonia Mikich: In Kopenhagen werden viele Weltpolitiker erneut versprechen, den Ausstoss von Treibhausgasen zu drosseln, gleichzeitig aber werden sie wohl auf das Ergreifen von schmerzlichen Massnahmen verzichten. Wie wollen sie der Bevölkerung das Ausmass dieses Problems klar machen ohne die Folgen zu nennen?
Chris Goodall: Nun, ich glaube, dass die breite Öffentlichkeit eher der Meinung ist, dass dieses Problem auch ohne schmerzliche Gegenmassnahmen gelöst werden kann. Daher ist der Spielraum der Politiker eher begrenzt, denn sie können nicht so vorgehen, wie sie es für richtig halten.
Es gibt grundsätzlich zweierlei zu bedenken: Erstens sind inzwischen viele Politiker fest der Meinung, dass dies ein äusserst schwerwiegendes Problem darstellt, das sich die Welt zügigst in Angriff nehmen muss. Aber bei ihnen daheim glauben ihre Wähler, dass dieser Krise auch ohne schmerzliche Massnahmen beizukommen ist. Also müssen sich Politiker damit abfinden, dass die eigenen Bevölkerung gar nicht einsehen will, dass radikale Lösungen nötig sind. Ausserdem denken viele: MEIN Land hat genug getan, die Anderen müssen jetzt ran. Wir Briten glauben gut zu sein, die Deutschen glauben das von sich, in China ist es auch so. Aber: dies ist kein Wettbewerb, möglichst wenig zu tun. Es sollte ein Wettbewerb sein, das Meiste zu tun.
Alle Regierungen handeln inkonsequent. Denn sie hören nicht auf Ratschläge, die sie anderen Ländern erteilen. Die meisten Regierungen werden aufgrund von Versprechungen ins Amt gewählt, das Leben der Bürger zu verbessern. Darauf kommt es letztendlich an. Oder wie der frühere US-Präsident Bill Clinton es knapp formulierte: ‘It’s the economy, stupid.”. In keinem Land der Erde steht das Thema Klimawandel bei der Wählerschaft oben auf der Tagesordnung.
Sonia Mikich: Warum eigentlich nicht? Weil alles so weit hergeholt ist? Zu weit entfernt liegt?
Chris Goodall: Es gibt mehrere Gründe dafür. Zunächst ist es ein ungeheuer komplexes Problem. Nur wenige verstehen die wissenschaftlichen Zusammenhänge. Man kann auch nicht von Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund erwarten, dass sie diesen Sachverhalt begreifen. Sie fühlen sich von den Wissenschaftlern gedrängt, ihr Leben umzukrempeln. Sie fürchten, dass gesetzliche Massnahmen die Steuerlast erhöhen und dadurch ihr Leben erschweren werden. Folglich sehen sich Politiker einer enormen Herausforderung gegenüber.
Sonia Mikich: Es gibt genug Informationen zum Thema Klimaänderung. Warum verfehlen sie ihre Wirkung bei den Menschen? Warum ändern sie nicht ihre Lebensweise?
Chris Goodall: Weil wir glauben, dass alles gut ausgeht. Und es stimmt, für die meisten Leute in Westeuropa waren die letzten 50 Jahre eine Epoche wachsenden Wohlstands und weniger Öko-Katastrophen.
Wir sind nicht mehr gewohnt, über echte Lebensmittelknappheit oder einen massiven Klimawandel nachzudenken. Es ist eben der Erfolg. Der Erfolg des Kapitalismus im Westen, der den Menschen jede Veränderung so schwer macht.
Und obwohl der Klimawandel ein äusserst schwerwiegendes Problem darstellt, geht es eben nicht um das nackte Überleben des Einzelnen. Wir sind - psychologisch gesehen - bestens darauf eingestellt, uns nur um Dinge zu kümmern, die unser tägliches Leben berühren: zum Beispiel, genug zu essen zu bekommen. Und nicht um Dinge, die erst in 50 Jahren uns Enkelkinder betreffen könnten.
Sonia Mikich: Im Sog der Finanzkrise ist der Klimawandel in den Hintergrund geraten. Bekanntlich ist der Schadstoffausstoss weniger geworden, infolge des Produktionsrückgangs. Nun warten alle darauf, dass sich der Wachstum wieder einstellt. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?
Chris Goodall: Ich halt es für schier unmöglich, ein ökonomisches System zu betreiben, das nur auf Maximalisierung des Wachstums ausgerichtet ist, und gleichzeitig eine Reduktion des Schadstoffausstosses zu erzielen. Unsere Gesellschaft wird sich wohl sehr schnell damit abfinden müssen, dass wir schon genügend Wohlstand erreicht haben. Und den müssen wir jetzt einsetzen, um das Glück der Menschen zu sichern. Denn das menschliche Glück hängt nicht allein von ständig steigenden Wachstumsraten ab. In den letzten 50 Jahren haben wir aus den Augen verloren, dass wir anders über Wachstum denken müssen, wenn wir den Anstieg von Klimagasen drosseln wollen.
Wir sind süchtig nach Wohlstand, nach Wachstum. Alles wird daran gemessen wie wir unseren materiellen Besitz vermehren. Unser Selbstverständnis hängt davon ab, dass wir reicher als der Nachbar sind.
