Universität will die Knochen für Sammlung, doch der Kadaver liegt nicht tief genug.
Stuttgart - Es war fast ein Geheimunternehmen. Im Juli vergangenen Jahres hoben ein paar Männer in weißen Schutzanzügen am Rande des Schlosses Hohentübingen ein e Grube aus. Im Hasengraben, einem öffentlich nicht zugänglichen Teil des Schlossgrabens, wurden mehrere große Stücke verscharrt. Passanten, die das mysteriöse Treiben beobachteten, erhielten auf ihre Fragen eine klare Antwort: „Wir begraben einen Elefanten.“ Selten so gelacht.
Bis die ganze Wahrheit bekanntwurde, bis sie regelrecht zum Himmel stank, dauerte es Monate. Bogenschützen des Vereins Castle Archers, die im Hasengraben regelmäßig trainieren, wunderten sich über einen komischen Geruch, berichtet Michael Seifert, der Sprecher der Uni Tübingen. Vor wenigen Tagen, als die Frühlingstemperaturen kräftig stiegen, wurde der Gestank immer strenger und schließlich die ganze Wahrheit ruchbar. Wissenschaftler der Universität Tübingen hatten dort tatsächlich einen Elefanten begraben. Zumindest gewichtige Teile.
Als am 13. Juli des Vorjahres die betagte asiatische Elefantendame Molly in der Wilhelma von ihrem Leiden erlöst wurde, war die Trauer groß. „Molly war meine ganz Liebe“, erinnert sich Marianne Holtkötter, die stellvertretende Leiterin. Das Tier, das wegen seiner starken Behaarung liebevoll „Mammut“ genannt wurde, hatte zuletzt wegen unheilbar entzündeter Vorderfüße arge Schmerzen zu erleiden und war abgemagert.
Wegen Hitze war Eile geboten
Nach der unumgänglichen Einschläferung war wegen der sommerlichen Hitze Eile geboten. Wohin mit dem schweren Dickhäuter? „Wir haben immer Anfragen von Wissenschaftlern, die für die Forschung Interesse an toten Zootieren haben“, sagt Marianne Holtkötter. Im Fall von Molly meldeten sich Wissenschaftler der Uni Tübingen.
Was machen Forscher mit einem toten Rüsseltier? Die Vermutung, Tübinger Genetiker wollten aus einem Elefanten eine Mücke klonen wollen, ist abwegig. Glaubhaftes wissenschaftliches Interesse aber konnten die Tübinger Urgeschichtler nachweisen.
Unter der Leitung von Professor Nicholas Conard graben sie seit Jahren in steinzeitlichen Höhlen der Schwäbischen Alb. Am Vogelherd, am Hohlen Fels und am Geißklösterle haben sie einzigartige Funde gemacht, darunter die ältesten Kunstwerke und Musikinstrumente der Menschheitsgeschichte. Gefunden wurden dort auch jede Menge Mammutknochen.
Knochen sollen Sammlung ergänzen
Um den Körperbau der ausgestorbenen Mammuts besser verstehen zu können, wollen die Urgeschichtler seit Jahren ihre umfangreiche Sammlung um Elefantenknochen ergänzen. Molly soll sie nun liefern.
Zu diesem Zweck rückten im vergangenen Sommer Wissenschaftler und Studenten aus Tübingen in der Wilhelma ein. In einem provisorischen Zelt auf dem Betriebshof kam die tote Molly nicht unters Messer, sondern unter den Trennschleifer. Ein blutiges Geschäft, bei dem das Fleisch grob von den Knochen getrennt wurde. „Es war ein trauriger Tag“, erinnert sich Marianne Holtkötter. „Viele Mitarbeiter, besonders die Tierpfleger haben sich das nicht angeschaut.“
Im Normalfall kochen Archäozoologen Knochen aus, um sie von Fleisch- und Geweberesten zu reinigen und so lagerfähig zu machen. Weil eine Elefantenhüfte aber nicht in einen Kochtopf passt, mussten die Tübinger Wissenschaftler improvisieren. „40 Prozent der Knochen von Molly wurden eingefroren“, sagt Unisprecher Michael Seifert, „60 wurden im Schlossgraben verbuddelt.“
Zwischen Uni und Behörde glühen die Drähte
Doch genau dabei wurden Fehler gemacht. Weil wegen der hohen Temperaturen Eile geboten war, landeten die Reste von Molly in der ausgehobenen Grube, ohne dass eine Genehmigung des zuständigen Veterinäramts des Kreises Tübingen vorlag. Auch die für das Schloss Hohentübingen zuständige Denkmalbehörde wurde nicht eingeschaltet.
Ein Anrufer informierte vor etwa zwei Wochen das Denkmalamt über den Vorgang. Seitdem glühen zwischen der Universität und den zuständigen Behörden die Telefonleitungen. „Inzwischen liegen nachträglich alle Genehmigungen vor“, sagt Seifert.
Im Veterinäramt in Tübingen sieht man den Vorgang gelassen. „Da wollte wohl jemand aus einer Mücke einen Elefanten machen“, sagt Sachgebietsleiter Theodor Bauer. Seine Behörde habe inzwischen für den Feldversuch mit den Überresten von Molly einen Duldungsbescheid ausgestellt.
Bleibt die Frage, ob die Wissenschaftler die Knochen im Hasengraben nicht tief genug vergraben haben. Für Gräber von Menschen gilt auf Friedhöfen eine Mindesttiefe von 1,80 Meter. „Six feet under“ sind für tierische Reste dagegen nicht vorgeschrieben. Laut Veterinäramt gilt als Anhaltspunkt eine Mindestüberdeckung von 40 bis 50 Zentimetern.
Wie der Fall von Molly in Tübingen zeigt, reicht diese Tiefe nicht aus, um Geruchsbelästigungen dauerhaft auszuschließen. „Bei einer Begehung vor wenigen Tagen wurde kein Geruch mehr festgestellt“, versichert Seifert. Zur Sicherheit würden dort aber weitere 30 Zentimeter Erdreich aufgeschüttet.
Die Liegezeit von Mollys Resten soll 2014 enden. Dann bekommen ihre Knochen einen Platz in der Sammlung der Urgeschichtler.