Das muss aufhören. Das geht absolut nicht mit Klimarettung zusammen. Die Generation seit 1945 hat die Öko-Systeme des Planeten mehr beschädigt als jede einzelne Generation zuvor. Ich weiss nicht, ob diese und die nächste Generation das Problem in den Griff bekommen. Aber der erste Schritt, unabdingbar: wir müssen aufhören mit einem Wirtschaftswachstum um jeden Preis.
Sonia Mikich: Würden Sie also radikale Intervention seitens des Staats in Sache Umweltschutz befürworten?
Chris Goodall: Nein. Wobei die Frage nicht leicht zu beantworten ist. Denn die Probleme sind extrem schwerwiegend und nur über langfristige Massnahmen zu lösen. Geht das überhaupt innerhalb einer Demokratie? Dass es schwierig wird, haben wir schon festgestellt. Sobald man versucht, solche Massnahmen autoritär durchzusetzen, verliert man die Unterstützung ausgerechnet der Teile der Gesellschaft, die man braucht. Nämlich die Intellektuellen, die Philosophen und die Wirtschaftsführer, die bei der Lösung des Problems unbedingt mitziehen müssen.
Sonia Mikich: Aber wie kann man einen sozialen Konsens erreichen? Akuter Handlungsbedarf besteht schon jetzt. Die Zeit drängt...
Chris Goodall: Nun es werden schon Fortschritte erzielt, auch wenn sie immer noch zu langsam vorankommen. Aber in den meisten europäischen Ländern setzt sich doch die Erkenntnis durch, dass diese ökologischen Problemstellungen in der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht zu überwinden sind. Dies zu erreichen, ohne dem Autoritärismus zu verfallen, stellt eine grosse Herausforderung und ein grosses Problem für die westlichen Demokratien. Aber diesem müssen wir uns stellen und Lösungen innerhalb und nicht ausserhalb des demokratischen Systems suchen.
Sonia Mikich: Es ist also zu spät pessimistisch zu sein? Was erhoffen Sie sich als Ergebnis von der Kopenhagener Klimakonferenz?
Chris Goodall: In Kopenhagen wird, so glaube ich, nichts Wesentliches erreicht. Und in sechs Monaten wird eine weitere Konferenz anberaumt werden müssen. Auf der anderen Seite bietet Kopenhagen die Möglichkeit, ein tieferes Verständnis in der Öffentlichkeit zu erzielen. Es wird allenthalben darüber diskutiert und im Fernsehen berichtet werden. Deswegen die Hoffnung, dass die von den Politikern in Kopenhagen gesendete Kernbotschaft wenigstens teilweise auf eine grössere Resonanz stösst. Allerdings wird die Konferenz selbst ein absoluter Reinfall.
Wir haben kein grosses Interesse an Leuten auf der anderen Seite der Welt, die wir nie treffen werden. Die Interessen unserer Liebsten und Nachkommen gehen vor, wir wollen SIE beschützen. Ich drücke es so aus: sie sollen das Haus auf dem Hügel haben, wenn die Fluten kommen. Wir sorgen uns nicht um die Malediven, die wahrscheinlich in 50 Jahren völlig versinken.
Es gibt auch einen moralischen Aspekt, der leider nicht genügend Beachtung findet: nämlich, dass die Menschen, die heute in den ärmsten Teilen der Welt leben, weiterhin unter den Folgen der Handlungen der Menschen leiden, die heute in den reichen Industrieländern leben. Deren übermässiger Konsum ist für den Klimawandel und die Umweltschäden in den armen Ländern verantwortlich. Wenn das keine Frage der Moral ist, was dann? In Europa wird der Begriff Moral aus dem öffentlichen Diskurs ausgeklammert. Warum das so ist, weiss ich auch nicht. Vielleicht ist es ein weiterer Sieg des Kapitalismus. Denn moralische Fragen sind nun in die Privatsphäre gebannt worden, obwohl es beim Klimawandel um unser aller Moral geht.
Monitor - weitere Informationen zur Sendung
01.03.201221:45 - 22:15 Uhrim Ersten

Wulff - Soap, nicht Krise
Sonia Seymour Mikich: "Was erwartete ich eigentlich von einem Bundespräsidenten? Dass er Deutschland nach außen gut repräsentiert und zu großen Themen kluge, also überparteiliche Bewertungen abgibt. Wenn es ganz stürmisch kommt, auch Anker sein kann. Ein Bundespräsident darf nicht viel, darum soll das Wenige glaubwürdig sein. Gewicht haben."
[mitbloggen]

MONITOR zum Mitnehmen
Der VideoPodcast für unterwegs!

Armut trotz Arbeit
MONITOR-Beiträge über den Alltag von Arbeitnehmern, Arbeitslosigkeit, Mobbing und Altersvorsorge.
[mehr]

Umwelt- und Klimapolitik
Das Ende einer Energie-Epoche.
[mehr]

Joseph Pulitzer (1847-1911)
"Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, attackiert sie, macht sie vor allen Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein genügt vielleicht nicht - aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen versagen..."

Dienstags und donnerstags informieren die sechs Politikmagazine der ARD: investigativ, kritisch, meinungsstark
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.
© WDR 2012